2. September 2014

Swiss Cycling Alpenbrevet, ein Renn-Bericht: Gipfelrausch im Blindflug.

Unser Mietwagen steht etwas außerhalb von Meiringen, dem Startort des Alpenbrevet, einem der härtesten Radmarathons, den man in den Alpen fahren kann. Wir sind hier für die Platin-Runde angemeldet: 276 Kilometer bei 7.031 Höhenmetern. Ich trete ruhig, im Stehen (Sitzen geht irgendwie nicht mehr) in einem hohen Gang, fahre neben Heiko, meinem Teamkollegen her, wir schnacken. Vor etwa 15 Minuten sind wir durchs Ziel gekommen - es sind 2 oder 3 Kilometer bis zum Mietwagen.

"Wie sehen denn Deine Hände aus?", frage ich ihn. Er zieht eine Schnute: "Kette abgesprungen!", antwortet Heiko. "Hä?", frage ich ungläubig, "Das geht bei der Di2 doch gar nicht?!" Ich biege auf den Parkplatz ein, auf dem wir vor knapp 12 Stunden unseren Ford Mondeo abgestellt hatten. Mir springt beim Runterschalten die Kette ab. 
Auch ich fahre auch eine Di2.

Im Ziel des Alpenbrevet: Endspurt mit Sprintcharakter.


Wir öffnen die Kofferraumklappe unseres Autos, schälen uns aus den nassen Klamotten, unter Stöhnen und Ächzen, und hocken uns mit knarzenden Wirbelsäulen in die Sitze: Nur raus aus dem Lycra, tiefe Schlücke aus der Wasserflasche - endlich mal kein Isozeugs mehr - und eine Handvoll Gummitiere in den Rachen geworfen. Mein Puls klackert noch immer bei 180 herum - Alter, war das ein Finish!







Aus, vorbei: Das Alpenbrevet 2014 ist Geschichte. Wir sind sehr
zufrieden mit unserer Leistung.

Nur dreißig Minuten vorher hänge ich in Untenlenkerhaltung auf meinem Cervélo und schieße über den Asphalt. Ach, was sage ich, ich fliege förmlich: Meine Beine wirbeln die Kurbel mit einer Hammerkadenz im Tretlager umher, dass ich heute Jens Voigt an seinem letzten Tag als Aktiver alle Ehre machen würde: Wie zu seinen besten Zeiten komme ich mir als Ausreißer vor. Und das bin ich irgendwie auch: Der dicke Nebel oben im Sustenpass bremst Auto- und Radverkehr auf Schrittgeschwindigkeit ab. Mehr blöd im Kopf als alles andere jedoch taste ich mich (als ich endlich unter 1.800 Metern Höhe aus der Kältestarre erwache) Auto um Auto nach vorn. Und irgendwann drehe ich auf.

Es sind sicher auch die 2 bis 3 Prozent Gefälle, die mich die letzten 20 Kilometer nach Meiringen tragen, aber eben auch meine Schenkel, die für massiven Vortrieb sorgen. Wie bescheuert zirkele ich die Sustenstraße durch die kleinen Dörfer, durchfliege Kurven in extremer Schräglage und überhole mindestens 15 Mitstreiter, die es eher gemächlich angehen lassen: Mir tropft Adrenalin aus den Ohren - auf diesen letzten Meilen lege ich einen lockeren 40er-Schnitt hin. Und das nach 11 Stunden Radrennen.



Endlich nebelfrei: Die letzten 20 Kilometer im Speedrausch nach Meiringen

Im Ziel bin ich wie besoffen, als ich das DuraCase und das iPhone ausschalte. Heiko wird es einige Minuten nach mir über die Ziellinie spülen: Hier beklatschen sie und feiern sie jeden, der dieses Alpenbrevet finished. Egal, ob hammerharte Platin-Strecke, die die Fahrer auf 276 Kilometern über 7.000 Höhenmeter treibt, ob Gold-Strecke, die nur einen Pass weniger aber immerhin noch krasse 5.300 Höhenmeter bereit hält, oder die nicht wirklich als klein zu bezeichnende Silber-Runde, die auf immerhin 134 Kilometern noch ganze 3.900 Höhenmeter von den Schenkeln verlangt. 

Noch immer spüre ich den kalten Fahrtwind auf meinen Wangen, vergessen die Qualen der 4 Pässe, die wir gerade überquert haben. Ein wahnsinniger, ein wunderbarer Renntag hat gerade seinen Abschluss gefunden. Was für ein Finish!



Glücklich im Ziel: Mit Teamkollege Heiko habe ich 11 Stunden und 
5.300 Höhenmeter lang gelitten, gekämpft und schließlich irgendwie gewonnen.

Ich freue mich über das Finishergeschenk, einen praktischen Rucksack. Endlich mal was anderes, als ein neues von tausend Event-Trikots, endlich mal keine Staubfänger-Medaillie. Diesen Rucksack werde ich gebrauchen. Und in Ehren halten.

So schieben wir unsere Rennräder aus dem Zielbereich, satteln nach 5 Minuten Verweilen auf und machen uns auf in Richtung Auto: Jetzt wollen wir nur noch heiß und sehr lange duschen. Und ein Stück Fleisch, das wäre jetzt genau das Richtige! Zumal: Bevor wir in den Genuss dieser berauschenden letzten Abfahrt kommen konnten, hatten wir den finalen Berg des Tages zu bezwingen. Und der ist mit 2.200 Metern Höhe - wie alle Berge des Alpenbrevet - kein einfacher gewesen.


Zum Sustenpass: Wo Elend seinen Namen bekommt.


"Los, Heiko, jetzt haben wir nur noch diesen Schnuddelpass!", feuere ich uns an, als wie das kurze Flachstück nach der Gotthard-Abfahrt hinter uns gebracht haben und uns dem letzten Berg des Tages gegenüber sehen: Der Sustenpass. Gestern bei der Akkreditierung meinte noch einer etwas von "der endet nie!" und sprach damit wohl die Länge dieses Anstieges an. Naja, da hatten wir aber schon deutlich Längere heute ...



Schneetunnel und Tunnel an sich gibt es beim Alpenbrevet eher wenige. Gut so.

Das Pässeportal Quäldich.de gibt der Ostrampe vom Örtchen Wassen aus knapp 18 Kilometer und insgesamt 1.300 Höhenmeter, die man auf den 2.200 Meter hohen Pass zu überwinden hat. "Landschaftlich einer der schönsten der Alpen", heißt es da, "was man allerdings anzweifeln muss." Ich werde bald merken, was die Autoren damit meinen.

Fürs Erste jedoch bin ich motiviert: Letzter Pass des Tages, noch dazu einer, der mit 7 bis 8% Durchschnittssteigung und gerade mal 10% in den Spitzen deutlich einfacher zu fahren sein sollte, als die drei vorherigen Pässe.

So schnaufen wir heran, schalten in Wassen herunter und ergeben uns dem Unvermeidlichen: Dennoch, ich bin wirklich hoch motiviert. Nur noch diese eintausenddreihundert Meter in die Höhe, dann haben wir das Pensum für heute erfüllt. Das ist doch mal eine Aussicht?!




Es geht los in den Susten: Nebelbänke versperren wieder die Aussicht.

Der Anstieg zum Susten ist schon kurz nachdem wir Wassen verlassen haben irgendwie langweilig. Es geht meist nur geradeaus, richtig Serpentinen-Ballett, das wir bei den Pässen vorher erleben durften, hat dieser Anstieg nicht zu bieten.
Die Straße führt sehr geradlinig an einer Flanke eines Tals, das meist von Wiesen und Weiden bedeckt ist, nach oben. Mein Steigungsmesser - ich nutze heute das DuraCase mit dem iPhone und der Cyclemeter-App - zeigt immer um die 6, 7 und manchmal 8% an. Nichts, was einen, der sich Berg-Fan nennt, schocken könnte. Allerdings habe ich schon über 4.000 Höhenmeter in meinen Beinen und wenn Gummi einen neuen Namen benötigte, man könnte heute mit Fug und Recht "Lars" vorschlagen.

Auffallend viele Mitfahrer tummeln sich um uns herum. Komischer Rennverlauf: Noch heute morgen bis in den Gotthard hinein waren Heiko und ich eher allein, kaum mal Gruppen von mehr als 15 Fahrern. Doch jetzt kann ich alle 50, 100 Meter einen Alpenbrevet-Teilnehmer entdecken. Fast alle fahren wir die gleiche Geschwindigkeit. Auch das ist neu: Man wird kaum noch überholt. Die Schnellen sind alle schon vorn. Heute bin ich nicht schnell.


Eine der wenigen Kurven im Sustenpass.

Heiko und ich spielen ein komisches Spiel. Wenn ich vor ihm bin, dann lässt er sich 10, 15 Minuten lang auf etwa 20 Meter Abstand zurück fallen. Um dann - ich höre das Surren der Di2 und das charakteristische Klacken, wenn ein Gang unter Last aufgelegt wird - hochzuschalten und im Wiegetritt an mir vorbeizufahren. Oft macht er dicke Backen, langsam, kaum noch kraftvoll stampfen seine Beine in die Kurbelarme. Ich bin ebenfalls viel zu kraftlos, um mitzugehen, also schaue ich ihm meist nur nach.

Hat er dann seine 10, 20 Meter Abstand zu mir bekommen, setzt er sich wieder in den Sattel, schaltet runter und fährt im Sitzen weiter. Nur, um von mir wiederum ein paar Dutzend Meter später wieder meinerseits überholt zu werden. Sicher: Für ihn ist der Wiegetritt eine Art Erholung. Auch ich nutze diese Technik, um kurzzeitig einmal andere Muskelgruppen zu nutzen, meinen Nacken zu recken oder die Arme zu strecken. Wie gesagt: Richtig kraftvoll oder gar schnell agieren wir hier beide schon lange nicht mehr. Und das, was ich von denen sehe, die ich hier überhole, sind die es auch nicht mehr.


Muss bei Sonne nett aussehen, duftet heute jedenfalls lecker: Der Nadelwald am Sustenpass.

Manchmal blicke ich zurück. 2.500 Teilnehmer zählt das Alpenbrevet, das Juwel der Swiss Cycling Top Tour und härtestes der insgesamt 8 Rennen, die man als Jedermann in der Schweiz bestreiten kann. Wie viele von denen mögen sich für die lange Strecke entschieden haben? Wie viele für die Gold- oder Silber-Variante? Was ich sehen kann, sind allesamt eher ausgezehrte, leere Gesichter. Wir haben zwar erst 140 Kilometer in den Beinen, aber schon mehr als 4.000 Höhenmeter. Und das bei Witterungsbedingungen, die man gut und gern als "widrig" bezeichnen könnte.

Ich überhole einen, der schnauft lauter als die Brocken-Bahn. Altersklasse 60+ würde ich schätzen, auf einem schönen Stahlrahmenbike mit schlankem Geröhr unterwegs. Ich grüße. Als er nickt, löst sich ein dicker Tropfen Schweiß von seiner Nase.
Ich komme an einem Mädel vorbei - hübsch, brauner Teint, schwarze Haare die wild unter dem Helm hervorwuchern. Sie sitzt auf einem Bordstein direkt an der Straße, lehnt sich an die Felswand hinter sich und schaufelt sich händeweise Mandeln in den Mund. Ihre Augen starren ins Leere.
Einige hundert Meter weiter vergräbt eine Teilnehmerin ihr Gesicht in beide Hände, scheinbar weint sie. Ein anderer (ihr Freund?) legt tröstend seine Hand auf ihren Rücken.

Szenen, die ich sonst bisher nur beim Ötztaler Radmarathon, und dann dort auch erst im Anstieg zum letzten Pass erlebt habe. Und dabei ist dieser Sustenpass nicht einmal annähernd mit der unerbittlichen Härte eines Timmelsjoch zu vergleichen. Und doch: Der Tag fordert eben seinen Tribut. Hat er bei uns auch schon.


