19. Oktober 2014

Rennradfahren bei Regen, durch Kuhmist, im Wind und bei Dunkelheit: Hamburg-Berlin, eine Woche später. Oder: Warum ich Rennrad fahre.

Für viele Rennradler die aus Hamburg und Umgebung, aber auch aus Berlin kommen, ist der traditionelle Saisonabschluss ein ganz bestimmtes Event. Ein heiliges Datum, sozusagen. Auch für mich gehört es, seit ich im Jahre 2010 mein erstes Rennrad erworben, habe einfach dazu. Ich meine das Zeitfahren Hamburg-Berlin (hier der Rennbericht von 2013). Ein Event auf einer 260 bis 280 Kilometer lange Strecke, diewelches vom Audax Club Schleswig-Holstein alljährlich organisiert wird und ab Hamburg-Altengamme bis Berlin-Spandau, neuerdings zum Olympiastadion führt. Leider kann ich in diesem Jahr diesen Klassiker nicht mitfahren, hole ihn aber eine Woche später nach.


Warum ich Rennrad fahre: Hamburg-Berlin als Blaupause meiner Leidenschaft.


Ich liebe diese Strecke nicht nur, weil ich Quasi-Berliner bin und mich immer freue, in meine brandenburgische Heimat und speziell in die Stadt mit dem Telespargel zu kommen, sondern, weil dieser Trip all das, was ich am Radsport so liebe, zum Vorschein bringt.


3:15 Uhr aufstehen,4:20 Uhr aufbrechen: Radsport ist nichts
für Langschläfer.

Seit dem ich Rad fahre, bin ich "anders". Familie, Freunde schütteln oft ihren Kopf. Verstehen nicht, was ich da treibe. Können es nicht fassen, wie viel Zeit und Geld ich investiere. Eine Mischung aus Anerkennung und mich für einen Verrückten halten. Ihr kennt da sicher.

Es ist aber mehr. Es ist die Veränderung meines Lebenswandels, der sie verwundert. Wochenende. Partyzeit. Für alle anderen. Für mich oftmals der Startschuss zum intensiven Erleben von Körper, Seele und meiner Umgebung. Und das beginnt früh.


Früh aufstehen - ich bin der Erste in der Stadt.


Sicher, es gibt viele wie mich, die auch um 4:30 Uhr durch die noch dunklen Straßen der Stadt wuseln. Die Stadtreinigung zum Beispiel. Oder andere Menschen, von denen wir sonst nur selten etwas mitbekommen. Mitbekommen wollen? Oder der Bäcker. All die Servicekräfte, die dann später tagsüber in Gosch Sylt-, McDonald´s- oder Nordsee-Uniformen beispielsweise unsere Snacks servieren: Hier sehe ich sie. In zivil. Haben Plastiktüten dabei, ein Ärmel der Fimenkleidung schaut heraus. So sehen die Service-Roboter also in echt aus. Einblicke, die auch immer etwas nachdenklich stimmen. 

Die erste S-Bahn ab Altona. Es ist fast leer am Bahnsteig.

Um 4:44 Uhr fährt meine S-Bahn ab Altona. Sie wird mich nach Hamburg-Bergedorf bringen. Dort starte ich meine Zeitfahren, wenn ich nicht offiziell in Altengamme starten kann. Von hier aus sind es 26 Kilometer, ehe ich den Kreisverkehr nach Geesthacht, und damit die Originalstrecke erreiche.

Vorher fahre ich 30 Minuten S-Bahn. Mit mir wenige, aber umso illustrere (schreibt man das so?) Menschen im Zug. Die prekär Beschäftigten sitzen mit leeren Gesichtern, schauen einem weiteren Tag im Bratfett entgegen. Einen Vierer weiter zwei bis an den Rand des Erträglichen geschminkte junge Frauen. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Sie gackern unaufhörlich, kokettieren. Ein nur mit einem Muskelshirt und Jeans bekleideter, etwa zwei Meter großer, kahlrasierter Türke aus dem Boddybuilding-Security-Milleu setzt sich zu den Beiden. Sie flirten. Telefonnummern werden ausgetauscht.

Weiter vorn pennen zwei Jugendliche im Rausch. Sie waren Reeperbahn in den Zug gefallen, schaffen es gerade so auf die Sitze. Kippen ineinander und schlafen sofort weg. Irgendwann springt der Eine auf, sie verabschieden sich. Franzosen. Wie schön das immer klingt ...

Zwei Russisch sprechende Frauen, vielleicht 45 Jahre alt. Wahrscheinlich Reinigungskräfte. Sie steigen nacheinander aus. Verschwinden in der Dunkelheit. Die Büros werden sauber sein, wenn es hell wird. Sie wird man dann wohl nicht mehr sehen.

Da sitze ich nun. Inmitten der namen- und gesichtslosen Masse der Servicegesellschaft. Selbst uniformiert. Die starren mich manchmal an, als käme ich von einem anderen Stern.

Interessant, diese Studie in der ersten S-Bahn Hamburgs. Holt einen runter, in die Wirklichkeit. Viel mehr wert erscheint mir nun mein eigener Luxus. Ich sitze freiwillig hier. Uniformiere mich freiwillig. Und freue mich auf die Nacht, in die ich gleich entschwinden kann. Weg von all dem hier. Weg vom Alltag. Der Routine. All den Problemen. Weg von meiner eigenen Rolle. Nur treten. Nur kurbeln. Sport - auch eine Art von Beam in ein einfacheres, in ein besseres Leben.


Leiden. Sich abmühen. Dreckig werden - Radsport ist archaisch.


Wie sagt man immer so schön? Beim Grillen können die Männer wieder ihren Urtrieb ausleben: Am Feuer das Fleisch bereiten. So ähnlich ergeht es mir auch auf dem Rennrad. Auch - und gerade - wenn die äußeren Bedingungen nicht ganz so perfekt sind. 
Sicher, auch ich fahre am liebsten in kurz-kurz bei 20 Grad und Sonnenschein. Ich habe es gern noch heißer. Liebe es, wenn es trocken ist und am liebsten ein mäßger Rückenwind mich anschiebt. Aber: So richtig Rennrad gefahren bin ich doch erst dann, wenn es mal nicht perfekt ist. Oder?


