18. September 2014

Rucksack und Rennrad? Meine Erfahrungen mit dem Deuter Road One.

Zunächst vorweg mal dieser Disclaimer: Nein, dies ist kein bezahlter Blog-Post oder in Auftrag gegeben oder sonstwie von der Firma Deuter initiiert. Ich scheibe das hier, weil ich es so möchte. 

Und dabei sehe ich Euch schon, Ihr getreuen Verfechter der "Style Rules" für unsere geliebten Rennräder, wie Ihr jetzt Eure Hände über den Köpfen zusammenschlagt und ruft: "Oooh, nein! Auf einem Rennrad hat doch ein Rucksack nichts zu suchen!" Und generell gebe ich Euch da ja auch Recht: Ebenso wie z.B. bei diesen unsäglichen Trinkblasen, finde ich, sollte ein Rücken des Radsportlers nur eines zieren - die Startnummer.

Allerdings: Bei sehr langen Distanzen aber oder bei unterschiedlichen Wettervorhersagen reichen die Trikot- und Jacken-Rückentaschen am Mann allerdings nicht mehr aus, um die Vorräte an Gels, Riegeln oder Wechselklamotten unterzubringen. Dann muss man wohl oder übel zum Rennrad-Rucksack greifen.


Wann macht ein Rucksack auf einem Rennrad Sinn?


Ich selbst bin schon sehr oft mit Rucksäcken auf dem Rennrad unterwegs gewesen. Es sind hierbei vor allem meine langen Touren durch Frankreich oder mein Giro d´Italia, bei denen ich nicht nur die ganzen Rad-Klamotten mitnehmen muss, sondern auch die Minimal-Ausstattung an hygienischem Gepäck sowie ein Mindestmaß an "Zivilklamotten" für die After-Etappe an den Zielorten. In stinkendem Lycra möchte ich mich nicht anderen Restaurant-Besuchern der schönsten Küsten Europas zumuten ...



2010 fahre ich mit dem Cervélo R3 von Venedig nach Sizilien.
Mit dabei: 5 Kilo Gepäck auf dem Rücken.

Dazu kommt natürlich noch das ganze Support-Zeugs: Kartenmaterial, ein Stapel Hotelvouchers und die komplette Riege an Elektro-Gedöns, wie Handy-, GPS- und Fotoladekabel. Hier kommt man dann ganz einfach um einen Rucksack nicht mehr herum, wollte man nicht mit Anhänger fahren. Und hier ist es auch, da ich nach zwei vergeblichen Versuchen mit Rucksäcken zu meinem Favoriten finde, um auf längeren Rennrad-Touren den besten Kompromiss zwischen viel Stauraum bei kleinem Packmaß, niedrigem Gewicht und hohem, möglichst ermüdungsfreiem Tragekomfort entdecke: Schon damals ist es ein Deuter-Rucksack.


Genial: Im Starterbeutel des Ötztaler Radmarathon 2014 steckt der Deuter Road One.
Ich habe mit dessem großen Bruder schon sehr gute Erfahrungen gemacht.

Dieser Rucksack kann mit richtig viel Schmackes beladen werden. Mit ihm habe ich ohne Probleme zwei lange, zweiwöchige Rennrad-Touren abfahren können. Die Kunst dabei - man sollte natürlich so wenig wie möglich mitnehmen: Das zusätzliche Gewicht, das auf den Schultern hängt, belastet spürbar die Nackenmuskulatur und kann so nach wenigen Etappen schon zu recht happigen Schmerzen führen. 5 Kilo hatte ich mir immer als Maximalzuladung zugestanden, mehr nicht. Dieser Rucksack ist hervorragend verarbeitet - noch heute, nach fast 4 Jahren ununterbrochenem Gebrauch auch abseits des Rennrads, sind keinerlei Schäden oder Verschleiß an Nähten, Tragegurten oder an den Achillesfersen - die Reißverschlüsse - zu erkennen.

Deuter ist eine traditionsreiche Firma aus Augsburg. Schon seit 1898 (das war die industrielle Revolution!) hat das Familienunternehmen Erfahrungen im Umgang mit Stoffen. Noch heute gelten Deuter-Rucksäcke und die ausgeklügelten Innovationen in puncto Belüftung, Tragekomfort und Stoff-Einsatz als Benchmark der Branche. Schön, ein Unternehmen mit einer solchen Tradition auch heute noch als High-Tech-Trendsetter zu sehen. Aber ich schweife ab ...


Rennrad-Rucksack bei einem Radrennen?


Ich erinnere noch sehr lebhaft die "Marathon-Stage" der Haute Route Alps 2013. Hier galt es, die über 165 Kilometer Distanz mit 3.400 Höhenmetern zu überbrücken. Das war Etappe 3 von 7. Gleich am Morgen (Start ist Val d´Isere) geht es über den Col d´Iseran: Ein langer, harter und wunderschöner Anstieg, der uns mal eben direkt nach dem Frühstück auf 2.700 Meter Höhe bringt.

Hier oben ist es kalt! Ein Grad Celsius sagt das Garmin nach der Etappe. Uns fröstelt - milde ausgedrückt. Es ist einfach nur scheißekalt, um ehrlich zu sein! Viele Teilnehmer bleiben einfach mitten im Rennen bei den wenigen sonnenbeschienenen Flächen stehen, wie Salamander und andere Kaltblüter, sich am Licht und der Wärme labend. Als ich oben auf dem Pass ganz kurz zum Pinkeln anhalte, knarrscht das gefrorene Gras unter meinen Cleats. Die Abfahrt, trotz Windweste, zweiter Jacke, Thermo-Beinlingen und Thermo-Handschuhen, ist die reine Kälte-Hölle.



Haute Route Alps 2013 - auf dem Col d´Iseran: Dick eingepackt bei Minusgraden
in der rasanten Abfahrt. Wohin mit dem Zeug, wenn es warm wird?

Die gefühlte Temperatur bei 1 Grad Celsius und 40 km/h in der Abfahrt liegt laut Windchill-Faustregel bei eisigen -13 Grad. Ich war heilfroh, die Extraklamotten dabei zu haben!
Die Etappe führt uns weiter über den Col du Mont Cenis und hiernach in eine absolut berauschende, mit nichts bisher vergleichbare, abhängig machende und ganze 40 km lange (!) Hammer-Abfahrt ins italienische Susa. 

Hier unten ist es heiß! Sofort stoppt das ganze Peloton, wir schälen uns wie Hummer im kochenden Wassertopf gleich, völlig panisch unter plötzlichen Schwitzattaken aus der Winterkluft: Es herrschen auf einen Schlag unter grellem Sonnenschein backofenartige 30 Grad plus. Windstill. Im "Tal des Todes" werden es dann noch 32 Grad. Im Schatten.

Ich muss den ganzen Scheiß von der Abfahrt aber irgendwo verstauen. Dazu kommen mindestens fünf Gels, die ich mir für diese Etappe eingesteckt habe sowie meine Fotoausrüstung, denn ich will ja Blog schreiben und dafür brauche ich schicke Bilder.




Selbe Etappe, 25 Grad heißer: Jacke umbinden? Weste in
die Bib stopfen? Da muss es doch etwas besseres geben!

Die Trikot-Taschen platzen schon bald. Aus Mangel an Platz stopfe ich mir Weste, Beinlinge und Handschuhe hinten in die Bib. Sehe aus wie das Michelin-Männchen. Mein Teamkollege Heiko bindet sich gar in seiner Verzweiflung seine Windjacke ganz "léger" um die Hüfte. Er wirkt so wie ein Religionslehrer auf ADFC-Radausflug. Wir beide sehen einfach lächerlich aus. Dem Rest des Pelotons (bis auf die harten Typen, die das Ding mir immer wieder unbegreiflich in kurz/kurz fahren) ergeht es ähnlich.

Hätten wir mal gehabt, was ich erst beim Ötztaler Radmarathon im Starterbeutel entdecke ...


Dank Ötztaler Radmarathon - ich entdecke den Deuter Road One.


Der Ötzi ist für mich der am besten organisierte, professionellste und attraktivste Radmarathon, den man in den Alpen fahren kann. Das merkt man unter anderem auch daran, dass der Starterbeutel hier immer besonders üppig und aufwändig ausfällt. In diesem Jahr können sich die Teilnehmer am Ötztaler über ein besonders schönes Geschenk freuen: Den Deuter Road One Rennrad-Rucksack. Noch dazu mit Ötztaler-Logoaufdruck.



Werde ich mit stolz fahren: Den Road One mit Ötztaler-Logoaufdruck. Ohne diesen ist
der Rucksack allerdings genauso genial.

Ich gebe zu, anfangs stehe ich diesem Teil sehr skeptisch gegenüber. Denn ich bin ja noch immer der Meinung, dass ein Rucksack in einem Eintages-Radrennen eigentlich nichts zu suchen hat. Als ich dann aber - gebrieft durch den Wetterbericht - meine ganzen Klamotten, die ich gedenke mitnehmen zu müssen, auf der Couch meines Hotel-Zimmers ausgebreitet liegen sehe, beginne ich, mich mit der Idee, den Road One auszuprobieren, anzufreunden.

Das Wetter soll trocken - warm - nass - kalt werden. Ich benötige also unterschiedliche Klamotten. 238 Kilometer Streckenlänge, das wird ein langes Rennen. Also brauche ich 6 Gels. Und ich will auf dem Finisher-Foto keinesfalls als Michelinmännchen oder Religionslehrer auf ADFC-Tour aussehen! Hier geht es zum Ötztaler 2014-Rennbericht



Wenn es nach mir ginge, sogar noch zu wenig Klamotten: Beim
Ötztaler Radmarathon 2014 wird es nicht nur klatschnass, sondern saukalt!

