25. August 2015

Time to say Goodbye.

In den letzten Wochen ist es ruhig bei mir geworden. Das habt Ihr hier im Lousy Legs-Blog bemerkt, wohl vor allem auch diejenigen, die mir auf twitter oder Google+ folgen. Vieles hat sich in meinem Leben geändert, es waren vor allem die letzten beiden Jahre, die so einiges auf den Kopf gestellt haben, manche Dinge davon fundamental.
Das Sprichwort sagt, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist – diesen Moment habe ich Ende 2013 nun schon etwas länger verpasst. Ein anderes Sprichwort aber meint dann, man solle aufhören, bevor es peinlich wird. 


Climax Haute Route 2013.

Und das ist, was mich bewogen hat, nicht nur diesen Blog, sondern meine „Karriere“ als Radsportler, oder sagen wir besser, als ambitionierter Jedermann, nun zu beenden. Eine unerwartete OP tut da ihr übriges.

Burnout und Motivationsloch?


Es ist nicht erst seit 2015, da wir als Lousy Legs-Team schon den geradezu barock-umfangreichen Rennkalendern, wie sie die Jahre bisher geprägt hatten, Lebewohl gesagt haben. Es war eher das Jahr 2014, das bei mir den ersten Sargnagel setzte: RAAM. Von da ab war nichts mehr, wie es vorher war.

Diesen Blog zu betreiben, Euch zwei, drei Mal im Monat Artikel, Berichte, Interviews und Postings in dem Umfang, der prosaischen und inhaltlichen Qualität zu liefern, Interviews zu führen, Grafiken zu erstellen, Fotos zu bearbeiten, ist eine Arbeit, die pro Beitrag viele Stunden Zeit und natürlich auch eine Menge Geld kostet. Zeit, die ich gern investiert habe, weil ich – sponsorenfinanziert – eben „kaum“ eigenes Geld investieren musste.


So fing alles an: 2011 unsere erste Komplettsaison als Team im German Cycling Cup

Das änderte sich mit dem plötzlichen Wegfall unseres tollen, tollen langjährigen Solar-Sponsors. Zu seiner Entscheidung hatte ich ihm damals sogar aktiv geraten: Denn die Frage, ob man in einer ökonomischen Krise die eigenen Mitarbeiter finanzieren solle oder es einem Haufen „Verrückter“ ermöglicht, durch Europa zu jetten um in aller Welt Radrennen zu fahren, ist natürlich einfach beantwortet. SunClass hat die Krise – anders als viele andere deutsche Solar-Unternehmen – gemeistert und erholt sich, was mich sehr freut, ist doch ein Teil des Markenprofils auch irgendwie mein Werk.

Und doch: Gerade in der RAAM-Organisation steckte so unglaublich viel Energie, Kraft und Zeit – größtenteils durch mich allein aufgebracht – dass mich die plötzliche Absage buchstäblich von einem Tag auf den anderen in ein derart tiefes Motivationsloch hat fallen lassen, dass ich kaum noch die Energie der Jahre davor wieder finden konnte, mit demselben großen Enthusiasmus weiterzumachen. Dass dieses Loch so tief sein und mich so langanhaltend prägen würde, hätte ich nicht gedacht.

Auch unser Folgesponsor – nicht minder engagiert und sympathisch – konnte dies nicht „retten“. Die Summen für komplette Rennsaisons mit 10 bis 15 Rennen oder geschweige denn eines Events wie dem RAAM waren einfach zu hoch. Eigenfinanziert schon gar nicht zu stemmen.


180 Kilometer purer Höhepunkt: Der Gran Fondo New York 2012

So ist denn die Saison 2015 mit unseren Everestings mehr aus der Not heraus geboren. Eine wie ich finde noch immer tolle Idee, immerhin 3 Events haben wir geschafft und unzählige tolle Momente an Mortirolo, Ventoux und im Zillertal erleben dürfen.

Á propos „geboren“: Die Väter und Mütter unter Euch wissen, was es heißt, ein Kind zu bekommen. Ganz simpel: Das Leben ändert sich vom „ich“ hin zu „er“ (ich habe einen Sohn). Unter der Woche trainieren? Bei mir mit Vollzeit-Stressjob nun ganz einfach ausgeschlossen. An den Wochenenden stundenlang Kurbeln? Nur zum Preis einer einsamen Familie. 10 bis 15 Wochenenden oder gar ganze Wochen (inklusive der wertvollen Urlaubstage und –kasse) allein auf Rennen verbringen? Geht wieder nur auf Kosten der einsamen Familie. Kurz: Jeder Abschied von daheim zu einem – und sei es auch noch so genialen – Event, machte mein Herz immer mehr bluten. Schlimmer noch: Die Herzen meiner Frau und vor allem meines Kleinen ebenfalls.

Nein, so geht das nicht weiter. Ich lebe nicht vom Radsport oder diesem Blog. Aber ich lebe für meine Familie. Die mich braucht, die ich brauche. Mit ihnen will ich sein. Euch „Tschüs“ zu sagen, werdet Ihr verkraften – meinem Sohn ständig Zeit zu verwehren, geht dagegen gar nicht.

Ich hatte nie den Anspruch (oder gar die Fähigkeiten) Höchstleistungen, erste Plätze oder Goldmedaillien zu bringen. Wohl aber, auf einem Niveau Rennrad zu fahren, das sich im „gesunden“ Mittelmaß befindet. Das habe ich früher gut erreicht. Aber eben mit viel Aufwand: Selbst für „langsame“ 10 Stunden beim Ötztaler Radmarathon oder „nur“ die Gold-Strecke beim Alpenbrevet musste ich tausende Trainingskilometer, zehntausende Trainingshöhenmeter und dutzende Tage im Sattel meiner wunderbaren Cervélos verbringen. 

Ihr wisst selbst, wie viel es braucht, um bei solchen Events „nur“ durchzukommen. Wie viel zeit allein in das "Mittelmaß" investiert werden muss. 


Hart, härter - immer härter? Ohne ausreichend Training witzlos.

Ohne diese Trainingsmöglichkeiten werden Teilnahmen an diesen Events für mich nun nur noch zur Qual. Und für Euch zum Witz, darüber zu lesen. Eben: Aufhören, bevor es peinlich wird. 

Leider bleiben nun auch Artikel, die ich schon in Vorbereitung hatte, daher unveröffentlicht: Ein ganz tolles Interview mit einem Konstrukteur des neuen Cervélo P3 zum Beispiel, der Rennbericht vom Schwarzwald Super! und dem Ötztaler Radmarathon, die ich dieses Jahr nicht mehr mitfahren werde, zwei nicht gemachte Everestings (und überhaupt den Vollzug, einmal 8.848 hm zu schaffen), ein Artikel mit Interviews zum Thema Doping im Jedermann-Radsport und einige weitere spannende Themen, die ich schon am Recherchieren war. 

Die Energie, die mir geblieben ist, möchte ich anderweitig investieren. Ebenso wie das Geld, das trotz Sponsorings (und da macht Euch bitte nicht allzu rosige Gedanken, mit welchen Summen wir da zuletzt unterstützt worden sind) noch mehr als reichlich in den Radsport geflossen ist.

Ein Blick zurück: Geil war es!


Aber überhaupt: Wir hatten doch eine richtig geile Zeit zusammen, oder?

Ich hatte das Privileg, 4 Jahre lang Rennkalender zu bestreiten, wie sie ein Jedermann kaum allein stemmen könnte. Dank eines begeisterten Sponsors konnten wir die größten Rennen, die kleinen Geheimtipps, viele Klassiker, einige Luxus-Ausgaben und am Ende eben die attraktivsten Kalender fahren, die man sich vorstellen kann. Die ich mir vorstellen kann. Unglaublich noch heute, wenn ich mein Palmarés anschaue.


Saison 2014 - Gran Fondos in Italien, Spanien und Frankreich. Ein Traum!

Herausgekommen ist deshalb hier im Blog eine – wie ich finde – fantastische Sammlung ganz toller Renn-Berichte, Abenteuer, haarsträubender, mitreißender, spannender Geschichten, in denen ich auch nach 3 Jahren noch gern mal schmökere.