Rennradfahren im Oktober: Fast sichere Garantie für Nässe & Kälte.

Ich habe bei meinem HHB noch Glück: Der Himmel schickt dieses mal, anders als 2013, keinen stundenlangen Regen vom Himmel. Dennoch sind die Straßen sehr nass. Zudem legt sich durch den fetten Nebel stetig Feuchtigkeit auf meine Klamotten, sodass ich nach wenigen Kilometern schon an den Füßen durch die Überschuhe, an den Beinen durch die Beinlinge und auch am Hintern und Rücken durch Bib und Jacken durchnässt bin.

Vom Vorderrad spritzt es stetig Wasser an den Rahmen, das dann, fein zerstäubt, meine Schienbeine nass hält. Hinten (ich verzichte aus Stylegründen auf Schutzbleche und dergleichen) schießt es mir direkt in die Kimme.

Mit der Feuchtigkeit kommt die Kälte. Zwar habe ich wieder etwas Glück - 9 bis 11 Grad hat es in den Morgenstunden - denn bei Hamburg-Berlin bin ich auch schon bei -1 Grad gestartet, hatte Eisplatten am Kopf. Dennoch, ich zittere. Nur eine Temposteigerung kann mehr Wärme produzieren, alles etwas angenehmer machen. Das kostet aber mehr Energie. Paradoxon.

So fliege ich durch die Nacht. Hinten unter mir blinkt das rote Warnlicht. Ab und zu überholen Autos (gesteuert von Zeitungs-, Brötchen- und allerlei Teile bringenden Servicerobotern - ganz entfliehen kann ich dem also nicht), die meiste Zeit aber trete ich allein. Ich schwitze, ich keuche fast. Schnell bin ich nicht - 27 bis 30 km/h, je nach Wind. Dennoch: Ein Spaziergang ist das nicht.

Ich werde am Ende knapp 280 Kilometer gefahren sein. 26er-Schnitt. Das ist nicht wahnsinnig schnell - aber das war heute auch nicht mein Ziel.


Herbstliche Ausfahrten sind fast immer auch Garanten für
ausgedehnte, lange Reinigungs-Sessions am Tag danach.

Das Rennrad wird leiden. Feuchtigkeit an sich ist ja nichts Schlimmes. Doch Hamburg-Berlin wird meist abseits der großen Bundesstraßen gefahren. Viele Wirtschafts- und vor allem Landwirtschaftswege. Zwar alles asphaltiert (und stellenweise von sehr viel besserer Straßenqualität, als manche Landes- oder Bundesstraße, die ich passiere), aber eben auch dreckig.

Herbst, das ist Erntezeit. Und die Zeit, um die Gülle, die die unzähligen Viehzuchtbetriebe hier in Niedersachsen und Brandenburg produzieren, auf die abgeernteten Felder auszubringen, auf dass sie für die nächste Anbausaison umso fruchtbarer werden. Traktoren, LKW. Sie biegen von den Feldern auf die Wirtschaftswege ein. Fahren anhängerweise Mist über diese Straßen. Allenthalben fällt etwas herunter. Mit der Zeit breit gefahren. Von Regenschauern in Schlamm verwandelt. Eine unansehnliche, ohrenbetäubend in Kette und auf Blättern schleifende braune Suppe. Sie spritzt unaufhörlich ins Rennrad. Und landet natürlich auch auf mir.

Güllefahrzeuge sind selten dicht. Sie lecken unaufhörlich die fruchtbare, aber bisweilen bestialisch stinkende Brühe auf den Asphalt. Ich passiere Dörfer, lang gezogene Hofanlagen, da steht die Kacke einen Zentmeter hoch auf der Straße - jegliches Ausweichen zwecklos. Will ich nun einen Schluck aus meiner Trinkflasche nehmen, ich muss sie erst sorgsam vom Kot, der natürlich genau auf dem Trinknippel landet, befreien.

Doch all das heiße ich willkommen. Die Kälte, das Zittern. Die langsam nach innen kriechenden Schmerzen, Ansätze von Krämpfen, wenn ich kurz in den Wiegetritt gehe. Mein hintern, der nach diesem Tag kaum noch sitzen kann. Meine brennenden Lungen und selbst die Kackespritzer im Gesicht, das Braune auf mir und der Gestank, eine üble Mischung aus dem Schweiß von 12 Stunden Beinarbeit gepaart mit den landwirtschaftlichen Spitzprodukten, ein Geruch, der mir später in der Berliner S-Bahn auf dem Weg zur Übernachtungsmöglichkeit einen freien Vierersitz und angewiderte Blicke bescheren wird: Das Leid ist es, das mich für diesen Tag zu einem einfacherern, aber irgendwie wieder kompletteren Menschen macht. Essenzielle Grundemotionen erfahren - wann habe ich die sonst, bei 8, 9 oder 10 Stunden Bildschirmarbeit? Durch das Rennrad kann ich - wie der Mann am Grill - wieder irgendwie Mensch sein.


Natur erleben. Landschaft erfahren - mit dem Rennrad die Umgebung erobern.


Warum reisen wir? Doch auch, um fremde Plätze zu entdecken. Ich mag das Fliegen. Ich liebe es sogar. Ich liebe das Bahnfahren aber ein bisschen mehr - weil ich sehe, was ich durchquere. Am meisten aber habe ich Spaß am Radfahren. Weil ich die Natur nicht durchfahre, schnöde überbrücke, sondern weil ich sie erfahre.

Nicht mit 800 km/h über dem Wetter dahinrasen. Eher mit 28 km/h durch das Wetter und durch die Natur fahren. Ich durchmesse die Räume. Rieche meine Umgebung (obschon es Abschnitte bei HHB gibt, die geruchsmäßig sicher nicht ganz weit vorn sind ...). Ich muss mir jeden einzelnen Kilometer erarbeiten - selbst erarbeiten. Mal schufte ich dafür etwas härter, mal helfen Gefälle oder Wind. Doch immer bin ich es allein, der sich die Distanz erobert.



Wenn es endlich hell ist, lohnt es sich, auch mal auf den Deich zu fahren:
Dampfende Elbe, weite Auen, saftige Wiesen.