Nachher im Ziel war ich heilfroh, das Ding dabei gehabt zu haben. Denn der Deuter Road One ist einfach Spitze! Ebenso tadellos verarbeitet wie mein erster Rucksack aus deisem Hause, bietet er viele durchdachte Features, die ihn noch dazu absolut (eintages-)renntauglich machen:

1. Langer, umlaufender Reißverschluss

Durch ihn lässt sich mit einem Zipp der ganze Rucksack öffnen und aufklappen. Man kommt so sehr bequem und vor allem schnell selbst an die Dinge heran, die ganz unten liegen. Kein lästiges Kramen und Herumfingern mehr, kein Tasten im wirren Durcheinander.

2. Netze und Taschen im Rucksack

Durch die kleinen Netze und Taschen wird eine Separierung des Stauraums erreicht. So kann ich meine Gels in der einen, Geld, Handy und Personalausweis (bei Rennen in die Schweiz wichtig) in der anderen und den Ersatzschlauch sowie Reifenheber wiederum in einer der Taschen separat verpacken - und komme so bei Bedarf noch schneller an sie heran.


Massig Platz - und Dank des durchdachten Öffnungssystems
kommt man auch superschnell an alles ran.

3. Viel Stauraum + wenig Platzverbrauch = geringes Gewicht

Der kleine Rucksack bietet für seine Maße von 40 mal 15 (oben) und 22 (unten) Zentimetern erstaunlich viel Stauraum. Ich bekomme für den Ötztaler hier locker die oben angesprochenen Kleinteile mit, dazu ein Ersatz-Thermohemd, Ersatz-Beinlinge, eine Windweste, lange Handschuhe und Mütze mit unter. Alles in allem wiegt der Rucksack dann beim Rennen nur 1,5 kg. Ich merke das Gewicht kaum - habe daher, wie leider bei längeren Touren mit dem großen Bruder des Road One irgendwann unvermeidlich - keinerlei Rückenschmerzen. Ein Raincover ist inklusive und schützt das Innere effektiv vor Nässe.

In mehreren Stunden Dauerregen durch mich erprobt - der Raincover hält innen alles trocken.

4. Aerodynamische Form & Steifigkeit

Der Rucksack "nuddelt" nicht herum. Sein Rückenteil - übrigens mit eingebautem Abstandshalter für schweißmindernde Durchlüftung des Rückens - ist sehr steif und etwas abgerundet. Es passt sich perfekt der Wirbelsäule und damit dem Rennradler an. Zudem ist der Rucksack sehr schmal geschnitten und selbst bei voller Beladung noch schön flach: Den Highspeed-Abfahrten von Kühtai, Jaufen und Timmelsjoch sollte er keinen großen Luftwiderstand entgegen bringen.

Atmungsaktiv mit "Abstandshaltern" zum Rücken: Auch bei
Hitze noch halbwegs angenehm und schweißfrei zu fahren.

Ich fahre den Deuter Road One das Rennen über und freue mich bei jedem Klamottenwechsel (warmes Zeug vor der Abfahrt anziehen - nach der Abfahrt ausziehen usw.) und bei jedem Wetterumschwung mehr über die Entscheidung, auf die Style-Rule zu pfeifen und das Ding einfach mal mitzunehmen.

Den Rucksack merke ich beim Fahren kaum. Er ist trotzdem ich ihn mit allen meinen Klamotten vollgestopft habe, noch angenehm leicht. Jedes Mal, wenn ich vor dem Anstieg anhalte, um mir die warmen Klamotten auszuziehen, oder oben vor der Abfahrt diese wieder hervorhole, freue ich mich, dass der Road One Dank der durchdacht angebrachten Taschen und Netze sowie dem umlaufenden Reißverschluss so gut "mitarbeitet" - ich verliere beim Umziehen jedenfalls kaum Zeit.

Selbstverständlich mit Rain-Cover: Der Road One macht auch
im Platzregen (hier beim Ötzi 2014) eine aerodynamische Figur.

Zudem muss ich nun nicht mehr alle Gels in die Rückentaschen oder unter das Bib an den Schenkeln stopfen, sondern brauche nur die Gels am Mann, die ich gerade brauche (2 Stück) - die anderen sind hinten drin und jederzeit schnell greifbar.

Deuter Road One - Test bestanden.


Ich fahre am letzten Wochenende den Endura Alpentraum. Das Rennen hat 252 Kilometer (von denen ich wieder mal nur 225 ohne Umbrail fahre - aber das ist ein anderer Blog-Post). Und etwas mehr als 6.000 Höhenmeter (für mich "nu" 4.600). Auch für den Alpen-Traum versprach die Wettervorhersage nichts Gutes: Regen, Niesel, Kälte und auf dem Joch (Gott behüte!) Schnee. Bis auf den Schnee, den ich nicht gesehen habe, tritt die Vorhersage präzise ein. Ich bin froh, dass ich den Road One wieder am Start hatte, denn beim Ötztaler hat er bewiesen, ein überaus praktischer, durchdachter und optimal auf den (Renneinsatz) für Radsportler abgestimmter Rucksack zu sein.



Mistwetter, Kälte & Regen - dann Sonne und Hitze.
Gut, dass ich auch beim Endura-Alpentraum den Road One dabei hatte!

Auch wenn meine Vorfreude auf das Rennen ob der Wettervorhersagen und den zusätzlichen Gefahren, die wegen rutschiger, glitschiger Fahrbahn, Sichtbehinderungen durch Nebel und Gischt sowie erhöhter Gefahr durch Fehler der anderen Teilnehmer etwas getrübt war, so war ich doch eine Sorge los: Wohin mit dem Scheiß? Diese Frage stellt sich jetzt nicht mehr. Und das ist ja schon mal was.

Der Deuter Road One kostet zurzeit (Quelle: Google Shopping) zwischen 50 und 65 €. Beim Online-Shop Bike24 werden 59,95 € aufgerufen, der britische Primus Wiggle verlangt schon stolze 74,94 € (Stand 11.09.2014). Es lohnt sich also, den Fachhandel zu checken und die Anbieter online. 


Was ist Eure Meinung zum Thema "Rennrad und Rucksack"? Habt Ihr auch Erfahrungen mit dem Deuter Road One oder anderen Rucksack-Systemen? Ich freue mich auf Eure Kommentare.














Du suchst Berichte von einer bestimmten RTF, einem Rennen oder Gran Fondo? Ich bin nunmehr fast 30 dieser Events im Rahmen des German Cycling Cup, der UCI-World Cycling Tour und des italienischen Prestigio-Gran Fondo Cup gefahren. Einfach hier klicken: Vielleicht findest Du in meinen Listen genau das Rennen, für das Du Dich interessierst?

9. September 2014

Ötztaler Radmarathon 2014: Strecke, Startplatz, die richtige Übersetzung - und Start!

Wir sind fast oben. Der Anstieg gleich zu Ende. Heiß brennt mir trockener Atem in roten Lungen. Schweiß steht unter dem Lycra. Neben mir hält nur noch einer das Tempo aus. Hinter uns, weiter abgeschlagen, einer der beiden Polen. Es wird jetzt etwas flacher. Ich nehme raus. Da, da vorn, wo es wieder steiler wird, da will ich anziehen, denke ich mir, schaue mir meinen Nebenmann an: Es ist Christian Lampe vom Roadbike-Magazin. Starrer Blick, atmet ruhig, Plauderton: Spielt er? Ich zügele mich. Langsam. Lass mal ruhig angehen. Dann. Es wird steil. Ich trete rein, nicht runterschalten, gleich reintreten! Letzte paar hundert Meter. Christian geht mit, locker. Aber ich bin vorn. Halbe Radlänge. Ich trete. Ich trete - und komme als erster oben an. Es dauert, bis die anderen schnaufend neben uns stehen.

 

Am Vortag des Ötztaler Radmarathon - noch mal ein kleines Ötzi-Training wagen.


Zugegeben, dieser "Sieg" ist natürlich absolut nichts wert. Dass ich hier als erster ankomme, besagt rein gar nichts. Auch nicht die halbe Radlänge vor Christian: 15 Kilometer, 400 Höhenmeter. Ein Klacks. Wir sind heute morgen halb elf losgefahren, wollen nach Obergurgl, der Punkt, an dem man Richtung Sölden die steile Abfahrt vom Timmelsjoch hinter sich hat und nur noch Gas geben kann. 
Wir, das sind etwa 15 Journalisten und Blogger, die meisten aus Deutschland, einige aus Österreich, zwei aus Polen. Oliver Schwarz, Geschäftsführer der Ötztal Tourismus, hat uns eingeladen, zusammen mit einem erfolgreichen Amateur aus dem Tirol Cycling Team die kleine Strecke hier her nach Obergurgl zu machen.


Kleine, kurze Trainingsausfahrt mit Oliver Schwarz. Steil ist es trotzdem. Ein bisschen.

In dem Hotel-Restaurant, wo sie für uns eine kleine Jause vorbereitet haben, gibt es jede Menge Hintergrundinfos zum Rennen, zum Ötztal, der Bedeutung des Rennens für die Region und Aus- wie auch Einblicke in die Organisation dieses wohl prestigeträchtigsten Rennens im Kalender der alpenverrückten Jedermänner und Amateure.

Hier werden an diesem verlängerten Wochenende mehr als 25.000 Übernachtungen durch das Rennen ins Tal gebracht. Dabei knapp 4 Millionen Euro Umsatz erzielt. Ein Wirtschaftsfaktor mittlerweile. "Zum Glück gibt es uns nun schon seit 1983.", sagt Oliver Schwarz: "Ein Rennen wie den Ötztaler bekommen Sie heute niemals mehr genehmigt!" Er spricht auf den Luxus an, den nur der Ötzi bietet: Die gesamten 238 Kilometer durch Österreich und teilweise Italien auf komplett vollgesperrten Straßen. 
Das gibt es bei keinem anderen Alpenrennen.