Das fast schon mystische Mailand-Sanremo, die exklusive Haute Route, zwei geniale Ötzis, die hammerharte aber wunderschöne Tour du Mont Blanc und natürlich der fantastische Gran Fondo New York, um nur einige zu nennen, gehören von nun ab für immer zu unauslöschlichen Erinnerungen und hier im Blog zu einer Bibliothek voller spannender Stories, toller Fotos und Grafiken.

Auch das Scheitern konnte ich ausgiebig schmecken: Ronde van Vlaanderen, Race Across the Alps und zwei Alpen-Träume haben mich erfahren lassen, was es heißt, am Limit zu scheitern. Es können einem nicht immer Flügel wachsen - auch eine heilsame, wertvolle Erfahrung.

Mit Euch und dank Euch ist diese Website in vier Jahren ohne Werbung oder anderes zutun meinerseits zu einem der beliebtesten deutschsprachigen Rennrad-Blogs geworden. Immerhin öffnet Ihr monatlich meine Artikel an die 25.000 mal. Dafür, für Eure Treue und Euren Support ein herzliches Danke von mir! Viele von Euch sind mittlerweile als Commenter und Follower zu „Bekannten“ geworden, zu Leuten, über deren Input ich mich immer sehr freue, die mich bei Rad am Ring im Camper besucht oder immer mal wieder kommentiert hatten. 

Einige von Euch darf ich sogar meine Freunde nennen.

Radsport - das ist für mich auch und vor allem viel Emotion, tolle Menschen und Freundschaften.

Danke möchte ich deshalb an Euch Leser sagen. Es war eine ganz fantastische Reise mit Euch als Cervelover und Lousy Leg.

Danke an Cervélo, Detlef vor allem, Ihr habt immer meine nervigen Anrufe und Emails beantwortet und mir bei meinen Recherchen ganz hervorragend geholfen. 
Danke auch an das Ötzi-Team in Sölden, an taxofit Sport in Köln für die tatkräftige Power-Unterstützung bei unseren – immerhin! – 3 Everestings und an alle Interview-Partner, die sich Zeit und Geduld genommen haben, mir Rede und Antwort zu stehen: Renn-Organisatoren vom Alpenbrevet, TMB, Ötzi, Haute Route usw.. 

Danke an die Radsport-Legende Udo Bölts, die ich ausgiebig befragen durfte, sicherlich ein Höhepunkt hier. Danke an Torsten und all die anderen, die mir mit ihrer Expertise zur Seite gestanden haben und Danke auch an den Sportograf, der meine Privatnutzungslizenz der Rennbilder auf diesen Blog ausgeweitet hat.


Auch mein Baby - das tolle Team SunClass.

Danke, danke, danke und tausendmal mehr danke an SunClass und Sten, Ihr habt mir und dem Team tausende fantastische Rennkilometer ermöglicht! Danke an Roland und DuraCase, alles Gute für Euer Projekt!

Weiterhin und für immer: Ich liebe den Radsport. Das Rennrad. Diese Atmosphäre am Vorstart. Das Schwitzen, das Kämpfen, den Krampf, den Regen, die Kälte, die Hitze, den Fahrtwind und diese Alpenkulisse, die süchtig macht. Auch weiterhin. Aber eben weniger. Kleiner. Ruhiger. Und ohne Öffentlichkeit. Nur so. Nebenbei. Zum Spaß. 

Macht´s gut Ihr Radsportler und Carbonsüchtigen, genießt Eure Liebe zu diesem fantastischen Sport, kostet jeden Meter, jedes km/h und jedes Prozent Steigung voll aus und vor allem – ride safe!


Bye, Euer Lars

23. Juli 2015

Ein Everesting (-Versuch) an der Zillertaler Höhenstraße - die Definition von "steil".

Es dauert eine Weile, bis ich nun endlich in der Lage bin, meine Erlebnisse an der Zillertaler Höhenstraße in Worte zu fassen. Zu anders, zu krass und zu intensiv die Eindrücke, als dass sie mir in Form von Worten, wie bisher, sofort in den Blog geflossen wären. Um es einleitend kurz zu machen: Das war mal so richtig krass.


Everesting im Zillertal: Heiko hat eine Idee.


Alles beginnt ein paar Monate zurück, als ich mit Lousy Legs-Kollege Heiko überlege, wo wir unsere nEveresting-Events machen könnten: Ich habe eine Liste mit den Pässe, die ich entweder noch nie gefahren bin, noch "auf meiner Liste habe" oder deren Bezwingung ich zwar schon geschafft, dies aber im Rahmen eines Rennens so kurz war, dass ich das bewusste Erleben verpasst habe. Heiko hat einen anderen Ansatz.


Du hast Lust mal so richtig abzukacken? Zillertaler Höhenstraße!

Er geht da etwas analytischer an die Sache ran, nutzt die vielfältigen Filter und die breite Datenbasis von quäldich.de und präsentiert eine Anzahl von - mir bis dato recht unbekannten - Bergen und Pässen, die er spannend findet.

"Spannend" findet er auch die Zillertaler Höhenstraße, deren Name mir gänzlich unbekannt ist, mich eher an schlimme schleimige Volksmusik erinnert, verstaubte TV-Studios und alkoholbetäubte ältere Claqueure.

"Nee, nee, das scheint echt genial zu sein", meint Heiko und legt fünf DIN A4-Blätter vor mir aus: "Die Höhenstraße verbindet von hier nach dort zwei Gipfel - so auf 2.000 Metern Höhe etwa ..." Ist ja nicht sehr hoch - denke ich mir.
"... und dann gibt es da diese, diese, diese hier, dann diese und noch diese Auffahrt." Er fährt mit dem Finger die möglichen Auffahrten ab. 
Aha, mache ich. Noch etwas verwirrt.


Das wunderschöne Zell am Ziller ist unsere Homebase.

"Also, die Idee ist, dass wir versuchen, alle Auffahrten an einem Tag zu machen.", fährt Heiko weiter fort. "Ist zwar kein echtes Everesting, aber auf jeden Fall abwechslungsreicher und spannender." Ich bin noch etwas skeptisch. Aber sofort überzeugt, als mir Heiko die Ausdrucke der Höhenprofile vorlegt: "Also, laut quäldich.de sind alle Auffahrten ... ähm ... Scheiße. Alle so um die 10 bis 15 Kilometer lang und bei im Schnitt 1.500 Höhenmetern kannste Dir die Steigungsprozente ja selbst schnell mal im Kopf ausrechnen." Jo kann ich.

Oha!

Es erwarten uns also mindestens Mortirolo-Verhältnisse, wenn ich das richtig sehe? Mindestens, ja. Ich erinnere mich an unser erstes Everesting dort in Italien - mehr als drei Mal schaffe ich die Rampen des legendären Berges, locker aus der Kalten ohne Training. Und nachdem ich am Mont Ventoux die 6.000 hm hintereinander schaffe, sollte das im Zillertal doch wenigstens wieder einen Fortschritt geben, oder?

Nee, ist klar.


Abbiegung zur "schlimmsten" Auffahrt direkt ab Zell.

So einigen wir uns darauf, nach Mortirolo und Mont Ventoux, immerhin zwei ganz großen Namen des Radsports, die Zillertaler Höhenstraße mit ihren fünf "Ehrfurcht gebietenden" Auffahrten mit ins Programm zu nehmen. 

Das sich - im Gegensatz zu den beiden Vorgängern und dem Galibier und Bonette, unseren beiden letzten Events - zur Zillertaler Höhenstraße dann am Ende gar keiner von Euch anmeldet, schieben wir auf den Zeitpunkt: Juli, das ist Hochsaison für Papas und Mamas, die Kinder haben Ferien, kaum Zeit für Rennrad-Reisen. Wirklich? 

Kann es nicht auch sein, dass Ihr wusstet, was uns dort erwartet?


Start in Zell am Ziller - Leer in die Hölle.