Wie schon den ganzen Tag über: Ab 1.500, 1.800 Metern Höhe kommt der Nebel.

Je weiter hoch wir kommen, desto dichter werden die Nebelfelder. Sind es weiter unten nur kleine Schwaden, die ebenso schnell vorbeiziehen, wie sie erscheinen, fahren wir nun in eine dichte, kalte und feuchte Suppe. Gottseidank geht hier im Anstieg diesmal kein Wind - das hatten wir heute auch schon mal anders - aber dieses Gefühl, wenn die Nässe durch die Beinlinge und die Nähte der Schuhe krabbelt und sich kalt auf der Haut breit macht - furchtbar!

Wer bis jetzt noch nicht seine Jacke angezogen hatte, der tut es nun sicher. Ich als alte Frostbeule habe heute unsere neue, warme Softshell-Jacke nur ein einziges Mal ausgezogen: Am Gotthard, als wir +18 Grad hatten. Hier am Susten bin ich schon lange am Bibbern.


Irgendwo und irgendwann muss doch diese verdammte Passhöhe kommen?!?

Der Anstieg wird durch den Nebel noch langweiliger. Ich freue mich über jeden Ausblick, den mir die dicke weiße Suppe nach unten freigibt, zücke sofort meine Cam und drücke ab. Auch wenn es mittlerweile schmerzt, immer nach hinten zu greifen, es ist eine willkommene Abwechslung zu diesem Anstieg. Elend lange kommt mir diese fast gerade Straße vor. Jede Kurve nährt die Hoffnung, dass hier doch irgendwo die Passhöhe nun langsam mal kommen müsste. Lange schon hat mein Gehirn, eingelullt vom Pass und geschunden nach +4.000 Höhenmetern, aufgegeben, sich zu merken, bei welchem Kilometerstand der Anstieg begonnen hatte um so zu errechnen, wann denn dann nun selbiger zu Ende sein müsste.

Lange schon bringen wir keine Kraft mehr aufs Pedal. "Power" ist zum Fremdwort degeneriert. Heikos Trittfrequenz-Daten geben für den Sustenpass-Anstieg eine Kadenz von 45 bis 50 Umdrehungen pro Minute aus. Das liegt weit unter der für "optimalen, kraftvollen Aufstieg" empfohlenen 90er-Frequenz. Absurd unerreichbar diese Werte. Ich kann mein Cervélo nur noch in Bewegung halten - planvoll oder gar irgendwie nach Leistung zu fahren ist nicht mehr drin. Es scheint, als drehte die Kurbel meine Beine, nicht umgekehrt. Es wird echt Zeit, dass wir oben ankommen! 


Die letzten 2-3 Kilometer im totalen White-Out.
Sicht und Laune bei annähernd Null.

Wieder knurrt mir der Magen, zieht er sich schmerzhaft zusammen und signalisiert eine längst überfällige Nahrungsaufnahme. Verzweifelt drücke ich mir etwa bei der Hälfte des Passes das schon zweite Geld dieses Anstieges rein in der Hoffnung, es würde das Knurren wenigstens bis zur Verpflegung oben aufhalten. (Tut es auch).

Die Sicht wird immer schlechter. Keine 20 Meter vor mir verschwindet alles und jeder in einer undurchdringlichen Suppe. Konnte man sich bisher wenigstens an der gerade ansteigenden Straße vor einem orientieren, geht das nun nicht mehr. Ich bewege mich wie in einer Zeit-Blase: Das Ticken der Uhren zieht sich wie Kaugummi, Distanz gibt es nicht mehr, Geräusche gedämpft, fast unhörbar, wie, wenn frischer Schnee alles zudeckt. White Noise. Nur unter mir, das viel zu langsame, vertraut leise Rasseln der Kette durch Umwerfer und über Blatt und Ritzel, es hält als Indikator für Fortbewegung her.

Und das stetig zunehmende Gefühl von Kälte. Klirrekälte! Dann wird es plötzlich dunkel. Stockdunkel. Ein Tunnel. Eine leichte Kurve, dahinter, am Ausgang, wieder weiße Suppe. Kinoleinwand bevor der Film startet. Es wird plötzlich flach. Der Pass? Stimmen rufen: "Verpflegung rechts!" und wieder "Verpfölegung rechts!" WHOA!, erschrecke ich plötzlich, als die Stimme ein Gesicht bekommt, direkt neben mir aus dem Nebel auftaucht: "Verpflegung rechts!". Audio-Einweisung, wo Fahnen, Rot-weiße Signalbänder und Schilder schon längst nicht mehr zu erkennen sind.

Ich biege auf den kleinen Parkplatz ein. Hinter mir schießen zwei an mir vorbei, zu schnell, müssen umkehren. Endlich: Letzte Passhöhe! Essen!


Letzte Verpflegung auf dem Susten. Ich muss ständig Husten.

Auf dem Parkplatz sieht es aus wie bei einer Katastrophenübung des THW am Hamburger Airport - Mockup einer Absturzstelle. Wir lassen die Rennräder irgendwo auf dem Asphalt liegen, tasten uns zu den Zelten vor, an denen sie - sehr geil! - wieder heiße Suppe und dickes, frisches Brot anbieten. Zitternd und fluchend stehen wir da, verbrennen uns Zungen und Gaumen, weil wir zu hastig die Hitze in unseren Körper kippen, tänzeln von links nach rechts. Kaum Gespräche, mehr Stöhnen und Ächzen.


Heiko kommt dazu. Kein Wort. Stellt das Rennrad irgendwo hin, reibt sich blau-kalte Finger und wünscht ist ganz verzweifelt: "Ist die Suppe etwa alle?", als der für den Ausschank Verantwortliche kurz den Kübel schließt, damit es warm bleibt. "Nein, nein, wir haben genug!", beruhigt er meinen Teamkollegen.
Lange können wir hier oben nicht bleiben. 1 Grad Celsius, sagt Garmin nach der Auswertung. Keine 10 Minuten halte ich es hier aus, dann schwinge ich mich aufs Rennrad.

Abfahrt bei Nebel! Fast mal Sturzgarantie. Unfall inbegriffen. Sicht bei fast Null. Horrorvisionen zucken vor meinem geistigen Auge vorbei - wie auch ein schwarzer Lamborghini mit Nebelschlussleuchte. An dessen Röhren und Leuchtkraft orientiere ich mich, bringe es kaum über 20 km/h. Wir tasten uns etwa 5 Kilometer in gefühlter Schrittgeschwindigkeit unter stetem Bremsquietschen durch das weiße Nichts. Stau. Autos und Teilnehmer bilden einen zähen Lindwurm. 

Ich beginne komplett zu verblöden und gehe auf die Gegenspur - bisher ist hier kein einziges Auto uns entgegen gekommen. Vor allem in den Serpentinen überhole ich ein ums andere mal Autos und Mitfahrer. Ein mal halte ich an - Hände unter die Achseln, aufwärmen! So zittere und schreie ich mich Meter um Meter nach unten - unter 1.500 Meter Höhe muss es doch erträglich werden?!

Dann, endlich - wie von Zauberhand verschwindet der Nebel plötzlich. Vor mir: Niemand mehr zu sehen. Hinter mir, lange niemand zu sehen. Links und rechts von mir Bäume, satte, grüne Wiesen. "Ich bin durch!", zuckt es mir durchs Hirn. Ein Schild fliegt vorbei: Meiringen 20 km. 

Irgend jemand legt einen Schalter um. Ich trete rein. Drehe richtig auf. Fliege mit einem 40er-Schnitt hinab Richtung Innertkirchen. Wirbele die Kurbeln wie ein Irrer. Endspurt ins Ziel!

Der Gotthard: Tremor in der Tremola.


"Schnuddelwupp!", das ist unser Insider heute. Wir haben dieses Wort bei der Haute Route im letzten Jahr aufgeschnappt, als im Gespräch mit einem der Teilnehmer dort der Satz fiel: "Das war ja nur son kleiner Schnuddelpass ...", und wir uns nur außer Atem angucken konnten. Zwei dieser Schnuddelpässe haben wir heute schon im Sack, der dritte, der Gotthart liegt gerade vor uns. "Schnuddelwupp - hoch da!", treibe ich mich lakonisch an: Der Gotthart hat von Airolo aus 990 Höhenmeter auf 14 Kilometern Länge zu bieten. Klingt nicht Ehrfurcht gebietend. Aber das sind eben nur die nackten Zahlen - der Gotthart ist viel mehr.



Im unteren Abschnitt nur zeitweilig, dann ab ca. der Hälfte bis zum
Gipfel durchgängig: Kopfsteinpflaster!

Ich freue mich so auf diesen Pass, weil es einer der großen Namen in meinem Palmerés ist, der fehlt. Gotthard, schon oft drüber gelesen, Fotos gesehen, Geschichten gehört - und nun, endlich, kann ich ihn selbst fahren. Fahren? Das Fahrgefühl des Gotthard ist einzigartig. Weil: Kopfsteinpflaster.

Ich schließe zu einem Teilnehmer auf, der ein altes Team Telekom-Trikot an hat, Stahlbike. Kommt aus Prenzlau. Das ist zumindest in der Nähe meiner Heimat. Wir schnacken eine Weile. Doch ich merke schnell, dass das stetige Rütteln und Rattern, die doch schon recht rund geschliffenen Steinchen und diese gerade in den Kurven einiges mehr an Aufmerksamkeit und fahrerisches Können verlangen, als glatter Asphalt. Wir wünschen uns gegenseitig gute Fahrt, dann ziehe ich weiter.

 Das täuscht: Asphaltbelag hat Seltenheitswert im Gotthard.

Von hinten spricht mich ein Teilnehmer aus Zürich an. "Wie nett", denke ich mir, einer, der meinen Blog liest! Mich sprechen während des Rennens vier, fünf Mitstreiter an und schnacken mit mir. Nicht nur, dass das sehr gut von den zeitweisen Qualen der Anstiege ablenkt, es tut zudem ungemein gut, wenn Leser dieses Blogs mich erkennen - Danke an Euch alle!

Mit dem Züricher fahre ich einige Kilometer und versinke in einem netten Gespräch. Darüber merke ich kaum, dass die Kopfsteinpflaster-Stücke im unteren Teil des Gotthards plötzlich wieder in normalen Asphalt übergehen. "Ach, das war nett.", sage ich etwas lakonisch. Der Züricher schüttelt den Kopf und grinst: "Das war längst nicht alles ... Val Tremola ... nur Pflaster ... bis oben." 
Äh ... na hossa!

Komisch - schon so viel gelesen und gehört über diesen Pass. Aber dass das ganze hier noch mit Belag aus dem vorigen Jahrhundert abgeht, ist scheinbar irgendwie an mir vorüber gegangen.

Endlich - das Serpentinen-Ballett Val Tremola.

Der Gotthard ist nicht steil: Hier muss ja auch heute noch die Pferdekutsche nach Andermatt rüber (Übrigens eine tolle Touristenattraktion!). Quäldich.de gibt dem Anstieg im Schnitt 7 bis selten 10%, in einigen Spitzen maximal 11%. Er sollte sich geschmeidig wegfahren.

"Val Tremola ist Kult!", sagt mir einer im Anstieg. Recht hat er!

Je höher wir kommen, desto fieser weht uns jedoch ein eiskalter Wind entgegen. Heiko meint eine Koinzidenz zu entdecken, und flucht von hinten: "Scheiße! Immer wenn es steiler wird, kommt noch dieser fiese Gegenwind hinzu!" Tatsächlich bläst es dermaßen stark, dass man, wenn man von der Serpentine wieder auf Gegenkurs gebracht wurde, den Anstieg dann plötzlich als kinderleicht empfindet.