Abends treffen wir uns auf über 3.000 Metern Höhe, hoch oben über Sölden, zur kleinen Pressekonferenz. Ich hoffe auf Jan Ullrich, der allerdings leider nicht kommt. Dafür aber Letztjahres-Sieger (und später auch Gewinner der Ötztaler-Ausgabe 2014) Roberto Cunico, der ein sympathisches Interview gibt. Er erzählt von seinem Sieg, seiner Vorbereitung und den strategischen Besonderheiten der Strecke. Bescheiden, fast flüsternd leise.

Die Wetterfee des Ötzi, eine 6-malige Teilnehmerin, gibt uns eine kleine private Wetterschau. Es wird schmutzig werden ... und nass. Und kalt. Na hossa.


Au weia! Regen, Regen, Regen.

Bis Mittag soll es demnach noch trocken bleiben. Eigentlich ideales Rennrad-Wetter: Bedeckt, Temperaturen um 15 Grad herum, in St. Leonhardt, am Fuße des Timmelsjoch, sogar bis 22 Grad heiß. Das kenne ich noch vom letzten Ötztaler 2012 - hier pellen sie sich dann immer alle aus ihren Klamotten. 
Mag auch 2014 wieder so sein. Nur dann, ab Mittag, Regen. Zunächst nur leicht. Später aber, für alle "die mehr als 8, 9 Stunden benötigen werden", richtiger Starkregen. Mehr als 8, 9, 10 Stunden? Fragt sich eher, was die, die länger als 11 Stunden unterwegs sein werden, erwartet. Dazu zähle ich mich nämlich.

Ein Raunen. Ich sehe mich schon wieder wie bei der Tour du Mont Blanc völlig durchnässt stundenlang treten, auf den Pässen, vor allem aber in den Abfahrten, mich schlotternd und frierend nach unten zittern. 
"Ich weiß nicht, ob ich starten werde", sagt einer der Journalisten neben mir. Viele zweifelnde Blicke. Ich starte. Natürlich! Das steht fest. "Hauptsache, nicht schon im Startblock nass!", sage ich zu ihm: "Wenn wir trocken über das Kühtai kommen, ist alles ok", rede ich mir weiter Mut an. Im Kühtai, da habe ich 2012 mit 96 km/h meine schnellste Höchstgeschwindigkeit auf dem Rennrad erreicht - sogar noch schneller, als in der Fuchsröhre der Nordschleife am Nürburgring! Hier noch trocken runter, den Rest, den schnuddel ich mir schon zurecht. Rede ich mir Mut zu. Und so beschissen, wie 2013, sieht es ja nun auch nicht aus.

So gehe ich ins Bett. Ein wunderbares, großes Zimmer habe ich da im Hotel Bergland erwischt. Ich werde keine 200 Meter zum Start zu laufen haben. Hier werden sie extra für uns am Startmorgen um 4:30 Uhr ein fettes Büffett für die Ötzi-Starter auffahren - nicht, wie so oft, diese lieblosen, kalten Lunchpakete. Alles ist bereit. Mein Rennrad überprüft, alle Schrauben nachgezogen, Transponder installiert und Klamotten zum Reinschlüpfen bereit gelegt. 
Zwar kann ich wieder kaum schlafen, fühle mich aber gut. Ich habe richtig Bock! Denn meine Rennsaison 2014 hält nur 5 Rennen vor: Da genieße ich jede einzelne Minute.


Klamotten sind bereit: Morgen früh nur schnell reinschlüpfen. Und ab geht
er, der Ötztaler Radmarathon!

"Heute haste sogar Christian Lampe abgehängt", rede ich mir ein. Muss grinsen. Der Mann, dessen Bericht vom Race Across the Alps 2012 mich dazu gebracht hatte, es selbst einmal zu versuchen. Natürlich ist mir klar: Es war keine Rennsituation heute morgen und wir nur auf einer "gemütlichen" Ausfahrt. 
Gegen Christian hätte ich im wahren Leben wahrscheinlich nicht geringste Chance. Aber gut fühlt sich das erstmal trotzdem an. An irgendwas muss ich mich ja festhalten. Gegen 23 Uhr kommt eine SMS: "Sehr schwerer Regen und Kälte. Bitte zieht entsprechende Kleidung an und fahrt vorsichtig." Mir ist brüllend heiß unter der Decke. Trotzdem fröstelt es mir plötzlich. Irgendwann schlafe ich ein.

Pünktlich 4:00 Uhr klingelt das Handy.
Eine Minute später mein Tablet.
Gleichzeitig das Hotel-Telefon.

Nach dem Aufsteh-Disaster vom Alpenbrevet letztes Wochenende, gehe ich hier heute beim Ötztaler auf Nummer sicher. Renntag! Ötzi! Wie geil ist das denn bitte?!

 

Start! Auf der Vollgas-Hatz nach Ötz.


Ich bin - für meine Verhältnisse - sogar richtig vollgefuttert. Meist bekomme ich (so früh!) morgens nix runter. Muss dann während des Rennens Bananen und alles mögliche in mich hineinstopfen, stürme dann meist die erste Labe und esse sie ratzekahl leer. Heute, am Renntag des Ötztaler aber, ist das anders.

Ich stehe in Startblock 1. In 1C, um genau zu sein. Im aller ersten Block die Favoriten, die großen Gran Fondo-Teams aus Italien, die Tiroler Lokalmatadoren und die Promis, wie Jörg Ludewig. Etwa 100 bis 150 Mann, würde ich sagen, finden sie hier ein. 
Dahinter, in 1B, etwa 150 bis 200 Mann. In den ersten Block darf, wer im Vorjahr eine Zeit unter 8:30 Stunden geschafft hat. Dann die 1C, mein Block. Hier stehen auch schon mehr als 100 Leute, würde ich schätzen. Und ich treffe alle meine Journalistenkollegen von gestern wieder. Journalisten müssen gottseidank keine 8:30 Stunden schaffen.



Die Journalisten & Blogger am Vortag in Obergurgl. Noch haben
wir gut lachen ...

"Der Eine, der so Angst hatte, ist nicht gekommen", sagt mir ein Kollege von gestern, mit dem ich öfter geschnackt hatte. Weiter vorn ein weiterer aus unserer Truppe: "Was hast Du denn auf einmal für ein Rad?", frage ich. Denn er erzählte mir gestern Abend, dass sein eigenes Rennrad mit nagelneuen Zipps dermaßen in der Abfahrt geflattert hätte, dass er sein Vertrauen verloren hätte. "Ein Freund, der nicht startet, hat mir seins geliehen - gestern Nacht haben wir noch die Bremsen umgebaut." Und dessen Schuhe hatte er sich auch gleich ausgeliehen. Oha.

Jan Ullrich kann heute nicht starten - Magen-Darm, sagt er beim Interview kurz vor dem Start. Schade, ich hatte gehofft, wenigstens mal kurz neben ihm für ein Foto fahren zu können (Na ... man wird ja noch träumen dürfen ...) - immerhin war es das dramatische Zeitfahren (samt Sturz) gegen Lance Armstrong bei der Tour de France (2003?), das mich endgültig als Radsport-Fan gewonnen hatte. Für dieses eine Foto mit Jan, so hatte ich es mir gestern Nacht zurecht gelegt, würde ich sofort nach dem Start richtig Gas zu geben, um nach vorn zu kommen.

Vorn, da zählen sie gerade runter. Dann geht es los. Einklicken. Treten. Langsam, wie immer. Dann, hinter der kleinen Welle, wo es in 8, 9, 10, 11 Stunden rechts weg zum Zielbogen geht, mit richtig Schmackes.

Kurz vor dem Start des Ötztaler Radmarathon: Gespannte Erwartung bei knapp 4.000 Teilnehmern.


Vorarbeiten zu Jan Ullrich? Sonst gehts aber? Träum´ weiter!

Sie geben sofort richtig Gas. Eine Beschleunigung wie beim Deathpedal. Sofort zieht sich das Feld auseinander. Nun aber reintreten, sehr hart, die Lungenflügel brennen, neben mir hat einer seinen ersten Krampf (Kilometer 1!). Kalte Muskeln müssen hier richtig schnell heiß werden! Schon reißt vorn die erste größere Lücke auf. Keine Chance mehr, das große Feld vor uns fährt weg. Wir, 100, 200 Mann, hechten hinterher. Immer mehr zirkeln links und rechts wie die Bescheuerten an mir vorbei. Leute. Bitte - Ihr könnt hier gleich noch 8, 9 oder 10 Stunden lang überholen!

Die Abfahrt nach Ötz ist 30 Kilometer lang. Wie fliegen hier in in Höchstgeschwindigkeit hin. Ich werde 38 Minuten benötigen, bis ich über die Zeitnahme am Fuße des Kühtai komme. Das entspricht einem Mittel von 47 km/h. Ich komme in Ötz als 1.584er des Feldes an. 

Bis hier her muss ich hetzen und hecheln, die ganze Zeit treten - obwohl es bergab geht! - mich an Leute hängen, kleine Lücken zufahren, aufpassen, AUFPASSEN!, die fahren hier teilweise wie die Irren! Eine ganze Weile poltert einer der Teilnehmer durchs Feld, Kopfhörer in den Ohren, brüllt die ganze Zeit tirolerisch und strampelt schwankend auf einem eierigen Rennrad, macht alle ganz fuchsig, dreht sich bei 60 km/h gern mal um, einhändig, winkt imaginäre Teamkollegen heran, brüllt immer wieder, fuchtelt, gestikuliert (wen meint der bloß?) und stößt Urlaute aus. Er macht hier alle verrückt. 
Von dem halte ich Abstand. Ja nicht stürzen!

Hier "vorn" geht es also auch nicht gesitteter zu. Hier sind sie genauso nervös, genauso unaufgewärmt und genauso hirnverbrannt schnell, wie hinten im Feld.

Rasante Abfahrt nach Ötz: +50er-Schnitte braucht man schon, will man "vorne" dabei sein.