Es ist wie immer 4.30 Uhr, als mein Handy losgeht. Neben mir verkriecht sich Heiko in die Dunkelheit - die Anreise ab Hamburg gestern hat zwar nur überraschend kurze 8-einhalb Stunden gedauert, das dann aber direkt nach einer harten Arbeitswoche war trotz ohne Stau eine harte Nummer. Grunzend dreht er sich weg. Aufstehen? Wieder unendliche Quälerei heute. Ich gebe uns noch 20 Minuten, vor allem auch, weil es draußen einen harten Regenschauer gibt. Bei Platzregen losgurken? Das muss nun wirklich nicht sein.


Trotz fast 9 stündigem Schlaf: Gerädert.

"Diese Matratzen bringen mich um ...!", stöhnt Heiko ob der Weichheit der Zillertaler Schlafunterlagen die ganze Zeit im Bad, während dessen wir uns ankleiden. Heute sind im Laufe des Tages mehr als 30 Grad angesagt, gestern hatten sie schon im Radio ständig vor der Hitzewelle und der im Tal "stehenden Hitze" gewarnt, eifrige Radiomoderatoren erklären den Unterschied zwischen Hitzeschlag und Sonnenstich und alle Stunde ergeht ein Aufruf, sich möglichst wenig im Freien aufzuhalten, möglichst literweise Wasser zu trinken. 

"Äh. Kurz-kurz?", frage ich scherzhaft. An meinem Cervélo habe ich nur einen Flaschenhalter montiert. Sieht cooler aus. Heiko steckt sich zwei volle 0,75 l-Flaschen in die Seinen. Okay.

Es ist 6.30 Uhr als wir unseren Bus in Aschau parken - Heiko hat sich ein cleveres System ausgedacht, in welcher Reihenfolge wir wann welche Auffahrt machen wollen.

Kurz vor 7.00 Uhr: Es geht los. Ab Aschau in die "leichte" Auffahrt.

"Erst mal die ganz Lange ab Aschau, zum Warmwerden," sagt er, während wir uns in der trügerischen Morgenfrische auf dem Parkplatz an der Zillertal-Bahn umziehen. Mir fröstelt leicht und ich bin fast gewillt, meine ganz dicke Jacke anzuziehen, als aber Heiko seinen Kopf schüttelt, wird es (gottseidank) dann doch nur die dünne.

Quäldich.de gibt für die Aschauer Auffahrt mit etwas mehr als 16 Kilometern Länge und 1.500 Höhenmetern die volle Schönheits-Wertung. Aber eben auch die volle Härte-Punktzahl. Am meisten gefällt mir dort gleich der erste Satz "Dies ist die schwerste der Zugangsstraßen."

Äh, Heiko???


Warmwerden? Forget it! Noch im Ort 15%. 

Wir rollen los. Guter Dinge. Gut gelaunt. Endlich wieder auf dem Rennrad! Endlich wieder diesem Smog-Moloch entkommen, dem Bürotisch entflohen. Keine Meetings, keine Agenda, keine Milestones und VidCons - hier draußen duftet es einfach nur herrlich nach Heu, nach frischen Gräsern. Irgendwo bimmeln Kuhglocken, im Tal tutet die erste Bahn und niemand, absolut niemand ist unterwegs. Es ist ein Traum! Es ist Freiheit. Ich grinse über das ganze Gesicht. Breit. Trete und kurbele - schon jetzt größtes Ritze und kleines Blatt. Und merke nicht, dass es hier schon verdammt steil anfängt.

Heiko fällt sofort hinter mich zurück (jetzt weiß ich, dass er die Höhenprofile der Auffahrten wesentlich länger studierte als ich) und lässt es sehr gemütlich angehen. Ich bremse mich, noch nicht ahnend, dass das hier eben nicht "so irgendwie wie der Mortirolo halt" werden wird. Obschon die ersten Anzeichen direkt unter meinen Pneus durchrollen: Noch im Ort geht es auf 15%.


Das ist die aller erste Rampe: Keine 300 Meter gefahren, schon "ziemlich weit über dem Tal." Hammer!

Beim Pässefahren finde ich am faszinierendsten, dass ich mir die Höhe selbst erarbeite und am spannendsten, wie schnell man dann doch trotz 9, 8 oder gar nur 6 km/h im Schnitt an ebendieser gewinnt. Hier im Zillertal-Anstieg ist dieser Effekt noch krasser zu sehen. Wir sind nicht einmal 10 Minuten unterwegs, schon sind die Ausblicke ins Tal Atem beraubend.

Dazu diese Ruhe. 

Schnell lassen wir nach den ersten Haarnadelkurven die Ausblick auf Aschau hinter uns, fahren eine Weile ziemlich steil durch den Wald und kommen bei einer ersten Wiese heraus. Schnurstracks geht es geradeaus hoch. Heiko von hinten: "Alter, das ist ja saukrass hier!" Tretlager und Lungenklappern streiten sich hier jetzt schon um den Titel des lautesten Geräuschs des Tages.


Auf der Alm, da gibt´s koa ... Ruh. Harte Arbeit ist angesagt.

Ich kann noch über all das grinsen. Ich fühle mich recht gut trainiert - soweit man das bei bisher 900 Kilometer Jahresdistanz und 19.000 hm Kletterleistung überhaupt sagen kann - verspüre keine Schmerzen oder Schwierigkeiten und drehe mich immer wieder um, wundere mich, wie sehr Heiko leidet.

Okay, es hatte ihn gestern noch mit Magen-Darm ausgeknockt. Ein Phänomen, wenn ich drüber nachdenke, hat es mich doch einen Tag vor dem Ventoux-Everesting genauso erwischt. Bei mir aber kann das nur als gutes Omen dienen, also rufe ich Heiko immer wieder Worte des Mutes zu. Der guckt nicht mal hinauf. Oha.


Unfassbar steil. Das hört hier nie auf: 14, 13 - wenigstens 12% stehen immer auf der Uhr.

So langsam dämmert auch mir, dass wir uns hier einen ganz schönen Hammer ausgesucht haben. Einer wird mir später über Twitter schreiben: "Ja, die Höhenstraße ist schon eine Diva." Diva? Bitch, würde ich eher sagen. Noch immer gurken wir eigentlich noch am Fuße der ganzen Schoose herum, langsam aber zieht es auch mir die Körner aus den Sohlen, und das kiloweise. 

Wo sonst wenigstens Gegenrampen nach Haarnadelkurven oder wenigstens die Kurven selbst für einige schöne Meter Entlastung bieten - sagen wir, angenehme 10, 9 Prozent Steigung würden uns ja schon reichen - gibt die Höhenstraße niemals klein bei: Das Garmin sagt mir bei jedem Blick, dass ich hier entweder 15, 14 oder wenigstens 12 Prozent unter den Reifen habe. Keine Entspannung. Immer volle Kraft auf dem Pedal. Mortirolo? Ein Witz! Das weiß ich schon jetzt, keine 4 Kilometer im Anstieg.


"Augen zu und durch!" - dieser Anblick brennt sich ein.

Ich fahre mal vor Heiko, mal hinter ihm, um Fotos zu machen. Das faszinierende an der Sache: Selbst wenn ich nur wenige dutzend Meter Vorsprung habe, wirkt Heiko weit unter mir, fahre ich nur wenig hinter ihm, muss ich den Fotowinkel ungewöhnlich steil stellen, um ihn drauf zu bekommen - so steil ist das hier. Und das fotografieren strengt an: Nehme ich meine Hand vom Lenker, das bei 5, 6 km/h, muss ich mich schon sehr hart konzentrieren, bei dieser Steigung das Gleichgewicht zu behalten. Heiko schüttelt in einer Tour seinen Kopf.

Durch meinen geht: Und das ganze hier noch 4 mal?! Mein Magen meldet sich zu Wort. Wir sind ohne Frühstück los ...


Höhenflug auf dem Rennrad.