Bei Hamburg-Berlin genieße ich jeden einzelnen Kilometer. Obwohl ich die Alpen, große Pässe, Tirol und Italien noch viel lieber mag: Die Landschaft entlang von Elbe, Havel und selbst durch das "Death Valley" Brandenburgs bis Rhinow bietet interessante Einblicke.

Zunächst das Losfahren in absoluter Dunkelheit. Hamburg, später Geesthacht, dort über die Elbe. Dann wird es dunkel. Richtig dunkel. Wenn ich Glück habe (hatte ich 2012 bei einem "privaten" HHB-Trip), leuchten dann über mir fantastische Sterne. Stille in der Weite: Nur das Surren des Freilaufs, weitab vielleicht das Kreischen eines Vogels.
Dann den Sonnenaufgang erleben: Wann machen wir sowas noch? Wann haben wir Zeit und Muße, dem Zentralgestirn stundenlang beim Aufgehen zuzuschauen? Niemals. Bei HHB geht das umso besser: Generalkurs Süd-Ost, ich muss den Kopf nur leicht drehen, dann kann ich alle Stadien des neuen Tages beobachten.

In mir aufsaugen: Das zarte Rosa als erstes. Dann mehr Rot-Töne, die später ins Goldene übergehen. Wolkenfetzen in der Umgebung, die sich in allen warmen Tönen des Spektrums verfärben. Und dann der Moment, wenn Teile der Scheibe erstmals über den Horizont kommen. Geblendet sein. Wärme. Es ist so herrlich, so unbeschreiblich schön.

Die Elbauen, auf denen morgens noch der Nebel steht. Das Geschnatter tausender Zugvögel. Wiesen, so saftig, dass sie es mühelos mit den satt-grünen Almen der Alpen aufnehmen. Ein Binnenschiff, das sich mühevoll stomaufwärts mit mir kämpft.

Bis gestern wusste ich nicht, dass Raps auch noch im Oktober geerntet werden kann: So stelle ich mein Cervélo an einem dieser herrlich gelb leuchtenden, so eindringlich duftenden Felder ab und genieße die eindrucksvollen Kontraste. Schön, noch frisches Grün und Blüten sehen zu können - 2 Wochen vor November.



Raps blüht auch im Oktober - Frühlingsgefühle bei Hamburg-Berlin.

Wenig später die einzigen Berge der Strecke. Naja, nennen wir es: Hügelchen, im Vergleich zu dem, was ich sonst so fahre. Kurze Rampen, einige sogar zweistellig. Vor Bleckede dann die wohl nördlichste Serpentine Deutschlands.

Bis Wittenberge und weiter vor allem hinter Havelberg dann die Ebene. Viele Teilnehmer fluchen hier: Nur flach. Nur Felder und Weiden. Kaum Wald oder Bäume, die vor dem Wind Schutz bieten. Hier kann es langweilig, sogar schwer werden, wenn die Windrichtung falsch ist. Ich mag es hier trotzdem: Kaum Autos. Verschlafene Dörfchen. Landleben. Für Städteraugen ungewohnt und daher spannend. Autonummernschilder haben hier drei Buchstaben. Wir sind richtig tief in JWD.

Bis Rhinow muss man es aushalten. Dann, ziemlich genau an dem Berg, an dem Otto Lilienthal seine Gleitflüge unternommen hat, fangen die Wälder Brandenburgs an. Bis Nauen geht es dann immer mal wieder durch Kiefernwälder - vor allem an heißen, trockenen Tagen ein würziger Duft-Genuss.

Tja. Und dann schon Falkensee. Verkehr wird dichter. Nummernschilder haben jetzt nur noch einen Buchstaben: B. Es ist nicht mehr weit, und ich fahre in Spandau ein. 280 Kilometer - Zweihundertundachtzig Kilometer! Na klar, es gibt viele, die viel mehr fahren können. Aber noch massig mehr, die niemals in ihrem Leben diese Distanzen aus eigener Kraft schaffen. Schlimmer noch: Schaffen wollen. Nicht mal daran denken. Mich belächeln. Scherze machen.

Sie wissen gar nicht, was ihnen entgeht.


Leute treffen. Freunde finden - das Rennrad als Kommunikator.


Jede Sportart hat ihre Afficionados. Rennradler sind da nicht anders. Und so, wie man sich als Mensch ganz selbstverständlich zu Gruppen zusammenrottet, machen wir Radsportler das natürlich auch. Hamburg-Berlin allein hat mir so viele gute Bekannte, Freunde oder nennen wir es so - hat mir so viele Menschen in mein Leben gespült, die die gleiche Leidenschaft wie ich teilen, dass ich diese als absolute Bereicherung empfinde. Menschen, die ich sonst niemals hätte kennen lernen dürfen.


Eine Attraktion und Mittel, um Leute kennen zu lernen. Das Rennrad.
Kühe fliegen anscheinend auch auf das schnelle Gefährt aus Carbon.

Aus Bekanntschaften werden manchmal Freundschaften. Aus einmaligen Teilnahmen werden Rituale. Schlafplätze werden angeboten. Man verabredet sich, freut sich auf einander. Und auch, wenn man sich vielleicht nur dieses eine Mal im Jahr treffen mag: Die 280 Kilometer von Hamburg-Berlin schweißen zusammen. Und der Tag auf dem Rad bietet genug Stoff, genug Stunden voller Erlebnisse, die dann für die kommenden 12 Monate bis zur nächsten Teilnahme reichen.

Ich selbst habe noch den Bonus dieses Blogs: Es vergeht kaum ein Rennen, kaum ein Event, bei dem ich nicht von einem Leser angesprochen werde - Danke an Euch hierfür! Dieser schönste Sport der Welt hält mich also nicht nur gesund und fit. Er bringt mich auch nicht nur an spannende, wunderschöne Orte, er bringt mich vor allem zu anderen Menschen, zu Leuten, die auch Gesichten mitbringen. Das finde ich spannend.

Und natürlich: Das Rennrad bringt mich zu mir selbst. Auch wenn mal keine Menschen dabei sind, wie jetzt bei meinem privaten HHB, dann habe ich Zeit, nachzudenken, zu reflektieren. Nicht nur die Natur, sondern auch mich selbst zu erkunden.