Der Wind wird mittlerweile dermaßen kalt, dass ich mich immer wieder zu unseren neuen Klamotten beglückwünsche: Wir haben in eine Softshell-Jacke investiert, die nicht nur halbwegs winddicht ist, sondern dazu auch angenehm warm hält. Die Alternative wären zwei lagen Langarm-Trikots gewesen. Auch warm, nur wesentlich umständlicher.

Lohnt wahrlich: Der Blick abseits vom Lenker. Der Gotthard ist jeden Meter beeindruckend.

Egal, wohin man im Anstieg des Gotthard blickt, es ist immer eine überwältigende Aussicht: Schauen wir nach vorn, bergauf, entdecken wir über uns das beeindruckend eng geschnittene Ende des Val Tremola, gegenüber an der Steilwand artistisch hinein gefräst die Passstraße für den Autoverkehr. Eine Kulisse wie in "Herr der Ringe", wir ganz kleine Gefährten, ganz unten, über uns Helmsklamm. Ich erlaube mir, ab und zu abzuschweifen.

Da ich hier im Gotthard schneller als Heiko bin, kann ich öfter anhalten, den Fotoapparat zücken und dokumentieren, was mich hier so umhaut. Eine Hammerkulisse! Heiko überholt mich dann, fährt einige Meter weiter, später hole ich ihn dann wieder ein.

Die sechs Kehren des Val Tremola erinnern an den Stelvio.
Nur, dass der asphaltiert ist.

Das Pflaster fährt sich schwierig. Jeden Meter muss man sich konzentrieren. Die Steine sind teilweise wellig verlegt, sodass jedes heftigere Einlenken, durch Zufall auf einer der rund geschliffenen Kanten, jederzeit dazu führen könnte - und bei mir mehrmals führte - dass einem das Vorderrad ausbricht. Man muss hier also immer aufmerksam bleiben!

Manchmal versuche ich, links oder rechts in die Regenrinne zu fahren. Das ist ein 30 cm breiter Betonstreifen, manchmal direkt von der schroffen, senkrechten Felswand begrenzt. Hier genieße ich ruckelfreien Radlauf, muss mich aber doppelt konzentrieren: Noch immer geht es bergauf, ich bin nicht schnell unterwegs - nur 10 cm zu weit rechts und ich hänge in der Wand. 

Auf meinem Lenker wird das DuraCase einer harten Prüfung unterzogen.

Das DuraCase im ultimativen Schock-Test: Bestanden!

Es hängt sicher in der Halterung von Toppeak, wackelt aber bei allzu harten Sprüngen beängstigend hart hin und her. Ich habe zwar weder Anzeigeprobleme noch kann ich hinterher Schäden oder ähnliches entdecken, doch wird hier jeder Stein in Bewegung am Rad umgesetzt. Das dadurch entstehende, konstante Klackern durchbricht die ansonsten perfekte Stille des Anstieges. So können dann auch Mountainbiker, die sich dafür interessieren, Sport-Tracking mit ihrem iPhone auszuführen, sich auf das DuraCase verlassen. Auch im Downhill sollte es sicher am Vorbau bleiben: Dort, wo es nämlich hin gehört.

Wie muss das hier nur in der Abfahrt sein?
Und dann vielleicht noch bei Regen?

Der Anstieg vergeht scheinbar nicht. So habe ich Zeit, mir wieder alle möglichen und unmöglichen Dinge durch den Kopf zu jagen. Zum Beispiel, wie hier eine Abfahrt sein muss. Durch das Gehuppel verlieren die Pneus - auch wenn es nur kurze Augenblicke sind - ständig an Bodenkontakt. Wenn man hier herunter fährt, stetig an der Bremse, kann genau dieses kurze Abheben das Rad blockieren. Setzt es dann auf, sagen wir, in einer Kurve mit Schräglage, dann ist das Ausbrechen des Rennrades und vielleicht dann der Sturz gar nicht mehr fern. 

Und dann das alles vielleicht noch bei Regen. Rutschiger, glitschiger Pflasterstein. Und dann, mitten in einer Kurve, steht dir die Kutsche mit zwei vorgespannten, 400 Kilo schweren Pferden gegenüber ...

Ich rette mich aus den Horrorvisionen, als mich Heiko mal wieder überholt.

In diesem Anstieg kann man sich verlieren.

Ob Heiko noch seinen Spaß hat, bezweifle ich langsam. Ihm geht es heute eher schlecht: Er ist ohne lange Handschuhe unterwegs und hat auch keine Kopfbedeckung, die er unter seinem Helm tragen kann. Gerade in den Abfahrten zieht es mir, der ich genau diese Bekleidungsstücke glücklicherweise heute am Start habe, schon die Bläschen aus den Lungen, treibt es mir Eiskristalle in die Augäpfel und lässt mich vor Zittern wieder in die weiße Nebelwände brüllen. Für Heiko muss es kaum zu ertragen sein.

"Etwas mehr als 3.000 Kilometer" hat er in den Beinen - auch Heiko ist wie ich junger Vater. Kaum oder keine Zeit mehr für Training. An Training mit System war in diesem Jahr schon gar nicht zu denken. Dann die Pleite mit unseren RAAM-Plänen. Das Jahr hat uns wirklich nicht gut getan. 
Einziger Lichtblick ist der neue Sponsor DuraCase - und weil dies uns so beflügelt, steht auch Heiko, ebenso wie ich, in diesem Rennen trainingsmäßig vollkommen fehl am Platze, seinen Mann. Hut ab.

Kurz reißt die Sonne auf. Genießen! Auftanken!

"Sag mal, hört das denn nie auf?", ruft es mir hinten in den Rücken. Heiko scheint am Ende seiner Geduld zu sein. Und den Kräften. Fast wie in Zeitlupe windet er sich selbst im Wiegetritt um die Kurbel. Hängen da 1.000 Tonnen-Gewichte dran? Mir geht es etwas besser, aber eben nur etwas. Der Anstieg ist doch wirklich schon recht lang und beschwerlich - 14 Kilometer. Nackte Zahlen und so ... Das Pflaster der Tremola verlangt seinen Tribut. Zudem setzt mir die Kälte zu: Wenn ich oben bin, werde ich erst einmal die langen Handschuhe anziehen, verspreche ich mir die ultimative Belohnung eines Radsportlers - und wie auf Bestellung knurrt mein Magen. Ah, Essen, das muss dann auch sein ...

Dafür lohnt sich die Gold-Strecke allemal:
Der majestätische Gotthard-Pass.

Ein letztes Mal blicke ich in den Abgrund, halte an um ein Foto zu machen. Ich könnte mich fast gar nicht mehr satt sehen an diesem Geschlänge, Stein gewordene Windungen, steiler Lindwurm aus einer anderen Zeit. Oben schon kann ich den Beifall und das Geklapper hören - hinter der nächsten Kurve muss der kleine Pass sein. "Das war irgendwie genial ...", hauche ich zu Heiko, der mit hochrotem Kopf an mir vorbei schnauft. Der schaut mich nur an, ein Gesicht zwischen ´Quatsch mich mal nicht von der Seite an, sonst setzt es was!´ und ´Wähle schon mal 112´.

Dann biegen wir um die Ecke, still Lebwohl zum Gotthard sagend, tauchen in dichten Nebel ein und da ist er endlich, der Pass.

Sollte man mal machen: Mit der klassischen Postkutsche über den Gotthard.

Als ich oben ankomme, trabt mir dann auch wie auf Bestellung die gelbe Postkutsche entgegen. Die Pferde dampfen vor Hitze, aus den Nüstern weiße Schwaden wie bei einer Lokomotive. Sie schütteln sich, stehen dann still und bekommen etwas Heu. Touristen steigen aus dem weichgefederten Gefährt aus, sichtlich beeindruckt. Wie lange mag wohl der Aufstieg von Andermatt hier hoch dauern? Und - wie lange die Abfahrt? Wie sehr muss sich der Kutscher konzentrieren, seine Pferde behutsam führen, um sie heil durch das Serpentinengedräm des Val Tremola zu bekommen?

Netto ist die Kutsche 5 Stunden unterwegs. Der ganze Trip von Andermatt über den Pass bis Airolo dauert einen ganzen Tag. Leben wie vor 200 Jahren. Ich nehme mir vor, wenn ich mal älter bin und in der Nähe, dann mache ich das mal.

Für jetzt aber stehe ich oben und friere hart. Es geht noch stärkerer Wind, kaum eine Ecke, die geschützt wäre. Heiko hält nur kurz an, um sich die Jacke zu schließen, geht sofort in die Abfahrt. Da hier oben keine Verpflegung mehr ist - die ist auf dem halben Weg in der Abfahrt - sattle auch ich schnell mein Carbon-Pferd und stürze mich nach unten. Kurzes Intermezzo hier, fast zu Schade, nachdem wir immerhin eineinhalb Stunden in diesem Anstieg verbracht haben.

Andermatt: Hier liegen sie herum, die Arbeitsgeräte der Alpenbrevetler.

Schnell erreichen wir Andermatt und damit die lang ersehnte Labestation. Wir sind schnell unterwegs, der Verkehr auf der Gegenfahrbahn nicht. Fast den gesamten Weg hinab - immerhin fast 20 Kilometer - zieht sich ein Autostau den Berg hinauf. Bauarbeiten und Ampelschaltungen. Hier stehen Touristenbusse, voll beladene Kombis und natürlich die obligatorischen Caravans und Wohnmobile genauso an, um über den Gotthard zu kommen, wie die für die Schweiz so typischen Lamborghinis und Ferraris. Die heulenden Hayabusas nicht zu vergessen: Stau, Lindwurm aus Blech. 

Ich muss mich sehr konzentrieren beim Abfahren, zumal auch unsere Spur mit Verkehr fast dicht ist - nur dass es bei uns halbwegs rollt. Immer wieder kann ich mich Kurier-like zwischen den Autos durchschieben, viele machen Platz, Einige - und dann fast immer Deutsche - fahren demonstrativ in die Mitte. "Wenn ich stehe, müssen alle stehen!", ach, meine lieben Landsleute, Ihr nervt einfach nur!


Einige Gold-Strecken-Fahrer sind hier sogar mit MTB unterwegs!

Und wieder stürmen wir das Büffet, kippen uns becherweise Suppe rein, dazu dieses herzhafte, weiche und frische Bauernbrot. Heiko kommt mit einer handvoll Schokoplätzchen, "... die sind so geil!", spritzt er mir halb gekaute Krümel entgegen und stopft sich schon den Nachschub in den Mund. Ich taue langsam wieder auf, vertrete mir die Beine und schaue nach vorn: "Heiko, wir haben es geschafft!", sage ich: "Nur noch einen Pass, dann war es das - nur noch einen Pass?!"
"Na," sagt er, "den schnuddeln wir doch einfach so weg, oder?" Recht hat er - Nach weniger als 10 Minuten sitzen wir wieder auf dem Rennrad. Auf - es geht in den Sustenpass. Und dann heim, ins Ziel, nach Meiringen!


Kurze Regenschauer gehören im späten August wohl zum normalen Alpenwetter.


Bis Wassen, wo wir in den Sustenpass abbiegen werden, sind es nur wenige Kilometer bergab. Die nerven jedoch schnell: Verkehr und einige Baustellen - an denen wir warten müssen - halten uns immer wieder auf. Etwas gutes hat es allerdings, denn so sammeln sich an den Lichtsignalen größere Gruppen, die sich allerdings dann bald im Anstieg wieder verlieren werden.

Mich nervt der Regen, der wieder einsetzt. Zwar nicht so stark, dass es mir die Klamotten durchnässt - dann hätte ich verloren - aber immerhin so, dass schon bald die Beinlinge durch sind und auch schon die Schuhe beginnen, sich vollzusaugen.