Unten hatte ich mir, ganz der Tradition folgend, schon ein Power-Gel reingedrückt, der taxofit Flüssig-Apfel mit viel wertvoller Energie soll mal schön seine Kraft entfalten. Ich drücke mir ein zweites Gel rein und esse die Banane, die ich in meinem Trikot hatte. Ob ich gleich noch den Power-Riegel verspeise? Nee, denke ich mir, wenn das so weiter geht, sollte ich mal lieber noch was aufbewahren.

Heiko will seinen Magen schonen. Wie laut muss es bei ihm nur knurren?


Steile Abhänge und super Ausblicke. Ein Traum.

Immer steiler wird der Abhang, in den sie die Höhenstraße gebaut haben. Neben uns fällt es atemberaubend ab, es ist so steil, dass wir locker über die Baumwipfel ins Tal blicken können, das da unter uns langsam erwacht. Die Sonne kriecht hinter den Gipfeln der Zillertaler Alpen hervor, es wird sprunghaft merklich wärmer. Ich halte kurz an, ziehe das Langarm-Trikot aus und muss einige Meter bergab rollen, um einzuklicken und wieder anzufahren.

Auf die Steigungsprozente schaue ich schon nicht mehr, wechsle im Display zur Kartenansicht. Aber auch die deprimiert eher: Es liegt noch ein weiter Weg vor uns.


Keinen Meter nachgiebig. Die Zillertaler Höhenstraße ist wunderschon - lässt sich aber auch jeden Meter teuer bezahlen.

Ich wundere mich trotz meiner - wie ich finde - extrem langsamen Gangart immer wieder, wie schnell ich Abstand zu Heiko aufbauen kann. Ich halte dann an, fotografiere seine Vorbeifahrten und studiere dabei seinen Tritt. Unrund. Sehr angestrengt. Verkrampft im Oberkörper, verbissen das Gesicht. Spaß sieht anders aus. War es wirklich so eine gute Idee, sich nach einer Brech-Durchfall-Nacht diesem Monstrum hier zu stellen?

Fast tut er mir Leid. Und neben der Erkenntnis der ersten Kilometer hier, dass wir hier heute mit Sicherheit mal nicht auf 8.848 Everesting-Höhenmeter kommen werden, dämmert mir, dass er heute auch keine 4.000 hm schaffen wir. 
Als er wieder an mir vorbeikommt, haucht er atemlos: "Ein mal ... höchstens ... Scheiße!" 
Wenige Minuten später bin ich wieder vor und weit über ihm. Wahnsinn, diese Ausblicke. Man müsste Staffelei und Pinsel dabei haben ...

Schneller Höhengewinn - dank Hammer Prozenten.

Noch ist es recht frisch. Wir starten unten in Aschau bei 9 Grad Celsius, werden oben auf der Spitze der ersten Auffahrt in 2.000 Metern Höhe nachher bei stattlichen 18 Grad stehen bleiben - trotz Höhengewinn immerhin fast eine Temperaturverdoppelung. Ich schwitze längst schon, ungewöhnlich für mich, und doch Anzeichen für die Ernsthaftigkeit dieses Vorhabens. 

Immer wieder gehe ich im Kopf den Plan durch, kaum vorstellbar, diese Rampen hier bei vollem Sonnenschein zu schaffen: Die vorhergesagten 30 Grad beziehen sich ja auf die Temperatur im Schatten. Und Schatten, den gibt es hier irgendwie nicht.

Sonne satt. Schweiß auch.

Je höher wir kommen, desto geiler duftet es. Ich bin ganz aus dem Häuschen, rufe das auch oft Heiko zu, der nur stur nickt, aber so geil nach Kräutern habe ich das noch nie riechen können: Neben uns stehen die Weidewiesen saftig grün da - komischerweise kein Vieh drauf - und ich erkenne vielfältige Blüten, bunte Farben und unter die grasige Baseline des Duftes mischen sich würzige Noten, scharfe Töne und weiche Nuancen. Das also meinen sie mit "Kräuterduft"? Ich sauge literweise diese Luft ein, möchte am liebsten diesen natürlichen, unverfälschten Geruch mitnehmen.

Dann plaudert Heiko: "Hier machen sie Heumilchkäse." "Mmh, lecker", mache ich. "Naja, irgendwie aber auch nicht, oder? Heu ist doch getrocknetes Gras - und das hier ist doch eigentlich viel cooler?" Recht hat er irgendwie. Aber vielleicht klickt Heumilch auch besser als Wiesenmilchkäse. Marketing halt?

Wir haben uns schon ganz schön Höhe erarbeitet.

Auf etwa 1.300 Metern Höhe haben wir die Hälfte der Aschauer Auffahrt geschafft. Was hat Heiko dazu getrieben, mir das Ding hier als "die Leichte" zu verkaufen? "Naja, Scheiße steil sind die alle. Ich fand, bezogen auf das Kilometer-Höhenmeter-Verhältnis war das hier noch das Angenehmste." Auch eine Rechnung. Nur: Wenn das hier schon das Angenehmste sein soll, wie sehen dann die schweren Auffahrten aus? 

Naja, zumindest eine davon werde ich ja noch kennen lernen ...

Es geht in das Waldstück. Ob es hier etwas entspannter zugeht?

Wo, blicke ich ins Tal, ich schon ziemlich weit in die Alpen blicken kann und sich schroffe Gipfel wie eine steinerne Armee scheinbar unüberwindbar bis zum Horizont ziehen, liegt, drehe ich meinen Kopf in die andere Richtung, direkt vor mir eine steile Wand aus Wald. Fast verloren und senkrecht schlängelt sich leicht die schmale Fahrbahn in den Abhang. 

Zwar schützt uns jetzt vornehmlich der Schatten der Bäume vor den Sonnenstrahlen, die, fährt man in den ungeschützten Abschnitten, uns aufheizen wie nichts, doch steht hier im Wald auch die Luft. Zugegeben, es duftet wieder absolut herrlich nach Wald-Feuchtigkeit und Harz, doch kühlt nur kein Windzug mehr unsere schweißnassen Körper: Ich habe jetzt das Trikot komplett offen. Schweißperlen auf der Brust.

Die Zillertaler Höhenstraße hat viele, faszinierende Facetten.

Ich schaue auf mein Display und sehe 7,9 Kilometer da stehen. Ah, denke ich mir, super: Schon mehr als die Hälfte geschafft. Nun also nur noch das ganze noch mal, dann sind wir endlich oben. Ich fahre neben Heiko her und sage ihm das. Er schaut nur: "Und dann das Ganze wiederum noch vier mal!", entgegnet er. Aber daran mögen wir jetzt erstmal gar nicht denken.


Im Mittelstück: Erwähnte ich, dass es sausteil ist?


Ich will mal was ausprobieren und beginne, mich von Heiko abzusetzen. Es ist nicht so, dass ich übermäßig Gas gebe, aber ich versuche, meine Trittfrequenz bewusst etwas höher zu halten. Schnell habe ich ordentlich Abstand zwischen uns gebracht, fahre eine Viertelstunde allein, selbst bei lang gezogenen Rampen-Stücken kann ich Heiko nicht mehr hinter mir ausmachen.

Irgendwann komme ich zu einer Gabelung - hier kann man sich entscheiden, ob man zum Melchboden oder zum Zirmstadel will, den beiden Spitzen zwischen denen sich die Höhenstraße windet.

Direkt unterhalb der Gabelung kommt ein wunderbares, ich schätze mal, 500 bis 700 Meter langes Stück. Mit durchgehend 16%. Ein tolles Motiv. Ich warte auf Heiko. 


Das letzte Stück zum Melchboden-Abzweig: Hölle!

Irgendwann kommt der Arme dann angeschnauft. Im Wiegetritt kämpft er sich hoch, wuchtet Körper und Rad von einer Seite auf die andere und schon von Weitem vernehme ich das Ächzen der Tretlager. Filmemacher müsste man sein, denke ich mir, jetzt ganz nah ranzoomen, Schweiß und Rotz hängen an der Nasenspitze, Closeup auf die Hände, Knöchel treten weiß unter der krampfenden Hand hervor, Schwenk auf die Waden, verhärtet, dicke Adern mit heißem Blut.