Markanter Punkt: Das Fliegerdenkmal bei Stölln. Nun ist es wirklich
nicht mehr weit bis Berlin.

Das alles mag jetzt sehr philosophisch, ja ein bisschen übertrieben esoterisch klingen. Ist es vielleicht sogar auch. Aber es ist wahr - ich finde, dass kein anderer Sport so sehr (zumindest meine) Sehnsüchte nach Fitness, nach Technik, nach Spannung, nach Risiko, nach Erlebnissen und nach Naturgenuss befriedigt, wie diese 7 Kilogramm Carbon.

Leute, die darüber lächeln, die kann ich nur belächeln.


Rennrad und Essen - so viel man will. Ohne Reue.


Okay, sicher: Ich wiege keine 65 Kilogramm und brauche daher jede Kalorie, die ich bekommen kann. Aber unabhängig davon - jeder, der halbwegs intensiv das Rennrad bewegt, braucht massig Energie. Und die holen wir uns auch. Ohne jemals Reue zeigen zu müssen. 

Beim offiziellen Hamburg-Berlin stoppt man traditionell eigentlich nur zwei mal: Erstens in Dömitz bei Kilometer 100. Auf der Friedensbrücke, genauer gesagt etwas abseits davon an einem Parkplatz, hat der Veranstalter dann einen kleinen Checkpoint mit Verpflegung und (meist ganz ganz wichtig!) heißem Tee oder Kaffee aufgebaut. Das zweite mal steigt man dann in Rhinow vom Rad. Das ist dann nach rund 200 Kilometern. Hier gibt es einen Supermarkt, der sich alljährlich über 400 hungrige Rennradler freut.

Ich stoppe bei meinem kleinen Nachhol-HHB öfter. Um zu telefonieren. Um Fotos zu machen. Und auch um etwas zu essen. Mich hetzt heute keiner. Kein Windschatten, den ich mitnehmen muss. Ich stoppe nicht in Rhinow, dafür in Friesack. Vor einem Fleischer. Der hat kindskopfgroße Bouletten und einen richtig geilen handgebauten Kartoffelsalat.


Bei 280 Kilometern braucht der Körper Energie zum Verbrennen. Ich gebe sie ihm. Sehr gern.

Das schönste an der Sache aber ist, dass ich weiß, dass ich diese Portion schon in wenigen Stunden wieder verbrannt haben werde - und tatsächlich. In Berlin wird es zum Abend ein leckeres Lahmacun bei einem herzlichen Araber geben. 

Süßes (ich kenne nicht wenige Rennradler, die sich eine Packung Gummibären während der Rennen reinhelfen), Salziges (ich selbst freue mich bei Rennen immer über dicke Wurstscheiben oder, wie ganz oft bei italienischen Gran Fondos, über Schinken und andere Schweinereien) und natürlich die Klassiker Banane, Apfel & Co. Wir können tonnenweise davon futtern - und behalten trotzdem unsere Hammerfiguren.

Ein stets unerwähntes Thema, gegen dessen Tabuisierung ich hier gern eine Lanze breche: Der Sportlerfurz. Es sind die Isodrinks und vor allem die Gels, die unserem Verdauungssystem so zusetzen, dass wir meist schon nach wenigen Stunden Rennen, wohl aber noch einige quälende Stunden nach dem glücklichen Finish mit Blähungen gestraft werden, die jedes wiederkäuende Rind neidlos die Flecken erblassen ließen. Furchtbar! Wahrlich die Kehrseite des Radsports. Aber eine, die wir wohl ertragen müssen. Und vor allem die um uns herum.


Last  but not least, Orange ist mein Rosa. Oder: Rennräder machen einfach glücklich.


Zunächst einmal Danke an @Bemme51, bei dem ich mir den Orange-Rosa-Spruch ausgeborgt habe. Aber er trifft es ganz gut: Ich brauche keinen Alkohol, keinen fancy Industrie-Kribbel und auch keine anderen präfabrizierten Dinge (abgesehen natürlich von toll organisierten Rennen, wie diesem hier beispielsweise) - ich brauche nur das Rennrad, eine Straße. Das war es. Das reicht mir, um Glück zu erleben.


Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang: Die Welt durch orange gefärbte Gläser sehen.
Ein Traum!

Ich habe die sportliche Herausforderung. Ich habe den Naturgenuss. Ich erfahre Zeit und Raum. Ich entdecke Neues, auch dieses mal, da ich HHB zum mittlerweile fünften Mal gefahren bin. Das Gespräch mit der Bäckersfrau in Dömitz beim Pott Kaffee. Der Bauer auf dem Traktor, der mir irgendwas von "... Scheiß Gülle, oder?" zugerufen hat. Zwei Polizisten am Blitzgerät, die mir zunicken. Oder die beiden Tourenradler, denen ich mit dem GPS aus einer Navigations-Patsche helfen kann, die, als ich ihnen auf ihre Frage, woher ich käme und wohin ich denn fahren würde, einige Sekunden lang mit offenem Mund dastehen, später nur sagen: "Hamburg bis Berlin? Das ist unsere gesamte Urlaubswoche!"
Unbezahlbar.

Genauso unbezahlbar, wie der fantastische Sonnenuntergang, den ich - zurück in Hamburg am nächsten Tag - erleben darf. Meine Stadt, die mich begrüßt. In den tollsten Farben, die man als Sonne und Wolke gemeinsam in den Himmel tünchen kann.

Ich dusche lange. Und heiß. Dusche mir den Schweiß und den Dreck der 280 Kilometer ab. Denke die Strecke zurück: Das Ortseingangsschild, auf dem endlich "Berlin" steht, die endlosen flachen Kilometer bei diesem fiesen Seitenwind bis Nauen davor, das "Death Valley" Brandenburgs auf den 90-Grad-verwinkelten Landwirtschaftsstraßen, das blökende und muhende Vieh, das mir wie Zuschauermassen Spalier steht auf dem Trip, die majestätische Elbe bei Morgengrauen, Brunsbüttel AKW, nachts noch spookyier illuminiert und schließlich der Lichtdom, der Hamburg ist, wie er in der stockfinsteren Nacht hinter mir zurück bleibt. 
Zurück bis 3:15 Uhr. Als mein Wecker klingelt, ich vollkommen von Schlaf durchsetzt stöhne: 
Scheiße! 
Aufstehen! 
Aber dann: Yeah - Radfahren!