Ach, drauf gesch****en!, denke ich mir: Sustenpass. Schnuddelwupp. Dann habe ich das Alpenbrevet im Sack.

Entscheidung in Airolo: Aus Platin wird Gold.


Zwei Stunden vorher sind wir dabei, vom Nufenen-Pass aus Airolo zu erreichen. Kontrastprogramm: Es sind fast 19, 20 Grad. Der Himmel zwar bedeckt, aber immer wieder reißt ein wilder Wind die Wolken in wirre Fetzen, dann lugt sattes Blau des Himmels hervor, dann strahlt die Sonne, als wäre hier schon Italien. Wir sind am Fuße des Gotthard-Passes angekommen.





Da hinten geht es in die Abfahrt vom Nufenen. DDR-Autobahn-Feeling inklusive.

Noch oben auf dem Nufenen, wo Heiko schon einmal vor mir in die Abfahrt geht, bleibe ich einige Minuten und fotografiere. Na, um ehrlich zu sein, ich brauche noch etwas mehr Zeit hier, denn der Anstieg auf diesen höchsten Punkt des Alpenbrevet hat mir ziemlich zugesetzt. Der Nufenen ist ein sehr schwerer Pass - weitaus steiler als der Grimsel davor. Noch immer geht mir schwer die Pumpe, Beine zwicken, Atemluft heiß wie Hochofen-Hitze.

Als ich dann Heiko folge, ist die Überraschung groß: Nee, hinunter nach Airolo kann man nicht wirklich "rollen lassen". Die Abfahrt besteht aus Betonplatten. Jede der dicken, wulstigen Teer-Fugen - mittlerweile über die Zeit, in unzähligen Wintern und Sommern gedehnt - bedeutet einen harten Schlag ins Rennrad. Fest muss man den Lenker halten, alle Sekunde gefasst darauf, wieder Schläge abzufangen. 50, 60 km/h schafft man hier - wenn es schneller wird, bremse ich ab. Das ist mir hier nix.


Wenn Asphalt kommt, macht es Spaß. Sonst eher anstrengend: Die
Abfahrt vom Nufenen-Pass, Blick nach oben. 

Was echt schade ist, denn die Abfahrt ist eigentlich perfekt, um mal richtig aufzudrehen: Keine engen Kurven, und zwischen den wenigen Richtungsänderungen, die es gibt, liegen lange, gern auch bis 1.000 Meter lange Abschnitte, in denen man einfach nur lang ballern könnte, sich seicht in Schräglage begibt und sogar bequem auch mal den Blick in die Weite der Natur schweifen lassen könnte.

Selbst wenn dann mal asphaltierte Stücke kommen, ist das meist nur eine dünne Decke über den Platten. Das macht es sogar noch gefährlicher, denn an den Nahtstellen der Platten schieben sich zuweilen kleine Sprung-Schanzen auf - wer hier nur lose den Lenker hält oder gar mit einer Hand gerade ein Foto macht (wie ich), der kann hier bei 60 km/h eine böse Überraschung erleben.

Nach Airolo immer geradeaus.
Weiter unten dann haben sie die Platten durch eine normale, asphaltierte Straße ersetzt. "Ahhh", macht es bei allen, die hier lang kommen. So sehr wir alle das Entfernte, das Entrückte und das Einsame der eisigen Pässe dieser wunderschönen Alpen auch lieben - es geht doch nichts über eine glatte Straße aus Bitumen. 

Noch immer geht es merklich bergab, nicht mehr so steil, aber immerhin. Es sammeln sich kleine Gruppen, Heiko und ich haben zwei, drei andere Mitfahrer. Im Alpenbrevet-Prospekt hieß es, dass, wenn die Platin-Fahrer hier in Airolo weiter gen Südosten bis nach Biasca fahren, von wo aus es in den wunderschönen Lukmanier-Pass geht, schon die ersten Palmen die Straßenränder säumen würden.

"Palmen, Heiko!", rufe ich begeistert, "Palmen!"



Noch denke ich, dass es gleich auf der Platin-Strecke weiter gehen wird.

In Airolo haben sie direkt am Bahnhof die Verpflegung aufgebaut. Es ist unsere Dritte heute und zum ersten Mal bin ich mal nicht überhungrig. Zwar war der Anstieg zum Nufenen eine wahre Prüfung - harter Berg! - aber das Essen oben hat mir eigentlich gereicht. Also, warum lange herumstehen? Lasst uns weiterfahren!

Es ist so warm, dass ich mir - das erste und letzte Mal dieses Tages - die warme Jacke ausziehe und nur im Trikot weiterfahren werde. Immerhin kommen ja gleich die Palmen ... 

Doch Heiko weiß schon mehr. Platin wird heute nichts mehr. "Wenn Sie bis Airolo mehr als 4:30 Stunden benötigen, dann empfehlen wir Ihnen strengstens, auf die Gold-Strecke abzubiegen, da eine Ankunft auf der Platin-Strecke bis Kontrollschluss unwahrscheinlich ist." steht auch im Prospekt. Heiko wiederholt mir diesen Satz. Und sagt es dann: "Wir sind zu spät."


Nett verpackt, trotzdem niederschmetternd: 
11 Minuten zu spät, die Platin-Tour ist geschlossen.

Es ist genau 11:26 Uhr, als wir wieder auf unseren Rennrädern sitzend die Labestation verlassen. Beim Abbiegen auf die Straße stehen die Schilder: "Platin-Strecke geschlossen!", steht da. Wir sind 11 Minuten zu spät. Ich kann meine Enttäuschung kaum verbergen, fasse mich aber schnell: Heute hätte die Platin-Strecke keinen Sinn gemacht.

"Wir haben bis hierher einen Schnitt von 15,4 km/h", sage ich zu Heiko, als es schon ganz langsam mitten in Airolo bergauf zum Gotthard geht. "Gefordert ist für die Platin-Strecke ein Minimum von 18 km/h!". Sonst kein Problem: Den Ötztaler Radmarathon fahre ich 2012 mit einem 20er Schnitt, und auch sonst sind wir bei schweren Bergrennen mit vielen Höhenmeter immer so um die 20 bis 23 km/h im Durchschnitt schnell.

Nur eben heute nicht.



Schon in Airolo geht es bergauf - über uns thront der mächtige Gotthard.

Da ist er wieder, der Trainingsmangel. Heiko rechnet weiter: "Wir werden so mit 11, 12 Stunden die Goldstrecke beenden, denke ich", sagt er. Ich nicke. "Das bedeutet, selbst wenn ich optimistisch rechne, würden wir für die Platin-Strecke so um die 16 Stunden benötigen ..." Ich brauche nicht lange, um das zu überschlagen. 16 Stunden Fahrtzeit, das ist eine Ankunft um 22:30 Uhr in Meiringen. Aufstiege und vor allem Abfahrten - von der Kälte bei fehlende Sonne mal ganz zu schweigen - bei Nebel UND Dunkelheit. Abgesehen davon, dass 16 Stunden durch die Alpen heute für uns ... eher nicht zu machen ist.


Gold-Strecke also.
172 Kilometer werden wir fahren.
5.300 Höhenmeter machen.

"Noch immer krass, keine Sorge ...", sagt einer neben mir, der unseren Platin-Diskurs mitbekommen hat. Er wird Recht behalten. Gotthard und der lange Susten liegen noch vor uns: Mehr als genug Arbeit in der Vertikalen!


Der Nufenen-Pass: Du steile Sau, Du!


Schwer atmend lehne ich mein Cervélo an einen Transporter der Veranstalter, schleppe mich an die reichlich gedeckten Tische und stopfe mir Bananen, Nüsse, Schoki, Brot und heiße Suppe in den Magen - Alter Verwalter, der Nufenen war ja mal so richtig krass!


Etwas beruhigter, kauend, beschaue ich mir später die Neuankömmlinge oben auf der Passhöhe: Hochrote Köpfe, schwere Beine, Krämpfe beim Absteigen und Schweißperlen. Nein, vom Nufenen-Pass hatte ich vor dem Alpenbrevet noch nie etwas gehört. Tourmalet, ja, der ist steil, das weiß man. Aber Nufe...welcher Pass bitte? War mir bis dato nicht bekannt.

Jetzt haben wir uns gerade aber mal so richtig kennen gelernt ...


Wie im Paradies: Endlich Essen! Doch vorher stehen wirklich
sehr harte Kilometer in der Horizontalen.

Das Pässeportal Quäldich.de - welches ich aus Zeitgründen erst nach diesem Alpenbrevet über all die Berge ausfragen kann - sagt zum Nufenen: "Startet man in Ullrichen, hat man nicht viel Zeit sich einzurollen." Recht haben sie: Der Nufenen geht von Anfang an steil.

Die 1.100 Höhenmeter, die das Teilnehmerfeld auf knapp 2.500 Meter Höhe bringen werden (zum höchsten Punkt des Alpenbrevet Gold-Strecke), haben es in sich. Es geht kaum mal über längere Zeit flacher als 9%. Heikos Garmin zeigt nie unter 10% an - mein Steigungsindikator am iPhone (Cyclemeter-App) berichtet von 11%.

Kehren und Abschnitte mit Rampen bis 13% Gradient machen das "Salz in der Suppe" dieses Passes aus - und das auf wirklich hammerharten 14 Kilometern.


Leider bringen Fotos nie wirklich die Steilheit rüber.

Wir sind gerade mal halbwegs wach gefahren, als wir - noch ganz berauscht von der tollen Abfahrt des Grimselpasses - in die Straße hinauf zum Nufenen einbiegen. Wie gesagt: Es geht sofort steil.

Ich beglückwünsche mich zu meiner Entscheidung, mein Cervélo S5 VWD doch noch etwas bergtauglicher umgerüstet zu haben. Hatte sich bis vor 2 Wochen noch vorn eine Kompakt-Kurbel mit einem 36er-Blatt gedreht, kann ich nun etwas beruhigter in die zweistelligen Prozente gehen, denn ich habe dieses gegen ein 34er ausgetauscht. Ob das so den Unterschied macht, kann ich nicht sagen - im Kopf fühlt es sich aber leichter an.

Ohne Kompakt-Übersetzung - hinten fahre ich als größtes ein 28er-Ritzel - wird jeder Alpenanstieg zur Tortur. Das kann ich nur aus eigener Erfahrung bestätigen, schon meine 2011er Tour de France, die mich über 15 der bekanntesten Alpen- und Pyrenäen-Gipfel geführt hatte oder der 2012er Ötztaler Radmarathon musste ich mit "Heldenkurbel" fahren. Das ist alles machbar. Kostet nur unheimlich Kraft, von der ich eher wenig habe.



Hier überqueren wir die noch kleine, jungfräuliche Rhone.

Gestern noch, als wir nach 10 Stunden Autofahrt von Hamburg aus in unserem Hotel, das hinter dem Brünigpass auf der anderen Seite hinter dem Berg von Meiringen liegt, haben Heiko und ich Langeweile. Wir schwingen uns auf unsere Rennräder um "etwas einzurollen" und spulen eine kleine 25 km-Runde ab. Dabei führt es uns auch bergauf.

Oben auf einer Alm, wo sie Yaks züchten, pushen wir uns eine etwa 50 Meter lange Rampe hinauf. Die hat 20,8%.
Geht. 

Zwanzig Prozent werden wir jetzt am Nufenen nicht haben, aber einer, der neben mir fährt, warnt mich schon mal vor: "Jetzt können wir uns warm anziehen! Der ist echt schwer!"

Da ich tatsächlich richtig gute Laune habe und sich meine Beine jetzt, da wir den ersten Pass schon geschafft haben, wirklich gut anfühlen, nehme ich das sogar spaßig: "Na, und wenn schon - deshalb sind wir doch hier, oder?!". Große Klappe. Noch.