1.500ster in Ötz also. Wenn ich - vorsichtig geschätzt - von Startblock 1C an Position 500 ins Rennen gegangen bin, dann haben mich in diesen wenigen Minuten über 1.000 Mitstreiter überholt! Ich weiß, ich habe eine Menge Leute an mir vorbeirasseln sehen, vor allem knapp hinter Sölden, wo es noch recht lang gezogene Kurven gibt. Aber über eintausend?! Dabei bin ich schneller als 2012 - und doch so langsam?

Okay, klar, ich bin kein wirklich starker Fahrer. Auch trainingstechnisch nicht unbedingt auf dem Zenit meiner Leistungsfähigkeit. Aber 1.000 Leute? Abgesehen davon, macht es denn wirklich so viel Sinn, hier in den Bergabstücken wie wild Gas zu geben?
Als ich mir meine Zeiten von 2012 beschaue, habe ich hier (aus einem der ganz hintersten Blöcke gestartet), bis Ötz nur ganze 3 Minuten länger gebraucht, also "nur" ein 43er-Schnitt hingelegt. 

2012 bin ich hier 1.784ster geworden. Heute, zwei Jahre später 1.584ster. 3 km/h im Schnitt langsamer, 200 Plätze verloren. Wow. Im Klartext heißt das, dass ich 2014 bereits 550 Meter im Anstieg bin, wo ich 2012 gerade einmal unten angekommen war.

Vorn in 1 zu starten hat zwar seine Vorteile, unbestritten, aber Nachteile hat es auch: Hier vorn ist das Tempodiktat der Spitze noch stärker, der enorme Beschleunigungsdrang und die Dynamik im Feld, die Positionskämpfe - mögen sie noch so unsinnig sein - noch härter, als weiter hinten. Stress pur. Dann das hohe Tempo. Ganze 3 km/h bin ich hier im Mittel schneller, das ist enorm! Als ich in Ötz endlich in den Kreisel fahre, abbremse, mir das erste Gel reindrücke und herunterschalte, möchte ich mich glatt bekreuzigen: "Jesus, überlebt!", flucht einer neben mir. Das beschreibt ganz schön den Trubel dieser ersten Kilometer.

 

Im Kühtai - wird das Wetter halten? 


Ich mag das Kühtai. Dieser Anstieg, auch "Kühtaisattel" genannt, ist genau das, was ich von einem Alpen-Pass erwarte: Abwechslungsreich, unrhythmisch und klassisch bestehend aus satt-grünen Wald-Passagen, wilden, baumfreien Tälern mit Geröll und meine geliebten Serpentinen. Dazu ein schöner See, ein attraktiver Pass-Übergang und als Lohn für die Schinderei eine möglichst rasante Abfahrt. Das Kühtai bietet alles. Und das nach dem Frühstück.

Es sind knapp 18 Kilometer, die man bis zur Pass-Schranke zu fahren hat. Genial: Diese 18 Kilometer sind von unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Ganz zu Anfang geht es recht steil. Der erste Kilometer fast ausschließlich im zweistelligen Bereich. Bremst die aufgeheizten Abfahrtler schön herunter. Hier fliegen allerdings wieder massig Leute an mir vorbei: Sollen sie. Ich nehme mir heute vor, nie in den roten Bereich zu fahren. Ganz rechts und schön gleichmäßig, ruhig!

Die nächsten 3 Kilometer werden eher moderat: 7 bis 8% im Schnitt, kaum mal Spitzen mit über 11%. Alles fein zu fahren. Ab Ötzerau bis Mühlau wird es wieder steiler, hier treten wir zweistellig, in Kehren und auf Rampen kann es 15 bis ein mal sogar 18,4% steil sein. Dann wird es wieder ruhiger, flacher, bis es ab Kilometer 5 wieder für 2.000 Meter moderater zur Sache geht, nur um dann für weitere 1.500 Meter wieder feste anzuziehen.


Schon fast oben: Im Hintergrund der Stausee des Kühtai.

Das Feld ist noch sehr dicht beieinander, obschon hier am Kühtai die erste richtige Selektion beginnt: Die starken Fahrer mit Ambitionen ziehen mit wirklich beängstigendem Überschuss an uns vorbei. Ich sehe ab und zu eine Dreifachkurbel wirbeln - meist bei Teilnehmern älteren Semesters - das Gros der Leute fährt, wie ich, 34er-Blätter vorn. 


Die perfekte Übersetzung am Rennrad - welche Ausrüstung für den Ötztaler?


Nachdem ich hier vor 2 Jahren noch mit Heldenkurbel an meinem Bergfloh-Rennrad Cervélo R3 angetreten war, und mich vor allem zum Schluss wirklich gequält hatte, fahre ich seit 2 Rennen nun auch an meinem neuen Cervélo S5 eine mehr als bergtaugliche Übersetzung. Für mich die perfekten Berggänge: 34-28. 
Das ist dann auch mein Berggang und ich fühle mich nicht zu fein, diesen auch ständig aufgelegt zu lassen. Außer, wenn ich mich kurz für einige Meter in den Wiegetritt begebe, schalte ich mal einen Gang hoch, ansonsten immer mit dem 28er-Ritzel hinten.

So kann ich auch die sehr steilen Stellen bequem im Sitzen wegkurbeln. Ich zwinge mich, mich nicht verrückt machen zu lassen von den anderen. Halte mich rechts an der Strecke, gehe meinen eigenen Stint. Wenn ich jetzt gewusst hätte, dass ich nur minimal hätte schneller sein müssen hier in den Anstiegen - ich hätte mich anders entschieden. Fürs Erste aber, vor allem, weil das Alpenbrevet mit auch immerhin 5.300 Höhenmetern erst genau 7 Tage her ist, mache ich aber eher tranquilo.

Ab Kilometer 8,5 wird es dann wieder flach - und das für ganze 3 Kilometer. Hier werden kaum mehr als 4%, im Schnitt 3% auf den Steigungsmessern stehen. Man kann locker auf das große Blatt schalten. Doc aufgepasst: Ab 11,5 km der Scharfrichter des Kühtai - eine fast 2.000 Meter lange Passage mit nicht unter 10%, die bis 16% in den Spitzen haben kann. Hier zieht es massig Körner!


Die letzten hundert Meter zur ersten Labe im Kühtai. Gute Laune allenthalben!

Mich kann das heute alles nicht anfixen. Denn anders als 2012 kann ich heute befreit fahren. Bei meiner ersten Teilnahme bin ich nervös, stehe unter dem Druck, des Nichtwissens ob ich das hier überhaupt schaffen könnte. Dass ich das hier schaffe, daran besteht für mich allerdings keinerlei Zweifel.

Hinten rufen sie irgendwas. Das Rufen kommt immer näher. Dann Klackern. Galopp. Pferde? Tatsächlich! Hinter mir wird das Klackern immer lauter, immer näher kommen sie. Ich drehe mich um - Rennradler fahren auf die rechte Seite, zwei wunderschöne, graue Pferde überholen das Feld mit wehenden Mähnen. Sie schnauben, prusten und - begleitet von einem Polizei-Fahrzeug - rollen den Ötztaler von hinten auf. Einige vor mir, die mit Kopfhörern fahren, schlenkern, sich erschreckend, als sie von 1 PS plötzlich überholt werden.
Wir grinsen. Viele rufen, wiehern. Ich brülle ihnen nach: "Wir sehen uns in der Abfahrt, Ihr Gäule!", um mich herum Gelächter. Unsere Scherze werden uns im Halse stecken bleiben, wenn wir, abends im Ziel, lesen müssen, dass zwei unserer Mitstreiter mit eben diesen Pferden in eben dieser Abfahrt kollidiert sind, einer schwer verletzt nach Innsbruck geflogen werden musste.
In der Abfahrt kollidiert.
Abfahrt. 



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Oben auf dem Sattel, die erste Labestation. Wie immer ein Garant für Hektik und Drängeln. Wie sich auch das Feld im Laufe des Rennens aus einander zieht, so wird auch der Andrang an den Labestationen weniger. Auf dem Kühtai ist immer der meiste Trubel. Bestimmt 300, 400 Leute wollen sich hier gleichzeitig verpflegen. Zwar haben sie schon die Stände extrem lang auseinander gezogen und doppelt angelegt, aber es bilden sich noch immer Trauben vor ihnen, als habe gerade der Einlass ins Stadion zum WM-Endspiel angefangen.

Mir ein Dorn im Auge, diejenigen, bei denen es nicht schnell genug gehen kann, und die sich mit ihren Rennrädern an die Labe-Tische drängeln. Wie rücksichtslos! Merken die denn nicht, dass sie nicht nur alles versperren, sondern mehr Chaos verursachen und damit unter Umständen länger im Menschenknäuel verbringen, als sie es ohne Rad getan hätten? Mich nerven diese egoistischen Idioten nur, ich habe keine Hemmungen, sie wegzudrücken und sie spüren zu lassen, dass sie sich wie Kollegenschweine benehmen. Wahrscheinlich seid Ihr dann auch die Schweine, die ihren Müll unachtsam in die Natur werfen, oder?

Schnell fülle ich meine Trinkflasche auf, greife mir zwei Bananen und Riegel, bin nach 5 Minuten am Rennrad. Leider wird meine Freude etwas getrübt, als eine Mitstreiterin angerauscht kommt, ihr Rad neben meines mehr wirft als stellt, sich an mir vorbeidrängelt - schwer atmend - sich direkt neben mir, keine 1,50 m entfernt, hinhockt - Po und was da sonst noch so alles zu sehen ist in meine Richtung reckt - und 1 Minute einen harten Strahl Tiefgelbes in den Kies presst. Na lecker. Aufstehen, Bib hoch, Riegel greifen und weg ist sie. Ooookayyy ... 

Auch ich gehe in die Abfahrt - keine 8 Minuten Standzeit.