Rennradfahren - Natur erleben. Draußen sein. Herrlich!

Die Essenz. Alles, was mich am Rennrad fasziniert. Auf einer Strecke. Ich liebe Hamburg-Berlin über alles. Und deshalb muss es 2015 auch wieder sein. Dann hoffentlich als regulärer Starter im regulären Feld.

Ja, dieses Plädoyer für das Rennrad mag vielleicht etwas überengagiert, etwas kitschig und romantisch verklärt sein. Aber so ist es nun mal.


Was treibt Euch auf Eure Rennräder? Was hält Euch stundenlang am Treten und Malochen? Ich freue mich wie immer über Eure Kommentare.

Hamburg-Berlin 2014, als private Tour. Hier die Garmin-Daten.








Du suchst Berichte von einer bestimmten RTF, einem Rennen oder Gran Fondo? Ich bin nunmehr fast 30 dieser Events im Rahmen des German Cycling Cup, der UCI-World Cycling Tour und des italienischen Prestigio-Gran Fondo Cup gefahren. Einfach hier klicken: Vielleicht findest Du in meinen Listen genau das Rennen, für das Du Dich interessierst?

29. September 2014

Die Mecklenburger Seenrunde & ihre Macher: Lob und Kritik. En Interview zum Anmeldestart der MSR.

Schon Anfang des Jahres hatte ich mich auf die erste Ausgabe des Langstrecken Rad-Marathons Mecklenburger Seenrunde gefreut. Damals konnte ich in meinen Vorbericht, der vor allem die 322 Kilometer lange Strecke rund um die Mecklenburger Seenplatte vorgestellt hatte, die Macher des Events, Detlef Koepke und Rene Wasmund, für ein Interview gewinnen.


Detlef Koepke, Erfinder und Organisator der Mecklenburger Seenrunde,
bei der Eröffnungsveranstaltung der ersten Ausgabe 2014.

Das Rennen findet dann am 24. Mai statt. Ich erlebe einen perfekten Rennrad-Tag: Nicht nur das Wetter passt, sondern auch die Windrichtung (bei dieser Streckenlänge ein wichtiger Faktor). Aber auch Organisation, Verpflegung und andere die Fahrer im Peloton empfinde ich als gelungen und angenehm. 

Sicher, Kritik habe auch ich geäußert. Aber meine Punkte sind, was das Rennen und die Orga angeht, vergleichsweise minimal in Relation zu dem Umstand, dass dies die aller erste Ausgabe war. 

Warum müssen manche Leute die Dinge immer in den Dreck ziehen?


In den Tagen nach dem Rennen lese ich in einigen Blogs und Foren, teilweise aber auch in den Kommentaren zu meinem eigenen Rennbericht, viel harsche Kritik. Oftmals empfinde ich die als künstlich aufgebauscht oder unfair, oft frage ich mich auch, mit welch überzogenen Ansprüchen die Kritiker zu den Veranstaltungen fahren müssen. Das ganze dann noch vielleicht respektlos und gar beleidigend formuliert. Das mag vielleicht des Deutschen liebste Freizeitbeschäftigung sein, erst einmal und immer alles schlecht zu machen, ist aber nichtsdestotrotz ungerecht dem Enthusiasmus und dem ehrlichen Engagement der Organisatoren und der vielen Helfer gegenüber. Oder will man sich selbst damit als "harten Insider" profilieren?


Die MSR 2014 - Auch eine Fahrt durch die Nacht ist möglich.

Vor allem: Wozu das ganze? Sollte es nicht das Ziel einer Kritik sein, die Chance zu eröffnen, die als verbesserungswürdig empfundenen Dinge abzustellen? Sollte es nicht vielleicht in unserem Interesse als Radsportler sein, den Organisatoren mit sachlichen, analytischen Hinweisen zu helfen, besser zu werden? Und mal ehrlich: Hatten diese Leute denn ernsthaft erwartet, dass ein so riesiges Event bei seiner allerersten Ausgabe alles einhundertprozentig richtig macht? Machen sie denn immer alles richtig?

Dennoch interessiert mich, wie die MSR-Organisatoren mit der Kritik umgehen und deshalb freue ich mich, dass sich Detlef und Rene wieder bereit erklärt haben, mir noch einmal in einem Interview auch – und gerade – den kritischen Punkten gegenüber Rede und Antwort zu stehen.

Die Mecklenburger Seenrunde im Rückblick.


Lousy Legs: "Lieber Detlef. Bei unserem ersten Gespräch hattest Du mir Deine Ziele für die erste Ausgabe der MSR genannt. Damals waren Dir neben vielem vor allem Buchungs- und Teilnehmerzahlen wichtig. Habt Ihr Eure Ziele denn am Ende auch erreicht?"

Detlef Koepke: "Um weitere Ausgaben der Mecklenburger Seenrunde veranstalten zu können brauchen wir natürlich zuerst mal eine wirtschaftliche Grundlage – deshalb, und nicht, weil wir reich werden wollen, sind die Teilnehmerzahlen eine der wichtigsten Kenngrößen. Ich kann heute glücklicherweise sagen, dass wir unsere Ziele alle erreicht haben und in manchen Punkte diese sogar noch übertroffen. Wir hatten auf der langen Strecke fast ziemlich genau die angepeilten 2.000 Teilnehmer in der Zeitnahme. Das ist für dem Beginn eine schöne Zahl. 


Hohe Beteiligung der rennradfahrenden Damen: Glückwunsch, MSR!

Aber wirklich total positiv überrascht hat alle die unerwartet hohe Anzahl der Teilnehmerinnen auf der 90-km-Frauenrunde! Sensationelle 460 motivierte Damen haben mit ihrem Start die Mecklenburger Seenrunde auf Anhieb zum größten reinen Frauenrennen Deutschlands gemacht. Ich finde das deshalb so toll, weil wir von diesen Frauen durchweg positives Feedback zur Runde, dem Ansatz und der Durchführung bekommen haben."