Heiko schnauft an mir vorbei wie die Brockenbahn unter Volldampf. Ich schieße noch ein, zwei Fotos, Klicke wieder ein und schnaufe hinterher. Die 16% scheinen nicht wirklich flacher zu werden.

Kühler Schatten, glühende Sonne. Stehende Luft. Spaß in den Serpentinen.

Ich überlege die ganze Zeit, ob mich das hier an irgend einen Berg oder Pass erinnert, den ich schon einmal gefahren bin. Mir fallen nur der Hamburger Waseberg ein - 800 Meter bei 16% - und die Pillerhöhe, die man beim Endura Alpentraum zu bewältigen hat. Nur, auch dieser Berg ist nur wenige Kilometer lang und kaum 12% im Schnitt steil. Nein, ich kenne da wirklich nichts Vergleichbares.

"Das Ding hier ist halt wie der Waseberg - nur eben durchgängig.", meint Heiko zustimmend, als er wieder etwas Luft übrig hat. Diesmal bin ich es, der nickt. Atemlos. Ich darf nicht so viel herumkurven für die Fotos, denke ich mir: Erste Anzeichen von Seitenstechen mahnen zu etwas mehr Ruhe.

Das fiese Mittelstück ist bald geschafft!

Doch vorher müssen wir arbeiten. Richtig ran! Wie schreibt quäldich.de? "(Die folgende), 2 km lange Rampe führt in mehreren Serpentinen zur Hirschbichlalm auf ca. 1.840 m Höhe. Diese wird im Verlauf immer steiler und ist kurz vor der Alm bei 17% am übelsten."

Na bitte! Heiko kann nun gar nicht mehr sitzen und auch bei mir kündigen langsam aber sicher erste Zuckungen im Schenkel eine Überlastung, Übersäuerung und die nahende, vollständige Entleerung der Glykogenspeicher an. Meine Flasche, die ich nur behutsam - wohl aber regelmäßig schluckend - leere, hat noch die Hälfte Flüssigkeit vorrätig, sodass ich entscheide, nach Ende dieser Rampe ganz, ganz tiefe Schlucke und den Riegel zu nehmen. Doch erstmal hochkommen ...



Es kommt jetzt noch einmal richtig böse: Wieder zieht es nach an und wir müssen unsere Räder über diese fiese Rampe prügeln. Dann stoßen wir aus dem Wald heraus, es folgt eine scharfe Rechtskurve und plötzlich gibt uns der Gott des Berges einen Ausblick in eine große, tief geschnittene Furt frei, bewachsen mit saftigem Gras. Eine waschechte Alm. 

Wir lassen das Mittelstück/Miststück hinter uns, Heiko kann ich kaum noch erkennen, so weit ist er zurück gefallen. Anhalten geht aber auch gerade nicht: Es passiert, was ich nach dieser Tortur kaum noch kenne ... es wird ... ich kann das kaum tippen ... flacher.


Etwas Erholung vor dem Endspurt.


Da! Gar nicht mal so weit weg! Über mir. Da vorn. Gleich hier vorn, bei der kleinen Hütte, da, wo die Straße nicht mehr bergan geht sondern weg knickt, da muss es doch sein? Da muss es flacher werden. Muss, verdammte Axt!

Zugegeben, ich fand es ja ganz spaßig, mit den krassen Nummern der Zillertaler Höhenstraße zu kokettieren. Aber da bin ich nun mal ganz still. Freue mich. Freue mich über seichte 10%. Endlich!

Die Hirschbichlalm: Hier kann man Pause machen. Wir aber nicht.

Der Blick ist grandios: Nur noch bei 8 bis 10% Anstieg fahren wir "in den Berg" und auf die beiden Restaurants, die sich um einen recht großen Parkplatz säumen, zu. Dort werde ich mir bei meiner zweiten Auffahrt die Flasche auffüllen, lasse den ganzen Reisebus-Trubel allerdings jetzt links liegen. Wir überfahren einige Weidegitter - Vorfreude auf den Ötztaler Radmarathon keimt plötzlich auf - und sind am Scheitelpunkt des "V".

Unvorstellbar, es geht bergab. Nicht lange, nicht schnell (dazu später mehr), aber immerhin ein, zwei Minuten. Kühlenden Wind auf der Brust, Kette auf dem großen Blatt (komischer Anblick) und mal nicht treten. Ein Konzept, das mir aus dem Hirn geblasen schien, nach diesem Aufstieg. Ab jetzt geht es tatsächlich allgemein etwas flacher weiter - im Schnitt. Denn was folgt, ist der unrhythmische Teil des Aufstieges.


Wieder auf Nordkurs - Blick auf die grandiosen Zillertaler Alpen!

Immerhin sind noch etwas mehr als 300 Höhenmeter zu meistern, gemessen allerdings an dem, was wir schon abhaken können, wird das jetzt ein Spaziergang.

Endlich habe ich Zeit, mir wieder eingehend die Natur anzuschauen und langsam verstehe ich, warum Heiko das bei unseren Teamsitzungen so wichtig war, hier her zu kommen: Es ist einfach Atem beraubend schön hier oben! Sicher: Heute haben wir auch wirklich ein Bombenwetter in jeder Hinsicht, sodass vor allem die Fernsicht heute Gold wert ist. Ich kann weit in die Alpen schauen, leider sehe ich nicht den Hintertuxer Gletscher, der das Zillertal abschließt, wohl aber einige schöne, schneebedeckte Felsspitzen. Wahnsinn - vor allem für einen Flachland-Hamburger immer wieder schön zu sehen.

Och nööö. Noch so eine fiese Rampe?

Mich kann ja hier irgendwie gar nichts mehr schocken. Ich warte auf Heiko, frage ihn, wie lange wir noch müssen. Er nickt mit dem Kopf in Richtung Rampe - dachte ich es mir also schon!

Na denn, frisch auf! Frisch reintreten sieht jetzt natürlich anders aus, zu den immer mehr ermüdenden Beinen gesellt sich immer wieder mein auch zunehmend schmerzvoller knurrender Magen. Es wird wirklich Zeit, dass wir hoch - und wieder runterkommen. Denn wie hatte Heiko vorhin in Aschau gesagt: "Da hoch, die Abfahrt nach Zell runter und dann erstmal schön im Hotel frühstücken!" Oh ja, das brauche ich jetzt!

Doch erstmal entdecke ich beim Näherkommen eine Kuhherde, die sich langsam auf der Straße dem selben Gipfelpunkt entgegen wälzt, den auch wir im Visir haben.

Schöne, schwere, kräftige Tiere. Ich schnaufe mich zwischen den Schnaufern durch.

Warum auch immer Heiko hinter dem Herdenviech lieber gemächlich im Schritttempo verharrt, ich selbst schlängle mich zwischen den braunen, schönen Tieren durch. Sie scheinen zu glühen, wenn ich ihnen näher komme, spüre ich die Körperhitze. Sie schnaufen, dumpf grollt es, wenn die Hufe das Körpergewicht auf dem Asphalt abfangen.
Ich mag Kühe.

Weniger schön sind natürlich die richtig frischen Kuhfladen - in diesem Fall eher flüssige, glitschige Tretminen, die so nass sind, dass sie sofort bergab verlaufen. Es stinkt abnorm nach Ammoniak und ich bin, so süß ich die Schnufus auch finde, froh, als ich endlich durch die Herde durch bin.

Immer wieder: Toller Anblick!

Oben angekommen entschädigt wieder ein Blick zurück in den steilen Abhang der Alm: Dünn schlängelt sich die Straße entlang, ich blick zurück. "Da war ich vor 10 Minuten", denke ich mir und erinnere mich an eine Passage aus Karl May, wo der Indianer das erste Mal in seinem Leben durch das Fernglas in die Weite blickt und sagt: "Dort sehe ich das Morgen." Komisch, was einem so durch einen weich gekochten Kopf geht ...

Dann mache ich mich schussbereit, denn es ist wieder Heiko, der sich vor grandioser Kulisse die Steilheit hinaufkämpft ...