Im unteren Drittel eher langweilig ins Tal gehauen - so
sieht man die beängstigende Steilheit besser.

Heiko ist da etwas stiller als ich: Zwar kann er auf seinem Jahreskonto immerhin schon 3.000 Kilometer verbuchen (für einen Jungdaddy ist das echt viel), allerdings kommen die bei ihm eher durch das Bike-to-Work zusammen, das mit 34 km täglich schon recht ordentlich ausfällt. 

Ich kann erst zarte 2.300 km vorweisen, dafür aber wenigstens schon 25.000 Höhenmeter, auch Dank meiner verrückten HIT-Trainingsmethode (die keine ist) am mitteldeutschen Brocken. Insgesamt kann ich in 4 Trainingssessions immerhin 28 mal auf den Berg fahren - 15.000 Höhenmeter sammle ich so in nur einem Monat.

Ob mir das was bringt?



Langes, tiefes Tal. Keine Sorge, das wird gleich krasser. 

"Ich favorisiere ja die NOT-Methode", scherzen Heiko und ich vor uns hin: "Sie besteht im Wesentlichen darin, nicht zu trainieren.", meint er grinsend. Ich vervollständige: "Die Vorteile dieser Methode liegen klar auf der Hand ... die Attraktivität liegt in der hohen Zeitersparnis, die der Sportler hat!" Wir lachen.


"Natürlich hat die NOT-Methode auch Schwachstellen ...", legt Heiko einige hundert Meter später vor. "Diese sind vor allem im Kraft-Ausdauer-Bereich, bei der Sprint-Leistung und der Distanz-Festigkeit zu sehen.", nutze ich, um weiter zu scherzen. Wir scherzen unsere Schlappheit weg. 

Insgeheim bewundere ich Heiko: Schon letztes Jahr, als er frisch Vater geworden war (und ich weiß ja jetzt, was gerade die ersten 2 Monate bedeuten: NO SLEEP), ist er mit vielleicht gerade mal 1.000 Trainings-Kilometern in das harte Etappenrennen Haute Route Alps gegangen - und hat das Dinge mit mir im guten Mittelfeld der Gesamtwertung nach Hause gefahren.

"Tja, die Grundlagenausdauer, die kann dir allerdings keiner nehmen!", zitieren wir einen dummen Spruch, der bei jedem Rennen immer von irgend einem Schlaumeier gebracht wird. Wieder müssen wir lachen.
Es wird uns gleich im Halse stecken bleiben.



Nach einigen Kilometern geht der Tanz los ... und alle raus aus dem Sattel!

Immer öfter muss ich nun aus dem Sattel gehen - man merkt sofort den Unterschied zum relativ einfachen Grimselpass. "Das Ding ist echt viel steiler!", meint Heiko. Da hat er sicher nicht Unrecht. Nur, der Grimsel hatte 38 Kilometer Länge, dabei war er halt flacher, der Nufenen hat nur 14 Kilometer, ist dafür steiler. "Tja, was ist jetzt härter?", frage ich. 


Nur, eigentlich ist diese Frage müßig, denn wir müssen ja eh alle Berge fahren, uns sollte eigentlich nur die Summe der Schwierigkeiten interessieren.

Mich wundert die Power meiner Mitstreiter. Nicht.

Immer wieder erstaunt bin ich ob der Kraft, die meine Mitstreiter hier im Feld haben. Sie zirkeln hier selbst die schwersten Rampen mit einer Kadenz hoch, dass einem schwindelig werden könnte. Ich beschaue mir die Blätter, die sie da an ihre Kurbeln geschraubt haben - vielleicht irgend eine magische Übersetzung, die wir in Hamburg nicht kennen? Nein, die fahren auch nur 34er-Blätter. Wobei ich bei nicht wenigen Teilnehmern hinten pizzatellergroße 32er-Ritzel zu erkennen glaube.

Wenn ich mir die aber bei Pirate Bikes in Hamburg draufschrauben lassen wollte, Robert würde mir Hausverbot in seinem Laden geben, fürchte ich. Und so muss ich sie alle ziehen lassen - wie sie hier leichtfüßig den Pass hinauf tänzeln.


Heute ist keiner von uns beiden der Schnellere.

Es ist eher selten, dass wir Team-intern mit den gleichen Leistungen fahren. Heute bleiben Heiko und ich allerdings zusammen: Einerseits, weil keiner von uns scheinbar zu mehr Speed in der Lage ist, und andererseits, weil wir wissen, dass diese 276 Kilometer, die wir uns heute vorgenommen haben, wahrscheinlich auch vom Kopf her allein eher schwer zu bewältigen sein müssten.

Heiko keucht schwer da vorne. Mir treibt die harte Steigung allerdings auch einigen Schleim aus den Bronchen. Wahnsinn nur, wie die uns hier einer nach dem anderen abzocken - sind wir wirklich so langsam?

 
Auch der Nufenen bietet eine Steilwand mit Serpentinen.

Wenn ich gewusst hätte, dass mich nur 1, 2 Stunden später das beeindruckende Serpentinengeschlängel der Tremola im Gotthard erwarten würden, ich hätte mich wahrscheinlich nicht so sehr gefreut, als wir die Steilwand im oberen Teil des Nufenen erreichen. Ich bin ein großer Fan des Stilfser Joch und kann mich gar nicht satt sehen an den Terrassen, die sie da aufgetürmt haben - und so freue ich mir ein Loch in den Bauch, als ich die "kleinen" Terrassen des Nufenen erreiche. Zwar geht die Steigung jetzt kaum noch unter 10% - es bleibt sehr hart, hier in Schwung zu bleiben - dafür kommt jetzt endlich etwas Abwechslung in die Bude. Die Steilkurven zwingen aus dem Sattel, die Rampen dazwischen sind angenehm kurz. Diese Rhythmuswechsel gefallen mir - Heiko eher nicht.

Tolle Aussicht ins Tal.

"Aahhh, diese Aussicht!", rufe ich begeistert. Hier haben aber nur noch wenige Verständnis für meinen Enthusiasmus. Außer ein Amerikaner, der von hinten lautstark heran gestürmt kommt: "....geous! Just awesome, Dudes!", scheint er mit einem Mitstreiter zu reden, den ich freilich nicht entdecken kann. Als er mich überholt hat und neben Heiko ist, deutet er auf Heikos Garmin: "Does it show the current gradient?", fragt er ihn. "Oh yes ... we have ... 11 percent right now", antwortet Heiko. "Oh, yeah, that´s gorgeous!", brüllt der Amerikaner wieder in die Steilwand, bedankt sich und gibt Gas. Tja, so sind sie - wir bleiben mit unseren 6 km/h zurück.

 
Nur noch 2.000 Meter ...

Bei der Haute Route hatte ich so ein Psychotrick, der mir die 3 bis 4 Pässe, die wir da pro Etappe zu fahren hatten (und das sieben Tage lang), erträglicher gemacht hat: Immer, wenn wir bei einem Distanzschild vorbei gekommen waren, auf dem 10 km, 9 km oder 1 km stand, habe ich mir, nur einen Augenblick später, da ich an diesem Schild vorbei gekommen war, ganz bewusst gesagt: "Nur noch 9.999 Meter" oder "nur noch 8.999 Meter" oder eben "nur noch 999 Meter". So etwas hat mich dann immer sehr bei Laune gehalten. Ähnlich kann ich hier am Nufenen vorgehen, denn hier stehen ab 5 km vor dem Ziel Sandsteine, die auf das Ozpizio, das den Pass markiert, hinweisen. Bei "2 km" rufe ich vor zu Heiko - "Wir haben es geschafft!". 2 km, das ist die Distanz, die ich jeden Morgen von meiner Wohnung zum Bahnhof Altona laufe, um in die S-Bahn zu steigen. Ein Klacks!

Und da es nur noch ein Klacks ist, scheinen die Bauingenieure des Nufenen noch einmal extra für uns ein, zwei Prozent draufzupacken.



Blick nach unten - immer auch ein Blick in die Vergangenheit.
 "Da war ich vor 10 Minuten."

Ich reiße mich zusammen, bei gefühlten 1.000 Metern to go, gehe aus dem Sattel, ziehe noch an drei, vier Leuten vorbei und sprinte hinauf. Durch die immer häufiger aufziehenden Nebelschwaden, die das ansonsten bisher sonnige, warme Wetter immer wieder unangenehm nass und kalt erscheinen lassen, kann ich nicht weit entfernt und über mir das besagte Ospizio erkennen.

Jetzt noch ein paar mal kräftig reingetreten, in eine Nebelwand getaucht, wieder heraus gekommen, heißer Atem, brennende Waden, krönender Abschluss. Oben! Der zweite meiner fünf Gipfel heute - im Sack! "War doch gar nicht so krass ...", sage ich etwas außer Atem zu Heiko. Der zieht einen Flunsch: "Jo, schnuddelig wars."

Da oben, unter dem kleinen Gletscherfeld. Da ist der Übergang.

Dies ist unsere zweite Labestation. Und erst jetzt, da ich das üppige Angebot sehe, wird mir klar, wie sehr ich im Anstieg Hunger gelitten habe. Zwar werfe ich mir vor jedem Pass ein "Steigungsgel" rein, nur das scheint mein Körper innerhalb der nächsten Kilometer und Höhenmeter nur so einzusaugen. Das konstante Blähen meinerseits und meiner Mitstreiter im Feld scheint dies zu bestätigen: Hier wurden im Nufenen die Kalorien heute mal so richtig weggebrannt.

Sie haben hier wieder jede Menge Gels und Riegel (Nutrixxion), Bananen, die leckere und bei den langsam immer kälter werdenden Temperaturen auch wirklich sinnvolle heiße Suppe, dazu das geniale Bauernbrot, Schokolade, Orangenviertel und Lebkuchen-artiges Backwerk aufgetischt. Es ist für alle genug da, kein Gedrängel - vorbildlich. Das habe ich bei vielen anderen Veranstaltungen schon anders erlebt.


Prio 1 bei jeder Labe: Rad abstellen, pinkeln!

Heiko verliere ich schnell im großen Andrang, aber wir hatten ausgemacht, auf einander zu warten. Denn der Nufenen-Pass ist, so haben wir für uns die Strategie jedenfalls für heute festgelegt, eine Schlüsselstelle: Wir müssen Gas geben, um bis 11:15 Uhr durch Airolo zu kommen, denn wir wollen ja heute die Platin-Strecke fahren. Das sollte an sich kein Problem sein, denn die Abfahrt, so jedenfalls rechne ich mir das aus, kann uns eigentlich nicht länger als 20 Minuten kosten. "Knapp, aber geht schon", denke ich mir, und mache mir keine weiteren Gedanken.


 Großer Andrang bei der Labestation.

Lange möchte ich es hier oben auch nicht treiben, denn abgesehen davon, dass hier ein irre kalter Wind geht - dafür und für seine Steilheit ist der Nufenen, der einer der jüngsten Alpenpässe überhaupt ist (erst 30 Jahre alt) ja bekannt - bin ich auch bald schön gesättigt und nach der geile Abfahrt vom Grimsel auch ganz heiß auf die Belohnung der Strapazen.


Dass mich hier auf der anderen Seite gleich DDR-Betonplatten erwarten, die mich ausbremsen werden, weiß ich freilich noch nicht.


Im Grimselpass: Das Alpenbrevet dreht auf.


Als ich diese erste Abfahrt des Tages hinter mich gebracht habe, muss ich einige Minuten allein fahren, langsam, wirklich langsam. Denn in dieser Abfahrt vom Grimselpass, dem ersten von fünf, die wir uns heute vorgenommen haben, bin ich so richtig ausgeflippt: Abfahrtsfieber! 
Ich habe in die Pedale getreten - was ich eigentlich nicht wollte - konnte aber diesem nur sehr seicht gewundenen, superglatten und attraktiv in den Stein gelegten Asphaltband des Grimsels nicht widerstehen. Heiko war schnell überholt und hinter mir gelassen. Nun fahre ich 10 km/h, auf dass er mich wieder einsammelt.