Lousy Legs: "Das hätte ich auch nicht gedacht, herzlichen Glückwunsch! Und generell – wie zufrieden bist Du mit der ersten Ausgabe der MSR, jetzt, mit ein paar Monaten Abstand?"

Detlef Koepke: "Zunächst einmal weiß ich jetzt, dass ich damals, als ich die Idee zu diesem Rennen angefangen hatte, ernsthaft umzusetzen, eigentlich nichts wusste. Was alles bei der Realisierung eines solchen Großprojektes zu bewältigen ist, kann ich im Rückblick selbst nur mit einigem Staunen fassen. Deshalb bin ich sehr froh und auch wahnsinnig stolz auf unser ganzes Team, mit dem wir dieses Event gestemmt haben: Erst deren Engagement und Leistungen haben das alles erst möglich gemacht. 


Über 800 Helfer sind rund um die Uhr im Einsatz.
Und das bei 320 Kilometern Streckenlänge.

Immer wieder Wahnsinn, wenn ich mir vor Augen halte, dass über sich 800 Helfer engagiert haben, uns zu unterstützen. Auf drei Rennteilnehmer kommt also rein rechnerisch ein Helfer – ist das nicht faszinierend? Generell bin ich deshalb sehr zufrieden mit der MSR: Sicherlich haben wir an etlichen Stellen Verbesserungsbedarf. Von dem, was ich selbst erlebt habe und auch nach Erfassen und Auswerten allen Feedbacks kann ich eine sehr positive Gesamtbilanz ziehen."

Lousy Legs: "Du sprichst die Kritik an …"

Detlef Koepke: "... von der ich versichern kann, dass wir die total ernst nehmen! Von Anfang an haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir Feedback sammeln und nutzen könnten. Zudem: Du kannst mir glauben, dass ich selbst wohl der schärfste Kritiker bin. Schon während der Orgaphase, später bei der Umsetzung und auch an den Tagen des Rennens habe ich Kritikpunkte erfasst und gesammelt um sie später zu analysieren. Von den Kritiken der Teilnehmer ganz zu schweigen. Auch die werden zusammengetragen, teilweise durch aktive Befragungen, teilweise, weil wir die aus dem Internet vor allem – wie Deinem Bericht zum Beispiel – danach suchen. Das ist für mich das wichtigste gewesen, die Erfahrungen und Eindrücke aller zu nutzen, eine Lernkurve zu beschreiben."

Die Strecke der Mecklenburger Seenrunde: Das sagt der Chef.


Lousy Legs: "Lieber Rene. Auch von mir erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Eurer ersten MSR! Ich selbst fand die Strecke wundervoll, tolle Ein- und Ausblicke in die wunderbare Kulturlandschaft MeckPomms, dabei zugegeben auch viel anspruchsvoller, als ich das so zunächst erwartet hatte. Was sind denn Deine Lieblingsstellen der Strecke gewesen?"

Rene Wasmund: "Danke, Lars! Ich denke, bei der Strecke ist unser Konzept aufgegangen. Wir wollten nicht nur die Müritz und einige andere Seen der Seenplatte umrunden, sondern unterschiedlichste Aspekte der Mecklenburger Natur – verschiedene Wälder, Feld-Panoramen, die windreichen Gegenden und auch die teilweise fiesen Hügel – mit historischen Ortsdurchfahrten verbinden. 


Rene Wasmund, leidenschaftlicher Radsportler und Streckenchef der MSR.

Dabei hat mir bei der Streckensuche natürlich geholfen, dass vor allem die Mecklenburgische Schweiz das Trainingsrevier meiner täglichen Ausfahrten ist. Wenn Du mich nach den Lieblingsstellen fragst: Das ist und bleibt Lenz-Süd am Ufer des Plauer Sees, die Elde-Brücke und die Abschnitte zwischen Nossentiner Hütte bis Moltzow sowie zwischen Bredenfelde und Penzlin. Gerade hier bietet sich ein abwechslungsreiches Profil mit wirklich tollen Ausblicken auf die Mecklenburgische Seenplatte! Wenn dann noch alles in saftigen, frischen Farben blüht und in voller Pracht dasteht: Herz, was willst Du mehr?!"

Lousy Legs: "Vor allem, wenn dann noch ein derart königliches Wetter vorherrscht, wie wir hatten. Wie kam die Strecke denn bei den Teilnehmern an?"

Rene Wasmund: "Wenn ich das runterbreche, dann haben wir wirklich sehr positives Feedback bekommen. Das bestätigt meine Arbeit und die des Streckenteams, ist uns aber auch Ansporn, nun vor allem noch mehr Nicht-Mecklenburger zur MSR zu bekommen. Denn wir wollen die Schönheit unserer Region ja so weit wie möglich ins Bundesgebiet und gern auch ins Ausland tragen. Den Vättern-See kannten vor der Rundfahrt vielleicht einige Schweden-Insider und Angelfreunde. Jetzt ist durch diese Veranstaltung die dortige Region einfach in der Sportlerszene ein Riesenname. Das wäre für Mecklenburg-Vorpommern natürlich ebenso wünschenswert."

Labestation Burg Stargard: "Exotische" Ortskerne, etwas verwunschen, mittelalterlich. Oder
mitten im Wald. Oder an einem See-Ufer. Die Strecke der MSR bietet auch hier Abwechslung.

Lousy Legs: "Zur Strecke, neben viel Lob habe ich Euch allerdings auch zwei, drei Abschnitte ankreiden müssen, die ich dann doch sehr brutal fand, vor allem was die Untergrundbeschaffenheit angeht."

Rene Wasmund: "Da meinst Du die beiden Kopfsteinpflaster in Walow und Tressow. Wir haben uns die im Vorfeld ganz genau angesehen und ja auch darauf hingewiesen. Ich muss aber zugeben, dass uns die Kritik an diesen beiden Abschnitten sowie an einigen holperigen Asphalt-Passagen in ihrer Heftigkeit schon überrascht hat: Wir nehmen dies sehr ernst! Wir wissen, dass die Teilnehmer ja ihre privaten Rennmaschinen am Start und natürlich keinen unlimitierten Zugriff auf neue Laufräder haben. Wir planen jetzt schon, wie wir diese Abschnitte entschärfen oder gar eliminieren können. Was leider nicht sehr einfach ist, denn die Infrastruktur der Straßen in MV ist recht dünn. Wenn wir unsere Fahrer über möglichst einsame, schöne Straßen schicken wollen, kann dann ein Umfahren sehr weite Umwege bedeuten. Oder sogar eine weitere Verlagerung von Teilen der Strecke auf die mit dem Rennrad eher unschönen Bundesstraßen, was wir eigentlich weitestgehend vermeiden möchten. Aber Du hast natürlich vollkommen Recht: Die Sicherheit (vor allem die der Nachtfahrer) hat absoluten Vorrang!"