Kühtai-Kematen - diese Abfahrt bietet Adrenalin-Garantie!

Die Abfahrt vom Kühtai ist Droge. So spannend und abwechslungsreich, wie der Aufstieg ab Ötz ist, so genial ist die Abfahrt bis Kematen. 23 Kilometer High-Speed-Rausch!

Hier bietet der Asphalt nicht nur 23 Kilometer rasantes Downhill, sondern zwei Besonderheiten, die für den Extra-Kick sorgen. Weiter im oberen Teil und zwei mal, soweit ich erinnere, im High-Speed-Stück, sind es Weidegitter, die man zu überfahren hat. Diese sehen allerdings schlimmer und gefährlicher aus, als sie sind: Wer nicht gerade in Schräglage oder bremsend die flachen, stählernen (und daher oft glitschigen) Roste überfährt, braucht hier eigentlich keine Angst zu haben. 
Ich bremse trotzdem immer etwas ab: Ohne zu bremsen würde ich hier nur herunter ballern, wenn ich z.B. am Vortag die Strecke testhalber abgefahren wäre. Klar, dass hier die ganzen Tiroler Cracks im Vorteil sind: Sie kennen jede Kurve, jeden Huckel und jedes Schlagloch.

Bereits nach 2.000 Metern taucht die Straße unter mir weg, das Rad macht einen wahren Sprung. Die Digits - so ich noch Augen für mein DuraCase hätte (ich fahre heute wieder mit der Cyclemeter-App) - klackern nur so nach oben hin weg. Kurzes Flachstück - mittreten! - hier geht es in einer lang gezogenen Rechtskurve durch einen Schneetunnel. Wahnsinnsgefühl: Monaco, Formel 1.

Als ich dem Tunnel rasant näher komme, regelt ein Sanitäter den Verkehr herunter. Abbremsen. 25 km/h. Ein Krankenwagen steht an der Tunnel-Einfahrt, zwei, drei Notärzte über Einen in der Liege gebeugt. Knie angewinkelt. Blutig. Sein Rennrad liegt an der Tunnelwand.
Alter Falter. Fast gerade Strecke. Wie kann so etwas passieren?

Ich brauche eine Weile, um wieder auf Speed zu kommen. Dann kommt der wahnsinnige Teil: "15%" steht da auf einem Achtungsschild. Achterbahn - ich sehe das Unten nicht, Magen flau, Rad aus Warp. So geht es fast geradeaus nach Gries hinein - hier könnte man, wenn man wollte, die 100 knacken. (114 km/h sollen hier heute erreicht worden sein). Wahnsinn!

Ab Gries über Sellrain bis Kematen geht es dann zwar "nur" noch bei 3 bis 9% Gefälle, aber noch immer rasant genug, um den Abfahrern ein Dauergrinsen unter den Helm zu brennen. Dann, ausrollen. Rechtskurve. Völs. Dahinter Innsbruck. Gleich im Brenner. Und ich hasse den Brenner!


Brenner-Pass: Hier sterbe ich tausend Tode. Dachte ich.


Der Brenner ist ein Schlüsselpass des Ötztaler Radmarathon. Hier entscheidet sich, ob man schnell im Ziel ist, oder nicht. Denn der Brenner ist kein Alpen-Pass im eigentlichen Sinne - steile Anstiege, Serpentinen - sondern mehr eine seichte Rampe, welche die gerade einmal 800 Höhenmeter ab Aldrans (kurz hinter Innsbruck) auf sage und schreibe 43 Kilometern überbrückt. (sagt Quäldich.de, das Ötzi-Roadbook sagt 38,5). 
Das sind 50 Höhenmeter pro Kilometer im Schnitt - oder 1,9% Steigung gemittelt. Langweilig? Mitnichten!

Kenner wissen, dass sie hier Gas geben können. Und müssen. Den Brenner kann man fast die gesamte Zeit auf dem Großen fahren. Ich selbst bringe hier 2012, als ich noch atemlos inmitten einer schnellen Gruppe ohne Ahnung hier hinaufballere, immerhin einen Schnitt (!) von 28,24 km/h zustande. Bergauf. Im Spitzenfeld knallen sie hier mit über 35 km/h hoch ...

Das ist auch das Gefährliche an diesem Anstieg: Er verleitet zum Gasgeben, zum Ballern. Zum Brennen. Ich bin heute aber auf anderes aus - gerade einmal 2.700 Kilometer in den Beinen, mit 32.000 Höhenmeter nicht gerade die beste aller Trainings-Saisons hingelegt. Heute geht es um "Gentlemen-Ankommen", habe ich mir vorgenommen.


Brenner Anstieg und Abfahrt: Schnell hinter sich bringen.
Schön geht anders.

Ich lasse alle Gruppen ziehen, mache sehr langsam. Ich versuche, wie schon beim Kühtai zuvor, den Pass bewusst zu fahren, mich umzuschauen, die Natur zu genießen.
Das geht beim Brenner nicht.
Diese Strecke ist alles, nur nicht schön.

In Wahrheit sterbe ich hier tausend Tode. Einmal, kurz, hänge ich mich an eine Gruppe, gehe das - noch immer langsamer als 2012 - hohe Tempo mit, muss aber etwa 6 Kilometer vor dem Pass, abreißen lassen. Ich bin alle. Ich krieche, atemlos, die dann doch zugegeben recht steilen Endrampen hinauf, Schweiß läuft, Beine Schwer wie Blei. Laktat im Schuh. Alter Schwede, wie ich das hasse!

Logisch: Durch mein fehlendes Training fehlt mir die Grundlage. Kraft-Ausdauer, also die Fähigkeit, über einen langen Zeitraum hohe Leistungen auf das Pedal zu bringen - Fehlanzeige. Steile Rampen, mögen sie noch so lang sein, komme ich hoch. Das geht schon. Irgendwie. Langsam zwar, aber es geht. Nur halt Druck machen, Tempo gehen - das muss man einfach trainieren.

Die Passhöhe in Brennero ist wie immer enttäuschend. Riesen Beton-Fläche, ein hässlicher Bahnhof, die Autobahn und die Bundesstraße drängeln sich hier rüber. Schnell essen, pinkeln, Flaschen auffüllen, Suppe schnabbulieren - nur weg hier!

Ich brauche heute 1:32 Stunden - ganze 11 Minuten länger als vor zwei Jahren. Zuhause besehe ich mir meine Zeiten. Und bin überrascht. In meiner Erinnerung bin ich hier mit maximal 8 km/h hoch. Glaube, im Brenner läge der Schlüssel zu meiner schlechten Zeit. Fehlanzeige: Immerhin noch einen knappen 25er-Schnitt hinbekommen. Ich bin überrascht. Genauso, wie ich am Ende ob meiner anderen Zeiten überrascht sein werde.


Im Jaufen-Pass - Vorboten des Schlechtwetters und Eurofighter-Abfahrt.


Komisch, an den Jaufen habe ich von meiner ersten Teilnahme am Ötztaler Radmarathon keinerlei Erinnerungen mehr. Nur noch das Endstück in St. Leonhardt, als es brüllend heiß war und ich in der steilen Steigung zum Timmelsjoch förmlich stecken geblieben bin.
Freilich, bis St. Leonhardt sind es ab Sterzing, wo die wenig rasante und leider auch landschaftlich eher abturnende Abfahrt vom Brenner nach einem kurzen, keine 5 Kilometer langen Flachstück endet, immerhin 15 Kilometer mit etwas mehr als 1.100 Höhenmetern.

So halte ich kurz vor der Timing-Matte an (pinkeln muss ich, geht hier bei dem Trubel aber nicht), ziehe mir die warmen Abfahrt-Klamotten, Mütze und lange Handschuhe aus und fahre - wie immer ruhig und gelassen - in die Rampe.

Ah, jetzt kommen langsam die Erinnerungen: Der Jaufen ist ein guter Pass. Die 15 Kilometer bieten kaum Rhythmuswechsel. Fast stetig konstant gleich steile Rampen. Im Schnitt hat der Jaufenpass einen Gradient von 7,6%. Das ist absolut human. 

Tatsächlich fährt er sich wie Sahne. Zwar kann ich auch in diesem Anstieg alles andere als Sahnezeiten fahren - immer wieder muss ich mich von Mitstreitern überholen lassen - dennoch bin ich hier mit meiner Leistung zufrieden: Niemals schlägt der Puls an die Grenze, kaum einmal trete ich mich in den roten Bereich. Mein Ziel, mit Rücksicht auf das fehlende Training (Stichwort NOT-Methode :) konservierend zu fahren, rein auf Ankommen, kann ich gut umsetzen. Doch immerhin noch fast zwei Stunden benötige ich für den Anstieg - oben, wo etwa 100 hm unter der Passhöhe die Labe aufgebaut ist, stehen wir frierend in leichtem Nebel, erste Tröpfchen kündigen an, was bald kommen wird und schütten uns warme Brühe in knurrende Mägen.


Kurz vor dem Übergang im Jaufen-Pass - Nebel, Kälte, harscher Wind.
Vorgeschmack auf Kommendes.

Die letzten zwei Rampen hoch zur Passhöhe sind in wenigen Minuten weggetreten. Schnell ziehe ich mir wieder Handschuhe an und setze die Mütze unter dem Helm auf: Nebel = Kälte. Gott bin ich froh, dann heute doch meine Gore-Überschuhe anzuhaben, wohlig warm ist es meinen Füßen bis hier her.