Nach der Abfahrt vom Grimsel: Kurzes Flachstück bis zum Nufenenpass.
 
Leider kann ich die Abfahrten nie dokumentieren: Anhalten, das geht im Adrenalinrausch der Geschwindigkeit nicht. Und im Downhill bei +70 km/h mit einer Hand an der Cam herum fummeln, das muss auch nicht sein. Ach, war das herrlich! Oben auf dem Pass herrschte noch dichter Nebel - plötzlich setzte er ein, hüllte uns in sein nasses Weiß und ließ uns zittern - und kaum in der Abfahrt, 100 Meter später, ein Wusssschhh! und wir schießen ins gleißende Licht einer heißen Sonne, die wärmen an einem makellosen Blau steht. 

Erst als ich unten bin, kann ich ein Foto bergauf machen, und so rückwärts zeigen, welche wunderbare Serpentinenkombination uns gerade die Abfahrt bereichert hat. Ein Traum!


Die Abfahrt vom Grimsel - ein Serpentinen-Traum auf tollem Asphalt.

Kurz blicke ich zurück. Kaum zu glauben, dass das schon der Grimselpass war. Der Erste. Schon vorbei. Wenn Dinge vorüber gehen, können sie noch so lange gedauert haben, am Ende kommt es einem dann doch irgendwie immer zu kurz vor. Oder werde ich alt?

Noch eine Stunde vorher sah das natürlich ganz anders aus.

Wir befinden uns mitten im Anstieg. Das Alpenbrevet dauert schon eineinhalb Stunden. Wir haben den ersten von zwei Stauseen fast erreicht. Ich fahre mit Heiko zusammen auf ein mal in einem recht großen Feld von lose zusammen gewürfelten Fahrern. Wir sind soeben vom Massenstart eingeholt worden.


Da hinten thront die erste von zwei Staumauern.

Beim Alpenbrevet hat man die Möglichkeit, zwischen 6 und 6:45 Uhr als Einzelstarter auf die Strecke zu gehen, oder eben um 6:45 Uhr den Massenstart mitzumachen. Ein toller Service, der den Teilnehmern die Wahl lässt, wie sie das Rennen angehen wollen. Als Einzelstarter kann man natürlich seine Speed selbst wählen und erliegt nicht dem eigentlich bei allen Rennen immer wieder auftretenden Phänomen, gerade die ersten Kilometer viel zu schnell anzugehen.
Oder man startet mit dem Feld, weil man bewusst die Speed (und auch den Windschatten) des großen Feldes nutzen will, um sich mitziehen zu lassen. Alles hängt von der persönlichen Präferenz ab.


Die unsrige war eindeutig der Einzelstart: Wir sind nicht gerade die am besten trainierten Teilnehmer im Feld und die Rechnung war eine ganz einfache: 45 Minuten mehr Zeit für uns. Das sind 45 Minuten mehr Zeit ... für uns. Ganz einfach. Speed und andere Dinge spielten keine Rolle. "Wir können froh sein, im Limit zu bleiben", sagt Heiko am Abend vorher. 45 Minuten sind da natürlich ein komfortables Polster. 11:15 Uhr ist Streckenschluss in Airolo: Die Frage war, wollen wir 5:15 Stunden oder 4:30 Stunden Zeit bis Airolo haben?

Die Antwort ist schnell klar.
 

Erster Pass des Tages: Ich muss mich erst wieder an 
die Alpenhöhe gewöhnen.

Diese ganzen Zahlenspiele sind nun natürlich hinfällig: Wir sind unterwegs, auf der Strecke, das Rennen längst schon gestartet und wir viel zu beschäftigt damit, den Grimselpass zu erobern, als dass wir Zeit hätten, die ganze Zeit Zahlenspiele im Kopf auszuführen.


Andererseits, in einem Rennen wie dem Alpenbrevet, auf einer Strecke wir der Platin-Runde und in unserem Zustand hätten wir das vielleicht von Anfang an tun sollen. Marschtabellen sehe ich bei einigen Teilnehmern: Die haben sich das Höhenprofil des Alpenbrevet auf das Oberrohr geklebt, einige rudimentäre Informationen dazu geschrieben: Länge des Anstieges, Start- und End-km-Stand und die Uhrzeiten, die sie benötigen wollen/müssen, um im Limit zu bleiben. Das kann helfen, seine eigene Speed zu kontrollieren, nicht zu überpacen oder in Panik zu verfallen - oder halt eben, um mal Gas zu geben, wenn man merkt, dass man Gefahr läuft, das Limit nicht einzuhalten.
Eine der Lehren, die ich aus diesem Rennen gezogen habe: Gerade da, wo es knapp wird, sind diese Marschtabellen hilfreich.

Jedoch: Ich bin mir die ganze Zeit über sicher, dass wir keine Probleme mit dem Zeitlimit bekommen würden.

Ich vertraue auf unsere große Erfahrung bei Bergrennen.

Heiko ist da von Anfang an etwas skeptischer. Was ich verstehen kann: Knapp 300 km in den Alpen, das ist er noch nie gefahren. Ich jedoch habe schon einige dieser Rennen - Ötztaler Radmarathon, die Tour du Mont Blanc (ansatzweise) oder eben all die Gran Fondos in 2012/13 hinter mir, dazu die Mecklenburger Seenrunde oder Mailand-Sanremo mit 300 bis 320 Kilometern Distanz. "Das schaffst Du, Heiko!", bin ich mir sicher. Denn: Meiner Erfahrung nach sind die flachen Rennen mit solch großen Distanzen sogar eher schwieriger zu fahren, da man nicht die langen Abfahrten als Regenerationspuffer hat, sondern stetig treten muss. Und das bei konstant hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten.

Hier in den Alpen ist es meiner Erfahrung nach irgendwie einfacher: Den Berg hoch kommen wir, je nach Länge des Anstieges und Steilheit, immer so mit 10 bis 12 km/h im Durchschnitt. Dann die Abfahrten, die man mit 50, 60 km/h im Schnitt, bis 80, 90 in den Spitzen, fahren kann. Hier bessert sich der Gesamtschnitt massiv auf, man kann zudem etwas die Beine hängen lassen.

Bisher fahre ich in Alpen-Bergrennen immer so 20 bis 22er Schnitte. Die geforderten 18 km/h des Alpenbrevet lösen in mir zunächst keine Alarmglocken aus. Allein: 2012 und auch 2013 war ich gut trainiert. 2014 ist das ein ganz anderes Blatt ...

Die erste Staumauer ist erreicht.

Und so fliegt vor ein, zwei Kilometern das Spitzenfeld an uns vorbei. Angekündigt von einem Streckensicherungsfahrzeug, einem oder zwei Presse- oder anderen Wagen, ziehen etwa 30 Fahrer in einem irre hohen Tempo an uns vorbei. 

Die Meisten fahren kurz/kurz, was mich frösteln lässt. Ihre Füße wirbeln die Pedale herum, dass einem neidisch wird. Das ganze kompakte Führungsfeld braucht keine Minute, um mich komplett zu überholen. Keine weitere Minute später sind sie komplett aus unseren Augen verschwunden.

"Naja, man weiß ja nicht, welches Spitzenfeld das ist ...", sage ich zu Heiko: Es könnten ja auch die Silber-Fahrer sein, die "nur" 130 km vor sich haben. Da würde ich auch eine andere Pace gehen. (Ich fürchte allerdings, es waren doch die Platin-Fahrer ...)

Kurzes Flachstück um den Stausee herum. 
Am Grimsel wird Energie aus Wasserkraft gewonnen. Und
selbige von 2.500 Radsportlern heute massenweise in Muskeln umgesetzt.

Wir erreichen den Staudamm-Kamm und biegen auf ein Stück ein, dass uns um den Stausee führt. Die Steigung lässt spürbar nach und wir können sogar zeitweise auf das große Blatt wechseln. Noch immer fahren wir im Schatten der mächtigen Berge, obschon über uns immer mal wieder die Wolkendecke aufreißt und die Sicht auf einen blauen Himmel freigibt: Sollte das heute vielleicht doch ein warmer, sonniger, angenehmer Tag werden? Nach meinen ganzen Regenrennen und widrigen, kalten Einsätzen käme mir gerade heute mal entgegen, wenn nicht auch noch das Wetter mein Feind würde.


Die Grimselwelt ist auch ein Paradies für Wanderer.

Wieder höre ich nun das aufgeregte Pfeifen der Murmeltiere. Der kurze, charakteristische Ton ist mir schon bei der Haute Route in den französischen Alpen aufgefallen. Einer unserer Mitstreiter damals erzählte immer ganz begeistert, wie niedlich diese possierlichen Tiere wohl aussehen mögen: Allein, gesehen haben wir nie welche. Er sagte dann immer: "Das sind so kleine graue Tiere ...". Na, dachten wir uns, wenn du da mal nicht die ganzen grauen Geröllklumpen, die allenthalben in den Wiesen herumliegen, für Murmeltiere gehalten hast ... und stellten uns amüsiert vor, wie er ganz begeistert anhält, langsam absteigt und sich anschleicht, um dann einen Granitblock zu streicheln.

Heute höre ich sie massenhaft. Gesehen habe ich nicht ein Einziges.


Die Staumauer des oberen Sees. Nicht minder beeindruckend.

Okay, für Fans von Katastrophenfilmen mit einem dünnen Fell ist der Grimsel sicher nichts: Wenn hier mal eine dieser Mauern brechen sollte - stelle ich mir mal wieder vor, als es im Anstieg etwas langweiliger wird - dann würde die Flutwelle hier alles unter sich begraben und umreißen. Erst, wenn man sich unter diesen gewaltigen Bauwerken seiner eigenen Winzigkeit bewusst wird, dann die Massen an Wasser sieht, die dort zurück gehalten werden, kann man sich halbwegs vorstellen, welch schiere Kraft hier gebändigt wird. Und welche Katastrophe ausgelöst werden würde, sollte diese Züchtigung einmal versagen.

"Du hast scheinbar zu viel Zeit zum Rumspinnen ...", meint Heiko, als ich ihn an meinen Visionen teilhaben lasse.


Postkartenmotive: Eine bessere Werbung für die Alpen
kann es gar nicht geben.

Relativ schnell gewinnt man wieder an Höhe. Ein kurzer Blick nach unten zum ersten Stausee, dann nach oben, zum zweiten. Der Grimselpass ist nun fast geschafft.

Mit einer Höhe von 2.165 Metern ist dieser zwar recht hoch, aber noch nicht das Dach des Alpenbrevet. Das wird der nächste Pass, der Nufenen sein, von dem sie hier alle um uns herum schon ehrfürchtig sprechen.
Qualdich gibt dem Grimsel-Anstieg ab Innertkirchen, den wir hier gerade machen, vier von fünf Sternen in der Schönheits- und in der Härtewertung. "Als besonders trügerisch erweisen sich die Staumauern, da man jeweils dahinter die Passhöhe erwartet ...", steht dort. Nein, die Passhöhe kommt noch lange nicht.

Jedoch, die 24 Kilometer ab Innertkirchen (und 38 km ab Meiringen) sind nicht allzu steil. Zwar haben sie hier immer mal wieder kleine Abschnitte, bei denen es auch mal zweistellig werden kann, aber eigentlich zeigen unsere Steigungsmesser immer so 6, 7 und manchmal auch 8% an. Es fährt sich "gemütlich", wie Quäldich.de es ausdrückt.


Um den zweiten Stausee: Deja-vu?