Ich würde immer lieber tagsüber fahren: Die Strecke ist viel zu schön,
als sie nur im Lichtkegel einer Radlampe zu erleben.

Lousy Legs: "Ein Vorschlag von mir, vielleicht verbessert Ihr bei diesen Abschnitten, wo es keine Umfahrungsmöglichkeiten gibt, die Beschilderung: Bei Gran Fondos in Italien ist mir das schon oft positiv aufgefallen. Die stellen da teilweise 3 Schilder, die das Feld schon bequem lange vor den Abschnitten herunterbremsen auf, ähnlich den Autobahn-Baustellen. Und weisen dann auch noch mal auf extra großen Schildern explizit auf grobes Pflaster hin unmittelbar vor der „Bedrohung“. Manchmal, bei besonders schweren Abschnitten, stehen da dann auch Helfer mit Pfeifen und Flaggen.

Nächste Frage: Ich persönlich hätte noch mehr „See“ bei der Mecklenburger Seenrunde haben können. Wird es denn weitere Änderungen an der Strecke für die MSR 2015 geben?"

Rene Wasmund: "Wir werden definitiv im Landkreis bleiben, es wird einige Änderungen und Anpassungen geben, aber keine revolutionären. Ich persönlich finde es allerdings durchaus auch spannend, vielleicht für spätere Ausgaben der MSR auch mal über eine komplett neue Runde nachzudenken. Gegen „mehr See“ hätte auch ich nichts und sicher ist das auch ein Punkt bei der Streckenoptimierung für 2015."

Also eine optimierte, aber bewährte Streckenführung in 2015 und vielleicht was ganz Neues in 2016? Ich fänd ja auch ein „Anschlagen“ an der Ostsee spannend: Denn so weit weg ist das Ufer der Ostsee auch nicht! Wie cool wäre das: Ein Depot auf einer der Seebrücken am Strand, dann mit starkem Küsten-Rückenwind wieder gen Sennplatte?

Wechselnde Streckenkonzepte halte ich für super attraktiv: Das ist ja auch, was den Münsterland Giro über die Jahre immer wieder „jung“ gehalten hat. Da es jedes Jahr eine vollkommen neue Strecke und damit immer einen anderen Giro gab, hatte eine Teilnahme an diesem Rennen im Prinzip immer den Charakter einer Erstteilnahme, was die hohen Teilnehmerzahlen erklären könnte. Freilich: Dass das organisatorisch hoch aufwändig ist beweist, dass der Münsterland Giro nun nur noch alle 2 Jahre seine Strecke wechselt.

Versorgungsengpässe und Speisen-Qualität: Die Kritik an der MSR.

Neben den angesprochenen Kopfsteinpflaster-Abschnitten der Strecke fand sich ein zweiter Kritikpunkt in vielen der Berichte, die ich über die Mecklenburger Seenrunde gelesen habe: Die Verpflegung. Bevor ich den beiden die Fragen hierzu stelle, möchte ich vorab meine Sicht der Dinge kurz einmal darstellen.


Verpflegung bei der MSR: Ich fand´s lecker.

Ich selbst hatte bei keinem der Depots zu keiner Zeit irgendwie das Gefühl, zu Wenig, zu Altes oder zu Kaltes zu bekommen: Perfekt, würde ich sagen. Ich kann also die teilweise schon recht drastischen Schilderungen einiger meiner Mitstreiter weder unterschreiben noch dementieren. Was ich jedoch definitiv für fragwürdig und unnötig übertrieben halte, sind solche Kommentare, die den Veranstaltern bewusste Täuschung unterstellen.

Ja, sicher, die Fotos, die in puncto Verpflegung auf der Website veröffentlicht worden sind, haben etwas anderes dargestellt, als am Ende draußen geliefert wurde. Aber ehrlich: Hatten die Leute denn wirklich erwartet, dass an den acht Verpflegungsstellen so reichhaltig und kulinarisch anspruchsvoll wie an einem Fünfsternebüffet eines all-inclusive Hotels der türkischen Riviera aufgetischt wird? Come on! Es ist doch ersichtlich, dass die Veranstalter Stockmaterial genutzt haben. Nutzen mussten – sie hatten ja noch kein eigenes Fotomaterial.


Hat zu viel Kritik geführt: Stockmaterial vom Büffet.
Das sollte es 2015 nicht mehr geben.

Alles in allem fand ich die Speisen überall außerordentlich lecker: Das frische Mecklenburger Landbrot zum Beispiel, die Kichererbsen-Suppe war mal was anderes und die Kartoffelsuppe zum Schluss einfach genial. Ich hake bei Detlef und Rene nach:

Lousy Legs: "Detlef, wie ist das Feedback und auch Eure eigenen Erfahrungen während der Veranstaltung im Hinblick auf die Verpflegungs-Thematik gewesen?"

Detlef Koepke: "Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich wirklich sehr beeindruckt war, wie viel und vor allem sachlich formuliertes und lösungsorientiertes Feedback wir bekommen haben. Das ist insofern erwähnenswert, als dass die wenigen wirklich krassen Kritiken wirklich nur die schrille Ausnahme sind. Wir haben die Hinweise der Teilnehmer, die der Helfer und auch unsere eigenen Beobachtungen gesammelt, katalogisiert und priorisiert: Meine Aufgabe ist es nun vor allem erst einmal, dass wir für die zweite MSR wieder mit einem starken Orga-Team am Start sind. Ohne das wird es nicht gehen. 


Toller Service: Massagen an jeder Labestation!