Die Abfahrt vom Jaufen ist - vielleicht sogar noch mehr als die vom Kühtai - ein wahrer Abfahrtsrausch! Die ersten 11 Kilometer bei durchschnittlich 7 bis 8% Gefälle, die vielen, sehr gut zu fahrenden Serpentinen, fordern allerdings hohes fahrerisches Können: Zunächst ist der Asphalt an vielen Stellen bröckelig. Lange, stellenweise bis zu 10 cm breite Rillen und Bruchkanten erfordern Weitsicht, viel manövrieren und mitunter hartes Bremsen. Ich bin froh, dass der Belag schon wenige hundert Meter unter der Passhöhe schnell abgetrocknet ist. Ich kann hier richtig aufdrehen - zum ersten Mal in diesem Rennen überhole ich andere Teilnehmer. Massig. Sie schleichen förmlich den Berg hinab.
Ich fühle mich sicher, bringe das Cervélo dabei aber niemals an die Gefahrengrenze.

Als ich über die noch am Vortag frisch geteerten Stellen komme, bremse ich allerdings richtig hart herunter. Bei der Pressekonferenz hatten sie explizit hiervor gewarnt: "Frischer Asphalt dünstet Öl aus. Das ist extrem rutschig!". Na, sicher ist sicher.

Geile, geile, geile Jaufen-Abfahrt! Hier oben ists
noch relativ nebelig - gleich reißt es auf. Purer Spaß!

Dann, wenn die Serpentinen geschafft sind, schießt man einfach nur fast geradeaus - mit vielen, nicht engen und daher sehr schnell zu fahrenden Kurven - an der Bergflanke entlang, dass selbst Top Gun-Piloten neidisch werden könnten! Hier ballert es sich so, wie man es in seinen feuchtesten Rennrad-Träumen nicht besser ausdenken könnte. Aber Vorsicht! Das geht nur beim Ötztaler, wenn vollgesperrt ist! Die Straßen sind viel zu eng, die Kurven oft zu wenig einsehbar, als dass man das bei der Chance, in einen Salatgurkenlaster zu knallen, so (übertreiben) wollen würde.

Unten in St. Leonhardt angekommen, nutze ich die Hitze, um mich aus den Klamotten zu pellen und die adrenalingeschwängerte Schnappatmung etwas herunter zu regulieren.

"Das war Nummer drei", sage ich mir leise. Stolz. "Nur noch den Timmel und das war es auch schon ..." Auf geht´s!

Im Timmelsjoch: Noah hätte hier eine Abfahrts-Arche gebaut.


Ich mag das Timmelsjoch. Mehr noch, ich mag alle Berge, die richtig weh tun. Schön lang sollten sie sein. Schön steil (immer mal wieder), möglichst spektakulär, was die Ausblicke ins Tal und in die umgebende Berglandschaft angeht und sie sollten, wenn es nach mir ginge, am besten niemals enden.
Ich liebe es, langsam tretend, mich Serpentine um Serpentine hochzuwinden. Immer mal aus dem Sattel zu gehen - aah, diese Wohltat, wenn man mal kurz in den Pedalen steht! Das ständige nach oben Schauen, "bis da oben muss ich noch?" oder nach unten gucken, "wow, was für ein Ausblick!" Schnee bedeckte Bergspitzen, nach Harz duftende Wälder oder schroffe, spitze Felswände. 
Auch wenn ich, wie alle anderen auch, beim Anstieg selbst aus dem Fluchen nicht hinauskomme - diese Schinderei ist es doch aber, die mich immer wieder an den Start dieser Alpen-Rennen treibt. Es ist nicht die Abfahrt. Es ist der Anstieg.

Das Timmelsjoch bietet genau das.


Leider keine Fotos vom Anstieg: Das ist schon die Abfahrt.
Ihr seht, die Wetterfee hatte Recht.

Der Anstieg zum "Timmel" ist eigentlich zweigeteilt - verliert dadurch psychisch schon seinen Schrecken, meine ich. Denn die erste Hälfte, um genau zu sein, 18 Kilometer bis Schönau, geht es relativ gesittet zu. Anfangs, 7.000 Meter in den Pass hinein bis ins Örtchen Moos, bei 5 bis maximal 9%. Alles fein. Schnuddelt sich so weg.
Ab Moos zieht es dann an: Bis zum Kilometer 10 wird es kaum flacher als 9%, es kann bis 14% rauf gehen. Hier geben noch sehr viele Teilnehmer Gas, finde ich, obschon ich jetzt, nach etwa 8 Stunden im Rennen, in einem Mitstreiter-Feld angekommen bin, in dem wir alle etwa die gleiche Speed fahren. Ich beginne sogar, wieder Leute zu überholen.

Leider fängt hier dann auch das Wetter an, endgültig umzuschlagen. Hatten wir im Laufe des Rennens ab Brenner schon immer mal kleine Niesel-Attacken, kaum mehr, als Feuchtigkeits-Fallout, kurz mal nen kleinen Schauer auf dem Jaufen, so fängt es nun an richtig zu regnen. Ich bin froh: Die Wetterfee hatte den Regen eigentlich ab "Brenner, Jaufen" angesagt - so ist mir die Nässe von oben eigentlich egal: Ich bin hier im letzten Anstieg. Das Ding ist eh gleich vorbei. Sage ich mir so.

Es regnet sich ein. Immer dicker die Tropfen. Schon weicht meine Softshell durch. Dazu gesellt sich halbwegs frösteliger Wind. Wasser sammelt sich unter dem Helm auf dem Kopf. Tropft über die Nase ab.

Mein DuraCase - wasserdicht, schocksicher und als Zusatzakku für das iPhone, mit dem ich hier heute das Rennen tracke, als Lieferant für 3 mal mehr Batterie-Kapazität wie gemacht für dieses Rennen - wird heute also mal wieder einem guten Test unterzogen. Bald schon steht die Brühe auf dem Display. Den Test besteht es problemlos. 


Ötztaler im Regen: Das Wetter ist immer auch rennentscheidend.
Und hat großen Einfluss auf die Psyche.

Wo das DuraCase in seinem Element ist, sinkt die Laune meiner Mitfahrer fast schlagartig auf Null. Wurde vorher noch immer mal hier und da geschnackt. Mit einem Seitenblick und einem "Hallo" oder einfach einem Kopfnicken mit Grinsen ein kurzes Gespräch angefangen, so verstummt der Zug der Durchnässten jetzt. Keiner redet mehr. Alle mühen sich nur, die steilen Rampen hier endlich hinter sich zu bringen - denn ab Kilometer 14 gibt es kurz Verschnaufpause. Es folgt ein 4 Kilometer langer Abschnitt, der nur maximal 1% ansteigt. Die Kenner wissen es: Hier kommt jetzt die letzte Labestation. Schönau!

Beim diesjährigen Ötztaler Radmarathon sind wieder 20.000 Bewerbungen um einen Startplatz eingegangen. 1983 hatten hier ganze 12 "Verrückte" zum ersten Mal das Rennen ausgetragen - und am Timmelsjoch die letzten 1.800 Höhenmeter gemacht, bevor es auf die rasante Abfahrt nach Sölden ging. 
In 2014 können - wie immer - nur 4.000 Begeisterte Radsportler an den Start gehen. "Ich habe einen Traum", ist das Motto dieses Rennens, und wie viel 4.000 Leute sind, wie viele Träume, wie viele eigene, spannende und mitreißende Geschichten das ergibt - von denen diese, meine, ja nur eine ist - das wird mir erst richtig klar, als ich am Vorabend die Startlisten in der Arena sehe. Wahnsinn, was sie hier organisieren!


20.000 Bewerber in der Lostrommel - 4.000 dürfen starten.
Ob das Regen-Inferno auch in den Träumen vorkam?

In Schönau angekommen, weiß ich schon, was ich zu tun habe. Bereits 2012 habe ich mir hier den "Timmel-Trick" von den anderen Startern abgeschaut: Pures Red-Bull in die Trinkflaschen - und dann gleich den Turbo zünden! Heute verweile ich noch etwas länger, denn mein Magen knurrt schmerzhaft. Ich bin eigentlich kein Käsefreund, hier und heute stopfe ich mir gleich drei dick belegte Käsestullen rein, dann noch das letzte Gel, zwei tiefe Schlucke Red-Bull: Auf zum Steigungsfinale!

Als ich unter dem Pavillon-Dach der Labe hervortrete, verfliegt zwar etwas Mut, aber das geht schon.

Die nächsten 11 Kilometer geht es spektakulär an der Timmelsjoch-Steilwand - ähnlich eines Stelvios - nach oben. Serpentinen, so gewagt in den Stein geschlagen, dass einem der Atem stockt. Vielen anderen stockt hier der Atem, weil sie am Ende sind. Nicht Wenige sehe ich wieder schieben. Einige einfach nur weggedreht von uns, die wir noch kurbeln können, tief über deren Rennrad gebeugt, schwer atmend. Ich biete allen Laufenden und Stehenden meine letzte Banane an, vielleicht hilft das ja über den Hungerast? Alle lehnen ab: "Mir ist schon schlecht, Danke!".

Ich selbst habe keine Probleme hier. Kann wieder gleichmäßig, ohne Krämpfe oder Schmerzen selbst die steilsten Rampen wegkurbeln. Immer mal aus dem Sattel gehen. Alles fein. Weitaus weniger schmerzhaft, als noch 2012. Dann, irgendwann, der Tunnel! Dort hindurch - es wird flacher, dann noch mal einen Kilometer etwas steiler. Das wars! Timmel erreicht.

Nur: Hier geht die Scheiße erst richtig los! Abfahrt vom Timmelsjoch bei Nebel und Regen: Helm ab zum Gebet!


Ich zittere wie Espenlaub. Literweise Wasser am Körper.
Spaß? Wird daraus erst ein paar Stunden später, wenn ich im Hotel bin.

Hinter dem schmalen Durchgang, welcher den Pass markiert, weht mir ein eiskalter Wind entgegen. Er peitscht förmlich den Regen in den Stoff. Ich zittere sofort - dabei fahre ich noch nicht mal 15 km/h - wie soll das erst in der Abfahrt sein? Wie war die Windchill-Faustformel? Für 40 km/h kann man 15 Grad Celsius abziehen. Also wieder Minusgrade gleich. Und dann ich Hämpfling, kein Fett am Leibe - und die Klamotten komplett nass!