Wie gefangen in einer Zeitschleife komme ich mir vor, als wir den zweiten Stausee umrunden. Das hatten wir doch gerade eben schon ...? Will ich denken, da zieht die Straße auf einmal an. Endspurt nach oben, das muss er sein: Plötzlich geht es steiler, ein, zwei Kehren und wir thronen hoch über dem See, schon spült es eine erste Nebelbank von rechts heran und ich bin im Weiß verschwunden - vorbei, weg, der See. Dafür treten wir uns nun im Wiegetritt enge Haarnadelkurven empor. "Cool, gleich oben!", rufe ich.




Das sollten jetzt nur noch wenige 100 Meter sein ...

Da weht es von der Bergflanke her wieder eine mächtige Nebelwand heran. Sie kraucht den Hang hinauf, unaufhaltsam, fast beängstigend aggressiv. Eilt diesem weißen Tsunami doch kein Donnergrollen oder Geschützfeuer voraus. Kein Meeresrauschen das zur Katastrophenmusik heran schwillt, kein aus unzähligen Emmerich-Filmen gewohnter Soundtrack der Apokalypse. Nur Nebel. Bilder in Schwarzweiß vom Ersten Weltkrieg zucken plötzlich vor meinem geistigen Auge vorbei: Gas-Angriff in Ypern!

Na, mach mal halblang!, reiße ich mich am Riemen, beame mich wieder ins Hier und Jetzt und konzentriere mich aufs Treten.



Der Nebel wird uns heute den ganzen Tag begleiten.



Mit dem Nebel kommt die Kälte. Das sind dann so die Momente, in denen ich wieder wütend werde, wie es heute morgen gelaufen ist: Keine Überschuhe! Und dabei habe ich richtig schöne warme Teile von Gore, die nicht nur warm halten, sondern auch - bis zu einem gewissen Grad - auch die Nässe abperlen lassen.

Denn die ist der Begleiter des Nebels. Ich spüre die eiskalten Wasserperlen, wenn ich mir mit der Zunge über meinen Bart lecke: Aus dem Nebel fängt sich die Nässe in meinen Haaren, auf meiner Brille. Sie kriecht in die Nähte, sucht sich ihren Weg durch die Schichten meiner Klamotten. Und findet schließlich irgendwann dann auch die Stellen, an denen sie auf meine Haut treffen kann. Dann baut sie Kältebrücken, reicht die tiefen Temperaturen weiter. Mich schüttelt es schon - ich halte halbwegs dagegen, indem ich versuche mir einzureden, dass unser konstantes Gekurbel genug Wärme erzeugen sollte.




Heiko? Hallo? Sicht bei unter 10 Metern.

Dann, nach einigen Minuten in absoluter Weiße, huscht als Schatten so etwas wie eine Pass-Schranke an uns vorbei. Oben! Erster Pass des Tages geschafft! Ich freue mich, sofort lässt die Trittfrequenz nach: Essen! Hallo? Niemand da?
Wie stochern mit unseren Augen im Nebel herum. Keine Stimmen hier. Keine Zeitnahme. Keine Leute. "Hä?", ruft Heiko ein paar Meter vor mir aus dem Nichts. Ich muss aufpassen, nicht von der Straße abzukommen - zwei mal schlenkere ich fast über die Begrenzungslinie des Asphalts. Hier muss doch irgendwo die Labe sein?!

Schon geht es bergab. "Moment mal!", will ich mich empören, schon haben wir wieder Speed drauf. Wie jetzt?! Vorn ruft Heiko etwas aus dem Nebel. Ich verstehe es nicht, brülle hinterher: "Sind wir dran vorbei gefahren?". Keine Antwort. Nur ein Brummen, das wie "Weiter unten ..." klingt.

Tatsächlich müssen wir noch 300, 400 Meter fahren, ehe wir das vertraute und ersehnte Gebrubbel und Geklirre der Labestation vernehmen. Endlich pellen sich die Essensstände aus dem Nebel.
 

Labestation oder Test des Tast- & Geschmackssinns?

Ich parke mein Cervélo irgendwo an einem Felsen. Dann hechte ich an die reich gedeckten Tische. Erst jetzt merke ich, wie mein Magen knurrt - vollkommen leer das Teil. Ich schaufle alles rein, was sie hier haben. Da mir die eiskalten Orangenviertel zunächst die Zahnfüllungen herauskatapultieren, die heiße Suppe hinterher auch nicht gerade zum Werbeversprechen von Sensodyne passt, bleibe ich bei Brot. Dieses dick geschnittene, extrem leckere Bauernbrot. In die Brühe getunkt - ein Traum.

Die Leute stehen da, schütteln sich frierend die Kälte ab. Nur die Mädels und Jungs der Labestation, die immer wieder nachfüllen, Bananen schneiden und Tee und Brühe ausgeben, sorgen mit ihren Scherzen für gute Laune. Heiko und ich reden kaum: Zu sehr sind wir damit beschäftigt, unsere Mägen zu füllen.

Ja, das ist ein Schweizer Rennen: Alphornbläser inklusive.

So verweilen wir keine 15 Minuten hier oben, auch wenn die Alphornbläser, die über uns auf einem kleinen Plateau den richtigen Sound drauf haben, eigentlich zum Bleiben einladen, und werfen uns gleich in die Abfahrt: Vor uns liegt nun der Nufenen-Pass, von dem einer, der mit uns startet nur sagt: "Der wird Scheiße!". Na, schauen wir mal ...

Wetter, Strecke & Co. - was macht das Alpenbrevet aus?


Es ist 6:50 Uhr und wir sind gerade 20 Minuten auf der Strecke. Wir treten wie die Bekloppten, mein Tank ist nicht nur leer, er war heute noch nicht mal voll. Gut ist, dass es schon dämmert, denn ich fahre eher ungern Rennen im Dunkeln, auch wenn wir die Möglichkeit in Anspruch genommen haben, das Alpenbrevet vor dem großen Feld als Einzelstarter in Angriff zu nahmen.


Dennoch: Viel zu schnell!


Anfangs geht es doch durch so manchen Tunnel. Licht ist Pflicht.

Wie gehetzt geben wir Gas. Fliegen über den Asphalt. "Mein Puls ... geht ... durch die ... Decke!", hechelt Heiko neben mir. Wir beide in Untenlenkerhaltung, ballern auf den Grimselpass zu. Der wird nicht weniger als 38 Kilometer lang sein und sollte schon sehr früh - also schon jetzt - leicht ansteigen. Ja, warum machen wir denn dann nicht langsamer?

Weil wir Gehetzte sind. Wir müssen hier jetzt einfach Gas geben! In mir brodelt es, Gedanken fliegen umher, ich weiß gar nicht, wie ich mich hier konzentrieren soll. Oben schmerzt mein Kopf: Noch ganz groggy vom Schlaf. Weiter unten knurrt der Magen, Alarmsirenen, alle Anzeigen auf Rot - ich bin leer. Ratzekahl leer. Nur ein einsames Gel schwappt, verdünnt mit etwas Iso-Suppe zwischen den Schleimhäuten meines Magens herum. Und ganz unten. Da brennen schon die Waden.

Alpenbrevet. Kilometer 10. Von 276.


Wir sind fast allein: Wir sind als Einzelstarter auf
die Strecke gegangen. 

Noch kann ich dieses Alpenbrevet nicht einschätzen. Zu verwirrt bin ich noch vom Start-Chaos, zu sehr brennen zu viele Fragen in meinem Hirn. Keine 15 Kilometer gefahren, schon Hunger. Das fängt ja toll an!


Heiko flucht die ganze Zeit. Mal still, mal lauter. Auch ihm ist die Aufregung vom Start noch ins Gesicht geschrieben, auch ihm tropft das Adrenalin, das wir in unserer Wut anscheinend literweise produziert haben müssen, aus der Nase. Diese Wut ist es auch, die uns antreibt, viel zu schnell zu treten. "Komm, lass mal langsamer machen", meine ich, als es etwas steiler geht.

Wir nehmen raus. Ich schaue mich um - da sind noch Andere. Aber Wenige.



Irgendwo dort geht es in den Grimselpass.

Nachdem wir direkt hinter Meiringen eine kleine Stufe von 90 hm überwunden haben - die sehr kurze Abfahrt hat bei mir kurzzeitig das Rennfieber ausbrechen lassen, aber dieses Prickeln vergeht schnell wieder, als es flach wird und dann die Straße langsam anzieht - fahren wir durch ein kleines Tal, schießen durch einen Ort und finden uns auf einer zunächst nur leicht ansteigenden Straße wieder.

Vor uns blitzen einige rote Rücklichter. Auch dies alles Einzelstarter. Vor uns. Das war so eigentlich nicht geplant. Ich muss dauernd meinen Kopf schütteln, wechsle mich da mit Heikos Kopfschütteln ab. Wie kann man nur so blöde sein?



Gottseidank noch sehr wenig Verkehr.

Aber alles Fluchen hilft nichts. Es steht nun fast ununterbrochen eine 4 % als Steigungsindikator auf unseren Displays. Ab jetzt müssen wir uns konzentrieren: Mit über 20 Kilometern Länge ist der Grimselpass einer der langen Anstiege. Und den gleich mal so zum Frühstück. Erwähne nie wieder das Wort Frühstück!, fluche ich in mich hinein.

Noch sind wir relativ alleine unterwegs, aber immer mehr Fahrer überholen uns. Wenig später hängen wir uns in eine Gruppe rein, die zwar etwas schneller ist als das, was wir bisher getreten sind, aber eben nur etwas schneller - alles vertretbar, unter diesen Umständen.

Der Grimselpass ist sehr abwechslungsreich.

Ich finde trotz der eher miesen Laune, die ich habe, doch noch etwas Zeit, mich an der Natur zu erfreuen, die ich Dank aufgehender Sonne immer besser sehen kann. Der dichte Nadelwald weicht irgendwann zurück und wir kommen durch eine tief geschnittene, felsige Schlucht. Mit den 4 % Steigung ist es nun auch endgültig vorbei, 7, 8 bis 10 % zeigen nun die Geräte. Alles im Rahmen, wenn man normal gut drauf wäre. Wir beide aber schwitzen nur, atmen hechelnd und Heiko hat nach 19 Kilometern schon seine erste Flasche leer getrunken. So oft, wie heute, habe ich in einer so frühen Rennphase noch nie das Wort "Hunger" ausgesprochen.

Ich lenke mich ab, indem ich meine Umgebung scanne, Fotos mache und versuche, mir die Charakteristiken dieses Passes einzuprägen. Die Schweizer Bergwelt ist für mich - bis auf den grandiosen Großen St. Bernhard - bisher ja ein eher unbeschriebenes Blatt.





Eine Steilwand mit eingekerbtem Radweg: Atemberaubend!

Wir kommen eine weitere Rampe nach oben, als sich die Aussicht auf eine fast senkrechte Felswand, einen überdimensionalen Brocken ergibt: In seiner Mitte, fast nicht sichtbar, eine Kerbe. Unser Weg?

Jetzt, mit einigen Tagen Abstand, kann ich dieses Stichwort nutzen, um mir ein paar Gedanken um den Charakter dieses Alpenbrevets zu machen. "Die Berge sind hier irgendwie anders.", sage ich schon bei der Anfahrt zu Heiko. Bisher bin ich ja nur die französischen und Tiroler Alpen gewöhnt, hier in der West-Schweiz, im Wallis, war ich noch nie. Die Berge wirken irgendwie mächtiger, ihre Flanken steiler, die Täler enger, als beispielsweise in Österreich. Das wirkt sich natürlich auf das Rennen aus: Das Alpenbrevet hat (für mich sehr von Vorteil), keine Flachstücke zwischen den Anstiegen.

Als wir den eingecarvten Radweg erreichen, geht ein "Oohh" und "Aaahh" surch unser loses Feld: Der Schönheit dieses Anblickes kann sich hier keiner entziehen.