Letzte Rampe vor dem Gipfel ...

Die Kühe sind mittlerweile in die Weide abgebogen, sodass wir freie Fahrt haben. Heiko schnauft heran, wird kurz langsam, hält aber nicht an. "Äh, sind wir noch immer nicht oben?" "Nope", meint er nur. 

Okay, also weiter geht es!

Ab hier, hinter der Rampe, wird es wieder seichter: Wir fahren auf einem Grat, links neben uns fällt es steil fast 2.000 Meter ab, ich kann Zell erkennen, und wenn ich meine Augen zusammenkneife, sogar unser Hotel: "Da Heiko, da frühstücken wir gleich!", rufe ich begeistert. Auch er klebt an der Aussicht. Jetzt verstehe ich auch langsam die volle Schönheits-Wertung bei quäldich.de.

... nee, doch noch nicht ganz oben.

Allerdings sind wir noch immer nicht oben. Heiko schaut auf seinen Track, es sind wohl noch 1, 2 Kilometer. Zwar geht es noch wellig bergauf, aber weitaus flacher als bisher. Ich genieße den Aufwind aus dem Tal, die frische Luft und selbst die kleinen, extrafiesen Rampen können mich nun nicht mehr schocken.

Außer dass es meinem Bauch langsam wirklich zu viel (also eher: zu wenig) wird, das nervt.


Endspurt: Zum Gipfel. Und dann endlich frühstücken!


Wir lassen es jetzt ruhig angehen, hetzen nicht. Ich denke mir, dass es beim Abbau der Stoffwechsel-Endprodukte in den Muskeln wohl ganz gut sei, nicht aufzuhören mit kurbeln, sondern locker weiterzufahren, also hetze ich nicht, auch an Stellen, wo ich locker aufs große Blatt schalten könnte.

Seicht bergan, mal seicht bergab. Dann eine richtig krasse - gottseidank nur sehr kurze - Rampe zum Schluss und ich kann endlich die Spitze sehen, den Scheitelpunkt. Das Ende dieser 16 Kilometer-Tortour.


Da hinten, da oben - da ist es dann geschafft!

Als wir dort ankommen, mache ich ein zwei Fotos, drehe mich aber zu Heiko um, der gerade völlig außer Puste ausklickt: "Sei mir nicht böse, aber ich gehe sofort in die Abfahrt - mir fliegt hier gleich der Magen raus und mir ist kotzübel!" Er nickt und lässt mich.

Eine Banane, zwei Power-Gels und ein Riegel sind dann eben doch viel zu wenig gewesen, diesen Hammer-Anstieg zu meistern. Ich ziehe zwei tiefe Schlucke und gehe in die Abfahrt.

Gleich oben: Auf den letzten Metern genießen wir, zu "Radlern" geworden, nur noch die Aussicht.

Was ich mir schon gedacht hatte, wird in der Abfahrt bestätigt: Geht es bis zur Hirschbichlalm noch sehr sutsche (aufpassen bei der Kuhscheiße!), sind die Kilometer ab Alm einfach nur ein Graus zu fahren. Das extreme Gefälle zwingt mich dazu, fast ständig unter Bremse abzufahren. Einmal loslassen, sofort ist Speed im Rad.

Einige Stellen im Wald sind noch feucht, zusammen mit Sand und Kieseln fast eine Garantie für einen Abflug. Ich taste mich vorsichtig runter: Mein Split in der Abfahrt wird bei 35 Minuten nur 28,7 km/h betragen - extrem langsam für eine Abfahrt!

Wahrlich einer der schönsten Orte in den Alpen.

Es wird auch merklich heißer, je tiefer ich komme. Schon habe ich das Gefühl, dass ich auf meine Bremsbacken achten sollte, zwinge mich, eher in Intervallen denn dauernd zu bremsen. Wohl dem, der hier nicht mit Vollcarbon und Korkbelägen unterwegs ist!


Weiterhin kommen als Risikofaktoren die Wasserablaufrinnen hinzu: Das sind etwa 10 cm breite und 10 cm tiefe, quer durch die Fahrbahn gehende Furchen im Asphalt, durch die das Wasser schneller vom Belag ablaufen soll - fahre ich hier drüber, gibt es heftige Schläge in den Rahmen. Ich zwinge mich, im Bunnyhop über die Furchen zu springen, was die ganze Sache zwar irgendwie BMX-iger, aber auch schwieriger macht. Insgesamt bin ich heilfroh, unten anzukommen und später endlich im Hotel einzureiten: Ich stürme nach einer Pinkelpause auf dem Zimmer sofort das Büffett und belege mir dicke Stullen noch dicker mit Lagen Tiroler Speck, horte Eier und Schicken, Gurken und Kaffee an meinem Tisch ... sitze herrlich in der Sonne. Warte auf Heiko.


Schock nach dem Frühstück.


Der Hotelier bedient mich ab und zu, wir schnacken über Wetter und die Höhenstraße ("Was? Ihr wollt da fünf mal hoch?!?") und immer wieder schaue ich mich um, die Straße, die zur Abfahrt führt, kann ich sehr gut einsehen. Minuten vergehen. Ich frühstücke in Ruhe fertig. Warte. Gehe hoch. Dusche. Sitze auf dem Bett, warte. Auf dem Handy noch immer keine Nachricht. Ist etwas passiert? Es muss etwas passiert sein, denn selbst wenn Heiko mit angezogener Handbremse fährt: Eine ganze Stunde würde er nie im Leben brauchen. Horrorvisionen von ihm, in den Abhang gestürzt, reglos im Wald in einem Baumwipfel hängend oder schlimmer noch in einem der Stacheldrahtzäune der Viehgatter ... ich schreibe eine SMS.


Reifenplatzer bei 13%. Er hatte Wahnsinnsglück!

"Bin OK. Reifenplatzer. Laufe runter.", schreibt er. Okay, schonmal nicht tot, denke ich mir, und atme auf. Dann rufe ich an. Er geht sofort ran: "Was´n passiert?", frage ich. "Reifenplatzer, hat alles aufgerissen. Ich laufe jetzt runter, aber hier kommt ja kein Auto." "Verdammt, wo bist Du denn? Dann fahre ich Dir entgegen und bringe Dir nen Schlauch?", frage ich weiter. "Nee, das hat keinen Zweck - Mantel ist komplett durch und meine Felge im Arsch. Ah, da kommt ein Taxi ...", aufgelegt.


Wieder 20 Minuten später kommt er an. Das Cervélo sieht schlimm aus: Den Schlauch hat es noch um das Ritzelpaket gewickelt, der Mantel hängt ausgefranst über der Felge und diese wiederum - einen Mordsschlag habend - sieht aus, als habe sie gerade einen Verkehrsunfall mit LKW hinter sich.

"Alter ...", kann ich nur sagen. "Wie kam das denn genau?"

Permanente Bremshitze und diese gefährlichen Querrillen. Eine böse Risiko-Kombi in den Abfahrten.

Wir sitzen wieder beim Frühstück und Heiko erzählt. Nur kurz nach mir in die Abfahrt gegangen, hatte er sich - wie ich - vorsichtig die rampen hinab gebremst. In einer der Haarnadelkurven im Waldstück, wo es so steil wird, beschleunigt das Rad langsam, als es mitten im Bremsvorgang einen lauten Knall gibt: "Gottseidank war das noch ganz am Anfang der Rampe, ich hatte noch recht wenig Speed drauf, 30 vielleicht maximal.", erzählt er.

Schnell springt der Mantel von der Felge, das Hinterrad auf blankem Metall: "Das ist, wie als wenn Du auf Eis fährst - null Kontrolle! Ich habe zwar gebremst, auch eher vorn, aber bei dem Gefälle ... hinten hat es nur so herum geeiert. Da hatte ich mir schon so zwei, drei Stellen zum auf-die-Fresse-legen ausgesucht ... aber es dann irgendwie doch noch zum Stehen geschafft."

Alter Schwede, denke ich - das hätte auch richtig böse enden können: Hier zäunen sie ihr Vieh mit Stacheldraht ein ...