Es folgt zunächst eine lang gezogene Abfahrt. Eigentlich genial: Schnurgerade geht es zu einem kleinen Gegenanstieg, der nochmal rund 200 hm hat, bevor dann nach einer weiteren geraden Abfahrt die Mautstation kommt. Von hier aus ist es nur noch ein Klacks nach Sölden. Wenn es trocken ist.

Das Geradeausstück ist voller Nebel. Ich sehe mal gar nichts. Hier könnte ich rollen lassen, und abgesehen davon, dass der Gegenwind wie 2012 mal wieder so stark ist, dass ich hier eh kaum über 50 Sachen käme, durch das Regen- und Spritzwasser auf den Brillengläsern, das weiße Kondensat dass sich innen auf eben jenen bildet und die dicken, weißen Nebelschwaden kann ich rein gar nichts sehen. Ich versuche, über die Brille hinwegzuschielen. 

Abfahrt mit 3,5 Dioptrien.

Gottseidank sind hier kaum noch Andere auf der Strecke (oder ich sehe sie einfach nicht), denn so habe ich wenigstens die ganze Straßenbreite für mich. Halt mal - was ist denn das da vorn? Ein grauer Schatten. Ein Rennrad? Ah, cool, denke ich, hänge ich mich für ein paar Meter in den Windschatten, um Schwung für den Gegenan...KUH! KUH! Scheiße! Ich kann gerade so ausweichen, vor mir fährt kein Rennrad das ich mit leichtem Geschwindigkeitsüberschuss einholen kann, da steht ein tonnenschwerer Bulle!

Knapp schliddere ich an dem Vieh vorbei, sehe mich schon mit den Ellenbogen im Gehörn hängen bleiben ... phuuh!


Vor Weidevieh muss man sich beim ganzen Ötztaler Radmarathon hüten.
Umso mehr bei Regen, Nebel und Abfahrt-Speed.

Den Schreck kann ich kaum verdauen, schon stecke ich im Gegenanstieg. Ich zittere dermaßen vor Kälte, dass ich ihn komplett im Stehen in einem viel zu kleinen Gang fahre: Viel kurbeln. Ja nur warm werden!
Mein Bauch zieht sich schon ganz hart zusammen, so sehr macht mir diese verdammte Klirrekälte zu schaffen. Die patschenassen Klamotten kleben an meiner Haut. Unten stehen meine Füße in literweise Eiswasser, das sich im Schuh gesammelt hat, meine Beinlinge, die Bibs, einfach alles ist nur nass. Eiskalt-nass. Es ist zum Kotzen.

So trete ich mich den Gegenanstieg hinauf, als mir plötzlich klar wird, dass ich in meinem Deuter Road One, den ich regengeschützt auf dem Rücken trage, noch ein trockenes Thermo-Unterhemd habe. Plötzlich durchfährt mich Motivation, die mich die 2 Kilometer bis zum Ende des Anstiegs und zur Mautstation "überleben" lassen.

Dort angekommen drücken sich vier weitere armselige Gestalten unter dem Wellblechdach herum. Es gibt ein irrsinnig lautes Crescendo der Wassertropfen, ein Bombardement aus H2O. Ich schmeiße das Rad an einen Poller, zerre zitternd mit eis-steifen Findern mein buchstäblich letztes Unterhemd hervor und stopfe es mir unter die Softshell: Ich rede mir ein, dass diese zusätzliche Barriere wenigstens ein, zwei Windchill-Grad in der nun kommenden Abfahrt abhalten solle. Tut es aber nicht.


2 Kilometer Gegenanstieg. Beim Treten wird man wenigstens warm.

Die Abfahrt bis Obergurgl ist Hölle. Ich bin stetig auf der Bremse, unten rattert und knattert es. Die Kurven zentimeterhoch mit Muren überspült - Aquaplaning-Gefahr! - da fahre ich wie auf rohen Eiern durch. Mich überholt nur ein einziger Mitstreiter, das dann aber mit einem irrsinnigen Tempo, dass ich vor Schreck fast den Lenker verreiße! Weiter unten wird es knapp hinter mir dann keine 5.000 Meter vor der Ziellinie in Sölden noch einen schweren Sturz geben, lese ich später im Hotel. Wie man bei einem solchen Wetter in der Abfahrt - nach über 200 Kilometern und malle im Kopf - noch so ein Risiko gehen kann (für sich selbst und die Teilnehmer), ist mir ein Rätsel.

Der Nebel ist undurchdringlich. Ich schlottere, schreie in die Kälte, weil ich glaube, dass mich das warm machen könne. Die Zähne klappern so laut, dass ich Angst habe, mir einen abzubrechen oder die Zungenspitze abzubeißen. Immer wieder versuche ich, mich zusammen zu reißen, irgendwie warm werden!

Irgendwie durchhalten!


Ab Obergurgl geht es dann. Aber nur mit dem Nebel.
Der Regen wird sogar noch heftiger.

So zittere und bremse ich mich die - sonst wahnsinnig schöne und rasante, emotional so wichtige, weil letzte - Abfahrt des Timmelsjoch herunter. Ich kann einige wirklich sehr langsame Mitstreiter noch überholen und mache drei Kreuze, als ich die Einmündung nach Obergurgl erreiche: Hier bin ich gestern nach der Journalisten-Jause mit Vollgas gen Sölden geballert. Ab hier kenne ich die Strecke.

Hier kann ich Gas geben!



Wo kommt diese Kraft her? Endspurt nach Sölden ins Ziel des Ötztaler.


Kaum bin ich auf der - nun sehr viel weniger steil abfallenden - Straße gen Sölden, drehe ich irgendwie auf. Es scheint, als habe jemand alle Schleusentore geöffnet, als kämen Reserven zum Vorschein, die ich vorher nicht kannte. Oder sind das jetzt die Zinsen meines heute so überaus konservierenden Fahrstils? 
Jedenfalls fliegen meine Beine um die Kurbel. Ich lasse rollen. Ausgang Gurgl, rein in die Schneetunnel - trockene Fahrbahn - vier Leute einfach so überholt, kein Problem. Ihre Köpfe hängen fertig über die Lenker gebeugt, ich hetze hier in Untenlenkerposition lang. Zweiter Schneetunnel - wusch! - eine Mure knallt mir zentiliterweise Wasserwellen an die Knie, egal, weiter!

Ich bin so aufgedreht, Feuer, warm ist mir - das kalte Regenwasser mischt sich unter meinem Trikot wieder mit heißem Schweiß. Ich fliege.


Hinter Obergurgl: Ich kann so richtig aufdrehen. Komisch - aber geil!

Jetzt rollt es. Hier geht alles rund. Unrund wird das Wette, welches immer schlimmer wird, je tiefer ich komme, habe ich das Gefühl. Trinken muss ich schon gar nicht mehr: Ich muss nur den Mund offen lassen, es reichen wenige Meter und ich habe genug Bergwasser im Rachen.
Die Füße manschen in den klitschnassen Schuhen, die langen Handschuhe hinfällig - voll gesogen mit Wasser halten die eh nicht mehr warm. Ebenso die Beinlinge, meine Sitzpolster am Hintern - klitschenass, kalt. 

Ich denke nur noch an das Hotel. Visualisieren! Warmes Bad. Dampfend heißes Wasser, das in die Wanne schießt. Dann aus den Klamotten raus, schnell! Einfach abpellen, liegen lassen. Rein in die Wanne - es soll richtig zischen! Die käsig-weiße Haut, dick aufgequollen von der Kalte und dem Wasser, sie soll Hitzeblasen schlagen, krebsrot möchte ich mich kochen! Gar werden wie chinesische Dim-Sum. Ich will, dass es richtig blubbert, möchte in Lava baden, mich mit einem Bunsenbrenner abtrocknen ... 

So kalt ist mir.

Ich knalle die Straße entlang, als gäbe es kein morgen mehr. Komisch, beim Alpenbrevet hatte ich denselben Effekt: 20 Kilometer vor Ende konnte ich nochmal richtig aufdrehen. Richtig reinhauen, Lungen zum brennen bringen. Fahren, als breche hinter mir die Welt ab. Als brannte eine Lunte an meinem Hintern. Jetzt schieße ich das letzte seichte Gefälle hinab. Dann Zwieselstein. Hier, wo die Profis das Rennen entscheiden.


Zwieselstein, keine 10 Minuten mehr bis Ziellinie. Hier 
geben die Führenden nochmal alles. Und gewinnen. Oder verlieren.


Im letzten Jahr schon war es Roberto Cunico, der hier zum finalen Sprint ansetzte, das kurze, wenig steile und dennoch nach fast 230 Kilometern unter Volllast zweifelsohne weh tuende Bergaufstück nutzte, um seine beiden Mitfavoriten endgültig zu distanzieren: Auch in 2014, soweit ich das mitbekomme, wird wieder dieser kleine Anstieg Zwieselstein den Ötztaler Radmarathon entscheiden.

Ich selbst trete den diesmal auch auf dem großen Blatt weg (da endet dann aber auch schon die Vergleichbarkeit mit Cunico & Co), fliege die Welle ab, gleite hinüber wie Wilbur Wright, nehme ein, zwei Wassermuren mit - egal, da hinten, irgendwo, ist Sölden!

So schließe ich zu einer kleinen Gruppe auf, keine 10 Mann, überhole alle in den letzten Serpentinen runter nach Sölden und kann mich im Endsprint durch das Städtchen deutlich absetzen. 


Zwieselstein geschafft! Jetzt Backen zusammen und die letzten Kilometer durchballern!