Die "Kerbe" im Grimsel - beeindruckend.

Wir sind in der Kerbe zwar nur wenige hundert Meter unterwegs, nichtsdestotrotz hinterlässt sie einen bleibenden Eindruck. Spontan fühle ich mich an das Zwischenstück vom Col du Soulor zum Col d´Aubisque erinnert, das zwar wesentlich beeindruckender und länger ausfällt, aber ohne Probleme der große Bruder dieser Kerbe im Grimsel sein könnte.

Die Strecke des Alpenbrevet, so kann ich nun im Nachhinein sagen, ähnelt in ihrem Charakter eher einem Rennen in den fast ebenso "engen" Pyrenäen, würde ich meinen. Es ist kaum mit einem Ötztaler Radmarathon oder Dreiländergiro zu vergleichen. Dieses Alpenbrevet ist schon ein ganz eigenes Rennen mit einem eigenen, unverwechselbaren Rhythmus. Obschon das stete Auf und Nieder natürlich zu Vergleichen geradezu verleiten - aber das ist ein anderer Blogbeitrag.

Nach der Kerbe umrunden wir den Bergrücken und fahren entlang einer steil über uns in die Höhe schießenden Felswand: Und da noch hoch?



Man umrundet einen riesigen Felsklops, hat man das Gefühl.


Jetzt, da ich mich etwas ablenken kann, schmerzt auch der Magen nicht mehr so. Meine Wut kocht langsam zurück und auch Heikos Beschwerden werden langsam weniger: Wir gewöhnen uns ans Rennen, finden unser Tempo und arrangieren uns mit der Situation. Ich fahre vor zu Heiko: "Langsam fängt es an, Spaß zu machen.", meine ich - und ich meine es ernst.

Was mich im Nachhinein ebenso am Rennen hier in der Schweiz beeindruckt, ist das Verhalten der Autofahrer. Zwar begegnen wir in der Frühe kaum Welchen, ab Mittag dann, vor allem beginnend ab dem Gotthard-Pass, immer mehr von denen, aber wenn, dann habe ich das Gefühl, nehmen sie Acht und passen auf. Und das ebenso am Anstieg, auch wenn sie mal eine Weile hinter uns langsam herfahren müssen, wie auch in der Abfahrt: Geduldig kurven sie hinter uns her, unternehmen keine waghalsigen Manöver. Nehmen es uns aber auch nicht übel, wenn wir sie in einem Anflug von Mut in der Haarnadelkurve schneiden und "abzocken".
Außer zwei Mal - es erwischt beide Male Heiko - müssen wir uns lautstark beschweren: Heiko wird extrem schnell so knapp schneidend überholt, dass er zumindest das eine Mal nur mit einem riskanten Ausweichmanöver dem Sturz entkommt.

Beide Male sind es natürlich deutsche Nummernschilder, die im Nebel der Abfahrt schnell verschwinden ...

Als wir auch die Steilwand in einer langen Serpentine - inzwischen hat uns die Spitzengruppe des Massenstarts überholt - erklommen haben, sehen wir, in etwa 2 Kilometern Entfernung und gefühlt 2.000 Höhenmeter über uns, eine Staumauer. Der Pass?


Noch denke ich, dass hinter dieser Staumauer der Pass ist.

Gut, ich hätte mir das Streckenprofil auf mein Oberrohr kleben und kurz nachrechnen können - dann hätte ich gewusst, dass wir jetzt hier noch längst nicht am Pass sind. Ich hätte auch das Angebot nutzen können, und mir die Strecke in Google Maps beschauen können. Dann hätte ich gewusst, dass es zwei Stauseen am Grimsel gibt.


Wetter beim Alpenbrevet. Wir hatten Glück. Am Vortag bestes Sommerwetter mit klarem, blauen Himmel. Fast zu viel Sonne. Das wäre am Renntag eine Schinderei gewesen. Am Abreisetag nieselt es, später kommt Regen hinzu. Am Renntag sind wir genau in der Übergangsphase: Es ist schon bewölkt, aber noch ohne Regen. Es wird schon kühler, aber noch nicht allzu kalt. Die meteorologische Dynamik der Mikroklimata der einzelnen Täler - ähnlich wie beim Ötzi - machen jedoch eine generelle Vorhersage oder Aussage fast unmöglich. Kann es in dem einen Tal regnen und kalt sein, können hinter dem nächsten Pass schon wieder 20 Grad und Sonne herrschen.

Unaufhörlich arbeiten wir uns der Staumauer entgegen. Als wir direkt unter dem imposanten Beton-Koloss entlang kurbeln, denke ich mir so: "Lange kann es ja nicht mehr dauern ..." Darf es auch nicht, denn nachdem, was Heiko und ich hier heute Morgen am Start erlebt haben, bleibt uns wenig bis kein Spielraum, wollten wir die Platinstrecke schaffen.


Langsames Erwachen. Nach selbig Bösem.



"Oh je!", stöhne ich noch, als ich durch die seichte Dämmerung bolze. Gerade sind wir in das Alpenbrevet gestartet. Oder besser: Gestolpert. Ein Alptraum, wahrlich. Und vor lauter Wut im Bauch und Kopfschütteln komme ich nicht dazu, mich im Hier und Jetzt auf die Strecke zu konzentrieren, mich zu kontrollieren und zu zügeln. Wie bescheuert treten wir rein, schnaufen heißen Atem in die kühle Morgenluft Meiringens, merken gar nicht, wie wir das letzte Bisschen Energie, das wir noch vom gestrigen Abendbrot irgendwo in den letzten Winkeln unserer Zellen gespeichert hatten, ohne Sinn und Verstand hier auf den ersten Kilometern vergeuden.


Dies war der schlechteste Start, den ich in vier Jahren Radsport jemals hingelegt habe.


Alpenbrevet: 276 Kilometer bei mehr als 7.000 Höhenmetern.
Zum Start machen wir alles falsch.

Am Vorabend - wir sind früh schon geduscht, präparieren unsere Rennräder, legen die Klamotten bereit - gehen wir ganz vorbildlich und ohne Alkohol relativ zeitig schlafen. Heiko und ich habe ein Doppelzimmer gemietet, das schont gerade in der nicht gerade als Schnäppchenland bekannten Schweiz die Vereinskasse. Ich stelle den Wecker meines Handy. Auch Heiko stellt den Wecker seines Handy. 

"Wann ist Start?", frage ich. "Sechs Uhr?"
"Ja, dann lass uns 5:15 Uhr hier losfahren", meint Heiko. Wir müssen von Giswil, das hinter dem Brünig-Pass liegt, etwa 20 Kilometer bergauf und bergab fahren, um nach Meiringen auf der anderen Seite einer Bergkette zu kommen. 
Wenn wir also 5:15 Uhr losführen, dann wären wir 5:40 Uhr in Meiringen. "Bloß nicht so lange am Start stehen und frieren!", stimme ich ihm zu.

Dann kommen wir pünktlich an. 
Unsere Startzeit ist Punkt 6:00 Uhr.



Bis wir am Startbogen ankommen: Chaos!

Und so stelle ich meinen Wecker auf 4 Uhr. Morgens eine Stunde, die muss schon sein: Lecker Kaffee, dann Brötchen mit Schinken (auf dem Zimmer wollen wir frühstücken, das Zeug, was die im Hotel anbieten - abgesehen davon schon gar nicht so früh - ist ungenießbar!).

Heiko stellt sein Handy auf 4:30 Uhr. Er meint, er brauche morgens nicht so lange, um in die Puschen zu kommen. Soll er machen, wie er denkt.

Nachts. Ich liege im Bett. Werfe mich von links nach rechts: Schlafen kann ich vor Rennen nie so richtig gut. Doch irgendwann erwischt es auch mich und ich dämmere weg. Ich schlafe. Richtig gut. Richtig fest.
Dann zucke ich hoch. Scheiße!, denke ich, schaue wirr aufs Handy-Display. Ganz ruhig, Brauner: Es ist gerade mal 2:30 Uhr. Noch weit mehr als eine Stunde Zeit. Ich schlafe schnell wieder ein.





Wir sind viel zu spät. Wie konnte das nur passieren?!

Hach, das schläft sich herrlich. Und so warm unter der Decke. Kuschelig. Geradezu heimelig. Ich drehe mich wohlig schmatzend um. Geil. Noch über eine Stunde pennen ... Moment mal, denke ich mir in einem Moment der Klarheit. Irgendwie genieße ich dieses warme, weiche Bett hier schon ziemlich lange? Und schaue auf das Handydisplay um zu schauen, wie viel Zeit wir noch ha....."SCHEISSE! HEIKO! AUUUFSTEHEN!", brülle ich im Kasernenton: "Es ist 5:21 Uhr!!!", entfährt es mir. Verdammte Axt! Wir wollten um 4 hoch kommen, wir wollten jetzt schon im Auto unterwegs sein!

"Willst Du mich verarschen...?", stöhnt er schläfrig. Da habe ich schon das grelle Licht an und springe unter der Decke hervor. Heiko realisiert, dass ich es ernst meine, auch seine Daunen haut es aus dem Bezug, als er hoch springt.

Wir hetzen.
Wir fluchen.
Wir schreien.
Unfassbar! Zwei erwachsene Menschen stellen sich zwei Wecker. Keiner klingelt! 

"Wie zur Hölle ...!" oder "Alter, das wird nix mehr ...!" oder andere Halbsätze stoßen wir im wilden Gewusel aus, das hier in unserem viel zu engen Zimmer plötzlich ausbricht. "Bundeswehr-Übung ..." und "Scheiße, kein Frühstück!". Ich bin so wütend, so niedergeschlagen, so in Rage.

5:45 Uhr sitzen wir im Auto. 30 Minuten Fahrt liegen vor uns. Heiko gibt Gas - wenn wir jetzt alle Regeln brechen und schneller fahren könnten ... ach schön, ein LKW vor uns. So schleichen wir den Pass hoch. Und wieder runter.


Das Alpenbrevet hätte schlechter nicht starten können.
Egal - endlich unterwegs.

Wir erreichen Meiringen, Heiko nimmt scharf eine Kurve, schmeißt das Auto in die erst beste Parklücke. Wir springen raus, zerren die Räder aus dem Kofferraum: Es ist 6:10 Uhr. Noch 3 Kilometer bis zum Start. Aufsitzen, los, los! Wir treten rein.

Heiko merkt erst 38 Kilometer später, auf dem ersten Pass, dass er seine langen Handschuhe, Mütze, Windweste und Überschuhe vergessen hat.

Wie bescheuert hetzen wir zum Start: Pünktlich wird das eh nicht mehr, aber für uns zählt nun jede Minute. "Mein ganzer ... Zeitplan ... den ich mir ... zurecht gelegt habe ... im Arsch!", flucht Heiko atemlos zwischen den Kurven.

Fast kollidieren wir mit der langen Schlange, die sich am Startbogen eingefunden hat. Runterkommen. Puls senken! Mein Magen knurrt lautstark: Da kann auch die halbe Banane und das trockene Brötchen, dass ich mir versucht habe, im Auto reinzudrücken, nichts ändern.

Anscheinend sind sie noch beim Einzelstart. In Rage drängeln wir uns etwas unkollegial vor.

Es ist irgendwas um 6:21 Uhr, als ich das letzte mal auf die Uhr sehe - wenig später gehen wir auf die Strecke. Eineinhalb Stunden verschlafen.
Kein Frühstück.
3 Kilometer Einzelzeitfahren all out zum Start.
Knapp eine halbe Stunde zu spät auf der Strecke.

Wir werden genau 11 Minuten nach Schließung der Platin-Strecke in Airolo ankommen.


Hier der Link zu Heikos Garmin-Daten des Alpenbrevet, Gold-Runde.