Die Auffahrt ab Zell: Fast genauso lang wie ab Aschau. Und auch so steil.

Eine nette Taxifahrerin hatte ihn dann aufgegabelt und ins Tal mitgenommen. Sogar kostenlos. Tolle Tiroler! So sitzt er da, noch etwas geschockt und zittrig, frühstückt und wir beide wissen, dass es das für ihn war. Aus, vorbei. "Ich hätte es kaum noch eine zweite Auffahrt geschafft", meint er, "Ich fühle mich noch richtig schlaff im Magen, haste ja gemerkt." Und doch, ich sehe auch, wie sehr ihn das runterzieht.

Als ich mich fertig mache, meine Zweite zu machen, beschaue ich mir noch einmal den aufgerissenen Schlauch. ich merke mir: Auf gar keinen Fall bei dieser Hitze mehr länger auf der Bremse sein, schön in harten Intervallen, und auf keinen Fall mehr durch die Querrillen, dann lieber länger und Bunnyhop - Hitze und diese harten, punktuellen mechanische Belastungen sind eine Snakebite-Garantie heute.


Es geht wieder steil: Die Auffahrt ab Zell.


Mein Magengefühl ist auch flau - Heiko als Teamkollegen verloren. Ich mag gar nicht daran denken, was der jetzt für einen Scheißtag haben mag: Es ist gerade mal elf Uhr (so spät schon?!?) und er hat ganze 30 Kilometer auf dem Tacho. Und dafür der ganze Aufwand, die ganze Kohle?

"Du, alles okay", meint er und grinst: "15 Kilometer und 1.500 Höhenmeter vor dem Frühstück - sowas habe ich auch noch nie gemacht ... fahr mal ruhig, zieh Du das wenigstens durch." Na toll. Nun liegt es an mir?


Die Hitze steigt an. Ich merke, dass nur eine Trinkflasche vielleicht doch nicht so clever war.

Ich fahre die ersten Rampen und bin kaum verwundert, dass es mich hier gleich mal wieder mit 11, 12 und später 13% empfängt. Was neu ist und wirklich von Anfang an krass ist, ist die Sonne. Die knallt mir direkt auf den Körper und - nahende Mittagszeit - wird höchstwahrscheinlich oben im Wald genau über der Straße stehen, daher wohl kein Schatten in Sicht.

Ab Zell, oder Zellberg, soll sich diese Auffahrt in ihrer Härte kaum von der ab Aschau unterscheiden. Sich nur "anders" Anfühlen. Mehr Verkehr, hatte der Hotelier vorausgesagt. Davon merke ich hier allerdings nichts. Ach halt, ist ja auch Mittagshitze - nur Verrückte sind jetzt unterwegs.

Ich habe fast die ganze Auffahrt Ruhe vor Autos.

Ich komme sehr gut voran. Erstaunlich gut, denn die Prozente gehen nie einstellig, pendeln sich meist kilometerlang bei 12, 13 Prozent ein. Fiese Zwischenstücke werden sehr viel steiler, aber ich denke mich weg, versetze mich mental woanders hin. Lenke mich mit Ausblicken und Fotos ab.

Ich denke nach: Wie fahre ich jetzt? Ich entscheide mich spontan, oben die Abfahrt nach Hippach zu nehmen, denn die Hippacher Auffahrt, so erinnere ich mich, wird "nur" 13 Kilometer bei 1.400 Höhenmetern haben. Über sowas freut man sich hier schon ...
Ab Hippach oben will ich dann wieder gen Aschau runter. Und dann, so denke ich mir, kann ich ja nach dem dritten Anstieg - was schon hammerkrass wäre, dies zu schaffen - noch entscheiden, ob ich noch eine vierte Auffahrt ab Ried schaffe, um dann nach Aschau zum Auto abzufahren, oder gleich nach Aschau mit "nur" drei Auffahrten im Konto abfahre. Das will ich aber nach geschaffter Hippach-Auffahrt entscheiden.

Fuck ist das steil!

Ich fahre längst schon ohne Helm. Die Luft steht. Meine Kehle trocken, kaum noch Spucke da zum Räuspern. Die Beine werden mir schwerer und jede Anspannung tut weh. Besonders die fiesen 16%-Stücke gehen jetzt richtig an die Substanz. Unter meinem Cycling-Cap steht der Schweiß, kleine Rinnsale fließen ab und zu unter meine Brille und brennen beim Blinzeln in den Augen.

Fahre ich nach Westen, habe ich seichten Gegenwind - Ah, welch´ Wohltat! Dreht dann nach einer Haarnadelkurve der Kurs auf Ost, wird es richtig unangenehm. Ich koche. Vor mir flimmert der Asphalt. Unerträglich hell das Ganze. Was mache ich hier bloß? Und dann das Display: Gerade mal 2.000 Höhenmeter auf dem Konto - nichts, ein Klacks - aber schon so im Arsch?!


Wenig Distanz - extraviele Höhenmeter. 

Das ist es eben, welchen Unterschied dann die Kraft (die mir fehlt) ausmacht: Die 6.000 Höhenmeter am Mont Ventoux waren auch hart verdientes Brot, keine Frage. Allerdings das eben nur bei 7% im Schnitt, maximal 11, vielleicht mal für 10 Meter auch 15%, aber eben seichte Prozente auf einer langen Rampe.

Die Zillertaler Höhenstraße ist das Gegenteil: Wenig Distanz, dafür richtig steil. Und da kannste dann ein Leichtgewicht sein, wie du willst, ab einem gewissen Punkt brauchst du dann einfach nur noch Kraft, denn diese extremen Prozente ziehen die Körner wie nichts. Erholung? Hier? Ausgeschlossen.

Faszinierend, diese Steilheit. Aber irgendwie auch pervers.

Was mich verwundert ist, dass ich hier während der ganzen Stunden nur 3 Rennradler sehe. Normalerweise hätte ich bei einem derartig genialem Trainingsgebiet wenigstens die Lokalmatadore erwartet - zu Dutzenden! Kein Vergleich zum Ventoux, wo schon ab 10 Uhr die Hordern der Hunderschaften unterwegs waren, Radler aller Art, die sich den Berg hinauf wuchten. Hier sehe ich nur zwei radler oben auf der Panoramastrecke und später einen unten in Hippach.

Also doch ein Geheimtipp?

Oder wissen die das alle, dass das hier böse ist? Warum nur ist mir die Zillertaler Höhenstraße in 5 Jahren intensivem Radsport nicht ein einziges Mal in einem Magazin, einem Blog oder in meinen Timelines begegnet?

Ganz oben: 2.015 Meter hoch, Blick auf Zell (links).

Irgendwann erreiche ich die Gabelung, bei der ich vor einer Stunde schon auf Heiko gewartet hatte. Ab hier kenne ich die Strecke - leider. Denn ich weiß, dass jetzt noch das Mist/Mittelstück kommt. Wieder knarze ich die 15-17% hinauf, dann durch die Hirschbichlalm und endlich - Panoramastrecke - das flache, aber nun auch weh tuende unrhythmische Stück bis zum Scheitelpunkt. Irgendwann, und das gefühlt schneller, stehe ich wieder ganz oben.

Diesmal lasse auch ich mir Zeit. Blicke hinab auf Zell, suche und finde das Hotel. Ob da Heiko noch auf der Frühstücksterrasse sitzen mag? Ob er gerade hochschaut und sich fragt, ob ich schon oben bin?

Zielfoto ganz oben. Zweite Auffahrt im Sack!

Ich blicke auf meine Splitzeiten: Brauche ich für die erste Auffahrt mit 16,3 Kilometern und etwas mehr als 1.500 hm noch 1.59 Stunden, verlangt die Auffahrt Nummer zwei ab Zellberg, mit 16,5 Kilometern und 1.550 hm fast identisch, nur noch 1.58 Stunden. Gleich schnell? Wow. Das hätte ich nicht gedacht. Üblicherweise büße ich bei Everesting-Events von Auffahrt zu Auffahrt ein, was ja auch logisch ist, denn ich baue ja immer mehr ab.