Der Erlösung nahe. Wie ein Gestrandeter, der nach Jahren des verzweifelten Lebens auf einer einsamen Insel, auf einem selbstgebauten Floß, allen Gefahren des Ozean trotzend, sich durch Stürme und Orkane navigierend, Windstillen und Flauten aushaltend, endlich in die zivilisierte Welt zurück kehrend, stolz auf dessem klapprigen Floß salutierend, die heimatliche Mole entlang manövriert, so schieße ich nach Sölden rein. 

Die Feuerwehrwache rechts liegen lassen, letzte Kurve, nun, Zielgerade, einfach Kopf runter, Augen zu, noch mal alles geben. Ich schließe zu drei weiteren Fahrern auf. Mund offen - Tony Martin-Style - tief über den Lenker gebeugt, meine Beine wirbeln, die Pedale fliegen nur so, Wasser schäumt hinter mir auf, Schweif. Ich dampfe, ich krampfe, ich fliege.

Kaum Zuschauer, kein Wunder bei dem Wolkenbruch, kalt ist es auch noch. Egal. Mein Sieg hier, meine 238 Kilometer, meine 5.508 Höhenmeter. Dann, die Welle, gleich, die Brücke, hier, hier stehen sie doch, hier klatschen sie. Abbremsen, langsam, rechts herum, auf der Brücke beschleunigen - da, Red Bull-Bogen. "Da hast Du Deinen Traum!" steht da. Hohn? Lohn!

Ziellinie.

Ausklicken.

Atmen.



Der Ötztaler Radmarathon 2014 - Sonne, Wind und Wolkenbruch.
Geschafft nach 11:48 Stunden.

Ich höre den Sprecher meinen Namen sagen. Die Zielzeit. Noch glaube ich, exakt meine 2012er-Zeit gefahren zu sein. Leerer Kopf, fürs Erste. Hinter der Ziellinie wirft mir ein Mädel eine dicke Militärdecke über. Wärme. Endlich. Wärme - komisches Konzept, denke ich. Ich steige ab, schieben, der Regen, er nervt nur.

Als ich 15 Minuten später in mein Hotelzimmer taumele, sich im Gehen bei jedem Schritt die Klamotten abpellen, heißes Wasser, dampfend wie Lava, die Wanne füllt und ich mit zwei Zischen - dem ersten beim Eintauchen meines zitternden, steif gefrorenen und aufgedunsenen Körpers ins Wasser, dem zweiten beim Öffnen der eiskalten Dose Iso-Alkfrei-Bier - eintauche, fährt mein Körper erstmals runter.

Vor 12 Stunden ist er hochgefahren.

Das war der Ötztaler Radmarathon - Learnings & To-Dos.


Roberto Cunico gewinnt auch die 2014er-Ausgabe des Ötztalers. Er wird mit 2 Minuten Vorsprung vor den Zweit- und Drittplatzierten nach 7:05 Stunden gewinnen. Unfassbar! Als Cunico über die Ziellinie fährt, bin ich in der Abfahrt vom Brenner und mache ich gerade an den Jaufen-Pass. 
Sein Konkurrent, Carlo Murano, braucht am Anfang des Rennens für die Strecke vom Start bis auf den Kühtai-Sattel ganze 58 Minuten - als der oben ist, habe ich gerade einmal eine Viertelstunde im Anstieg gesteckt.

Eine andere Welt. Mehrere Ligen entfernt. Ist das noch Jedermann? Sicher nicht. Cunico lebt vom Radsport - Gran Fondo, das ist in Italien mehr, als Hobbyklasse.
Und doch, beim Interview auf der Pressekonferenz meint Cunico noch, auf die Frage antwortend, welche Zeiten er glaubte, die Profis hier fahren würden, etwa wenn der Ötztaler ein Teil des Giro d´Italia wäre: "So um die 6 Stunden." Sagt er da so bescheiden. "Das ist doch eine ganz andere Klasse." 
Und das aus seinem Munde.

Ich brauche für die selbe Strecke dieses Mal 11:49 Stunden. Nur etwas langsamer, und ich wäre nur halb so schnell wie Cunico!



Roberto Cunico (links) bei der Pressekonferenz des Ötztalers.

Bescheiden, sympathisch. Bärenstark!

Zuhause analysiere ich die Zahlen und bin hoch erstaunt. Wenig wundert mich, dass ich meine Zielzeit von 2012 bei all den vielen Rennen zwischendurch schon vergessen hatte: 10:48 Stunden bin ich vor 2 Jahren gefahren. Exakt eine Stunde länger als heute.

Als ich die Berg-Zeiten vergleiche, kommt die Erleuchtung. Ein Aha-Effekt, Beweis einer Faustregel, endlich mal Schwarz auf Weiß: Am Berg helfen schon minimalste Geschwindigkeitsunterschiede, um am Ende massive Auswirkungen zu haben!

So fahre ich das Kühtai 2012 noch mit 1:21 h und 11,8 km/h Schnitt - zwei Jahre später mi 1:31 h und 11,4 km/h Schnitt. Auch Brenner - 1:21 h zu 1:32 h - oder Jaufenpass - 12,96 km/h zu 11,07 km/h und schließlich Timmelsjoch mit 2:55 h versus 3:05 sind allesamt nur minimal langsamer.

All in all also: 10 Minuten verliere ich im Duell gegen mein früheres Ich am Kühtai, jeweils 11 und 18 Minuten an Brenner und Jaufen. (wobei mich am meisten wundert, dass ich am Brenner, wo ich gefühlt nur gekrochen bin, gar nicht so viel schlechter war) und noch mal 10 Minuten am Timmel: Insgesamt 49 Minuten gegenüber 2012 in den Anstiegen. Die restlichen 11 Minuten müssten bei der Timmelsjoch-Abfahrt zustande gekommen sein, die ich mich nur heruntergetastet habe.

Unterm Strich aber bin ich also 2012 an den Anstiegen nur 0,4 bis 0,9 km/h schneller gewesen - im Schnitt also bergauf 0,6 km/h schneller - und gewinne damit fast 50 Minuten Vorsprung! "Wenn ich das gewusst hätte!", sage ich am nächsten Tag meinem Lousy-Legs Teamkollegen Heiko, der mich fragt, wie es gelaufen sei. "Ich hätte ja noch Gas geben können, ein bisschen wenigstens!" Irgendwie erschüttert mich das.

0,6 km/h machen 50 Minuten aus. Okay, die auf die insgesamt 92 Kilometer Anstieg der 4 Pässe ist das kräftemäßig zwar eine Menge, aber ich bin in diesem Jahr so vorsichtig gefahren, dass ich am Ende ja noch für den Unheimlicher-Hulk-Sprint enorme Reserven zu haben schien.

"Das mache ich 2015 anders!", entscheide ich mich. 


Die Siegertrophäe 2014: Ein Knüpfteppich aus tausenden alter Ötztaler-Trikots
und eine Schieferplatte mit Gravur. Werde ich nie bekommen, das Ding.

Dennoch bin ich auch mit vielem zufrieden: Standzeiten minimiert. In Sachen Kleidung alles Richtig gemacht. Die Entscheidung, nur eine 0,75l-Flasche zu fahren genau richtig. Ich hatte exakt die richtige Menge an Gels dabei (6 Stück) und die Entscheidung, den Road One-Rucksack zu nutzen (unter Bruch einer Style-Rule, ich weiß) ebenfalls die richtige Entscheidung. 
Zu keinem Zeitpunkt hatte ich Krämpfe, Einbrüche oder andere körperliche Schwierigkeiten. Die Anstiege habe ich alle - bis auf den schnellen Brenner - als absolut im grünen Bereich empfunden. Durchkommen beim Ötzi ohne Training? Geht. Scheiß Zeit, aber geht.

Auch wenn das Wetter uns zum Schluss, vor allem aber allen Teilnehmern, die mehr als 9 Stunden unterwegs waren, eine Prüfung auferlegt hat, die mehr als hart war, so kann ich die 2014er-Ausgabe des Ötztaler Radmarathon auch wettermäßig als absolut okay bezeichnen: Der Regen kam später, viel später als vorhergesagt. Also alles andere als die katastrophalen Wetterbedingungen 2013.

So sieht es am Timmelsjoch aus, wenn es nicht regnet. 
Geniale Ausblicke. Vielleicht 2015

Wieder einmal muss ich auch feststellen, dass der Ötztaler Radmarathon, wenn auch nicht der höhenmeter- und distanzmäßig härteste, wohl aber einer der härtesten Radrennen ist, die man hier fahren kann. Sicher aber ist der Ötztaler der am am professionellsten organisierte, am perfektesten durchgezogene und daher auch der Radmarathon im Rennkalender der Jedermänner ist, der noch immer - und wohl auch für noch eine sehr lange Zeit - das höchste Prestige genießt.

Ein Muss für jeden, der sein Rennrad liebt, der sich der Herausforderung der Berge stellen und sich selbst im Wettstreit vor allem gegen sich selbst messen will. Ein Radsport-Event voller Emotionen, voller Freude, voller Tränen, voller Leid und voll so viel Endorfin, dass es locker für die kommenden, kalten Wintermonate reichen wird, bis weit in den Frühling hinein, bis zu jenem Tag, wenn sie wieder das Online-Portal für die Startplatz-Verlosung öffnen.

Ötztaler und Sölden - wahrlich, ein Radsport-Monument.




Nachtrag: Christian Lampe von der Roadbike finished in 10:07 Stunden. Christina Rausch macht den 6ten Platz der Damen-AK M1 in sensationellen 8:53 Stunden - und viele meiner werten Twitter- und Bloggerkollegen in ebenso beeindruckenden, tollen Zeiten, wie Markus Zeeh mit 9:22 Sunden. Herzlichen Glückwunsch allen Finishern! Und, wie sagte Einer neulich bei twitter: "Je länger die Finisher-Zeit, desto größer mein Respekt!"


Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ötztal.com und dem OK des Ötztalers für die tollen Aus- und Einblicke, sowie beim Team des Hotel Bergland Sölden für den ausgesprochen Rennrad-Verrückten-freundlichen Service.













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