Hatte das Warten auf Heiko meine erste Auffahrt nur künstlich verzögert, wäre ich alleine gefahren schneller gewesen, sodass das wieder gestimmt hätte? Oder habe ich mich zu sehr verausgabt? Anyway, denke ich mir, schnalle mir fest den Helm um, trinke den Rest meiner Flasche aus und gehe in die Abfahrt - Heikos Schlauch immer im Kopf. 

Das letzte Stück der hammergeilen Hippach-Abfahrt.

Muss ich in den ersten 4-5 Kilometern wieder das anstrengende Bunnyhopping betreiben, um nicht meine Pneus in den tiefen, scharf geschnittenen Querrillen zu ruinieren, überrascht diese Abfahrt etwa ab der Hälfte mit dem Traum eines jeden Rennrad-Sportlers: Perfekte Abfahrtsbedingungen!

Ohne Vorwarnung wird die Straße richtig breit, lang gezogene Abschnitte, nur leicht schlängelnd und daher perfekt einsehbar und das beste daran: Keine Querrillen mehr! Ich kann richtig lange rollen lassen, lasse es krachen und genieße die Jagdflieger-Einlage. Es ist einfach nur berauschend, bergab zu fliegen. Ich überhole sogar (etwas zu riskant) zwei Autos, komme voller Endorfine unten an. Wow, genial!

Und: Kacke. Da gehts gleich wieder hoch ...


In Hippach: Essenspause und starke Zweifel.


Ich schieße nach Hippach rein. Pause machen! Das ganze Ding hat dann jetzt doch am Ende mehr Körner gezogen, als ich das oben noch gedacht hatte. In meinem Kopf nur noch eine Botschaft: Essen, Essen. Du musst Essen!

Ich suche mir direkt an der Ziller eine ruhige Bank, MTB-Ausflügler und Spaziergänger trödeln vorbei, manche beachten mich gar nicht, manch einer schaut mich (mitleidig?) an, viele grüßen nett. 


Hier verbrauche ich meinen gesamten Vorrat an taxofit Sport-Produkten.

Dass diese Strecke alles rauszieht mehr ich daran, dass ich nicht nur die drei Power-Riegel, die ich mir mitgenommen hatte, verschlinge wie nichts, sondern hintendrein noch drei Power-Gels wegdrücke. Und ehrlich gesagt: Der Magen knurrt noch immer. Habe ich nicht vorhin erst sogar noch Magenschmerzen am Frühstücksbüffet gehabt, weil ich das Gefühl hatte, viel zu viel gefuttert zu haben?

Interessant finde ich die neuen Geschmacksrichtungen von taxofit Sport - die unsere Everesting-Events mit Pordukten ausstatten. Da gibt es nämlich neue Varianten: Ich probiere die neuen Vanillie- und Bananen-Riegel, die mir außerordentlich gut schmecken. Weniger süß, als das Erdbeer-Produkt, das ich schon kenne.

Beim "Rote Beeren"-Gel bin ich jedoch geteilter Meinung. Ich finde, im Vergleich zum herausragenden Apfel, kann die Beere nicht mithalten. Es fehlt mir die Frische, fast schmeckt es künstlich (was es nicht ist), oder fad. 
Beim Protein-Riegel, 30% anstatt 50%, muss freue ich mich wieder: Der schmeckt mir dann doch außerordentlich gut. 

Als ich alles aufgefuttert habe, die Erkenntnis: Scheiße! Ich muss ja jetzt so oder so zum Auto: Ich habe ja alles aufgegessen! Eine vierte Auffahrt ohne Gel, ohne Riegel (und ohne Bargeld, um etwas Adäquates in Ried zu kaufen) wird mit Sicherheit nicht möglich sein.


Da in der Mitte, 1.400 Meter über mir, das Ziel.

Und dann die Zweifel, als ich losfahre. Ich komme kaum in den Sattel. Wie festgerostet die Knie, unmöglich, jetzt noch halbwegs spritzig zu treten. Meine Schultern schmerzen und kaum rolle ich die ersten hundert Meter durch Hippach - noch nicht einmal in der Steigung - läuft der Schweiß wieder in Strömen. 
Nummer drei und dann noch Nummer vier? Unmöglich, denke ich mir und werde froh sein, hier überhaupt ein drittes mal hochzukommen.


Die Zillertaler Höhenstraße hat mich geknackt.


Auch das wird mir verwehrt bleiben: Es werden 4.400 Meter und keine 400 Höhenmeter in der dritten Auffahrt sein, die ich noch durchhalte. Wenige Meter über dem Dorf, in einer windstillen, unerträglich heißen Ecke - die sich aber im Schatten befindet - klicke ich aus und stütze meinen Kopf auf den Lenker. Aus. Finito. Nichts geht mehr.

Ich bin total leer. Kopfschmerzen (wie war doch gleich der Unterschied zwischen Sonnenstich und Hitzeschlag?). Meine Flasche, schon leer getrunken, pulsierende Adern und immer der zuckende Schmerz in den Muskeln. Ich richte meinen kopf auf: Vor mir, nein - über mir die Rampen. Jetzt noch 10 Kilometer bei 11, 12 und später wieder 15, 17%? No fucking way!


Ein letzter Blick - nach zweieinhalb Auffahrten kapituliere ich.

Ich kehre um. Nichts geht mehr. Ich kenne das Gefühl, RATA 2013. Damals allerdings mit Knieschaden. Heute ist es einfach nur ... leer gefahren. Die Erkenntnis, dass diese durchgehend hohen Prozentzahlen eben doch nicht einfach so wegzustecken sind. "Heiko, ich denke, hart und kurz versus leicht und lang ... das nimmt sich doch nix, oder? Ob du nun 1.500 hm bei kurzen 10 km oder bei 20 km, die dafür lang sind machst, ist doch eigentlich egal?!"; versuche ich auf der Hinreise noch meine Theorie hinzubiegen.

Heute belehre ich mich eines besseren.

Und doch: Auf nur 80 Kilometern (davon 35 Kilometer bergauf) ganze 3.500 Höhenmeter abzuklappern ist dennoch eine gute Leistung, auf die ich stolz bin. Hier und heute - mit so wenig Training - war einfach mehr nicht drin.


I´ll be back!


Ich ballere wieder nach Hippach hinab und bolze im Flachen (Rückenwind und ... woher nur wieder diese Energie?) an Zell vorbei bis Aschau, 11 Kilometer mit einem 35er-Schnitt. Komme am Bus an und kümmere mich nicht um die Touris, die auf die Schnuffelbahn warten - ziehe mich aus, frische Trainingsklamotten drüber und dann ins Hotel.

Heute habe ich in 5.47 Stunden netto eine wirklich neue Qualität von Härte erlebt. "Die Höhenstraße ist schon eine Diva", erinnere ich mich an diesen Spruch. Als Heiko und ich am nächsten Tag nach Hause fahren, juckt es schon: "Heiko, ehrlich, das müssen wir nochmal machen! Früher aufstehen, mehr im Kalten fahren und dann aber auch besser trainiert - das Ding hier, so viele Auf- und Abfahrten so kleinem Raum - ist doch das absolute Rennrad-Paradies!" 

Er kann meine Faszination nicht ganz nachvollziehen. Noch nicht.

Wie steht es bei quäldich.de so schön zur Höhenstraße? "Man sollte übrigens auf jeden Fall zwei Auffahrten kombinieren - nur so kommt man in den Genuss der Auswirkung solcher Prozente auf den körperlichen Allgemeinzustand." Na bitte.



Hier geht es zum Garmin-Tracking des Everesting-Versuchs an der Zillertaler Höhenstraße.




Los Leute, nur noch eine Chance, sowas mal mitzumachen:




MORTIROLO 15.-17. Mai - BERICHT
MONT VENTOUX 29.-31. Mai - BERICHT 
ZILLERTALER HÖHENSTRASSE 10.-12. Juli 
COL DU GALIBIER NEUER TERMIN 14.-16. August JETZT BUCHEN - 350 €
COL DE LA BONETTE gecancelled

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