Was die Kritikpunkte angeht, so haben wir einige tiefgreifende Neuerungen parat: Für das ganze Thema Verpflegung und Logistik haben wir eine Expertin auf diesem Gebiet ins Team geholt. Sie – und die Unterstützung eines Catering-Experten für Veranstaltungen dieser Größe und Art – werden sicherstellen, dass wir bei der nächsten Ausgabe der Seenrunde alle Speisen und Getränke jederzeit pünktlich und in ausreichenden Mengen an die Verpflegungsstationen bekommen."

Lousy Legs: "Es geht also um die grundsätzliche Überarbeitung …"

Rene Wasmund: "... des gesamten Logistik-Konzeptes, genau. Das beginnt bei der Lagerung der Speisen und Getränke in den Tagen und Stunden vor dem Rennen, ebenso, wie die Optimierung von Transportwegen, Fragen der Kühlkette bei verderblichen Lebensmitteln, der Bereitstellung von Reservemengen und Reaktionszeiten und vieles mehr. Ich denke, wir haben da bei der ersten MSR wirklich schon vieles richtig gemacht – auch wenn ich natürlich auch offen ansprechen möchte, dass wir an einigen der Depots kurzzeitige Versorgungsengpässe hatten. Das war dann für die Teilnehmer, die darunter zu leiden hatten, natürlich sehr schlimm. Ich kann die Kritik und die Enttäuschung auch sehr gut nachvollziehen. 


Muss natürlich immer frisch & reichlich vorhanden sein: Verpflegung
ist bei einem Rennen mit +300 km das A und O.

Neben unserem neuen Konzept haben wir und auch beim großen Vorbild Schweden vieles abgeguckt. Auf Einladung unserer Partnerveranstaltung, der Vättern-Rundan, konnten wir dort in diesem Jahr komplett alles bis ins kleinste Detail vor Ort auch „von hinten“ anschauen und analysieren: Auch hieraus sind wertvolle Impulse entstanden, die Veranstaltung – und das in vielen Punkten, nicht nur beim Essen und Trinken – zu verbessern."

Detlef Koepke: "Um das ergänzend noch einmal ganz klar zu sagen: Wir stehen nach wie vor zu unserer Aussage, gerade auch im Bereich der Verpflegung, ein Premium-Radamarathon sein zu wollen. Daran wollen wir uns auch weiterhin messen lassen. Wir wollen mit der Mecklenburger Seenrunde hierbei einen europäischen Maßstab setzen."

Lousy Legs: "Welche Impulse konntet Ihr neben der Essen/Trinken-Tematik noch aus Mottala mitbringen?"


Wird in 2015 noch besser ablaufen: Die Startnummernausgabe.

Detlef Koepke: "Einiges! Ohne jetzt Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, sind das Themen wie Ausgabe der Startunterlagen, Beschilderung des Veranstaltungsgeländes, die gesamte Logistik hatten wir schon erwähnt. Hierbei ist unter anderem auch Verbesserungspotenzial bei der Verpflegung der eigenen Helfer entdeckt worden – es gibt hier eine ganze Menge kleiner und größerer Neuerungen, die in ihrer Summe die Gesamtveranstaltung weiter nach vorn bringen werden. Oft sind das nur Details, ihre Summe aber macht dann einen durchaus großen Unterschied."

Vorbild Vättern-Rundfahrt: Das sagt die Partner-Veranstaltung zur MSR.


Ich kann per E-Mail ein paar Fragen an Dennis Johannsson schicken, die er mir freundlicherweise auch beantwortet. Dennis ist Teil des Organisations-Kommittees der Vättern-Rundfahrt und seines Zeichens als Polizeiinspektor für die Streckensicherheit verantwortlich. Er ist die Mecklenburger Seenrunde mitgefahren und ich bin gespannt, was er zu sagen hat.

Lousy Legs: "Dennis, erst einmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, meine Fragen zu beantworten. Wie ist Dein Eindruck von der MSR im Vergleich zur Vättern-Rundfahrt: Gibt es Gemeinsamkeiten? Was sind die Unterschiede?"

Dennis Johannsson: "Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen den Rennen: Zum Einen natürlich die Distanz von 300 (und mehr) Kilometern, zum Anderen die tolle Natur mit dem See (oder den vielen Seen bei der MSR). Dann wäre da noch die Region: Mottala und Neubrandenburg sind zwei schöne Städte, aber in einer Region mit viel Arbeitslosigkeit. Die Rennen sind da große Chancen, die Regionen für Touristen bekannter zu machen und Touristen - und damit Arbeit - in die Städte zu bringen. Der nächste Punkt, wenn man das Rennen selbst betrachtet, ist auch spannend: Die Vättern-Rundan ist damals mit ähnlichen Teilnehmerzahlen gestartet und hat sich in den Jahren zu einem regelrechten Klassiker mit vielen tausend Teilnehmern entwickelt. Dieses Potenzial sehe ich bei der MSR auf jeden Fall auch."


Kult-Potenzial? Wenn die Anwohner und Kommunen ebenso
mitziehen, wie in Schweden, vielleicht!

Lousy Legs: "Wie beurteilst du die erste Ausgabe der MSR?"

Dennis Johannsson: "Ich finde, es war ein sehr gelungener Start. Man spürt überall, dass sich alle viel Mühe gegeben haben. Dennoch ist viel Potenzial für Verbesserungen, vor allem bei den Ortsdurchfahrten mit den Pflaster-Abschnitten. Aus Sicherheits-Aspekten würde ich diese komplett vermeiden: Die Teilnehmer versuchen, auf die Gehwege auszuweichen, was nicht nur die Teilnehmer selbst sondern auch Zuschauer gefährdet. Ich denke, die MSR hat wirklich Riesenpotenzial, das sie nutzen sollte. Dabei sollte es das Ziel sein, langsam zu wachsen und von Ausgabe zu Ausgabe besser zu werden - das ist eine gesunde Entwicklung die zum Erfolg führen wird."

Lousy Legs: "Dennis, abschließend: Würdest Du Deinen schwedischen Sportskollegen empfehlen, bei der Mecklenburger Seenrunde zu starten?"

Dennis Johannsson: (Er schreibt dies mit Smileys) "Ich würde es keinem empfehlen, denn das würde unserer eigenen Veranstaltung eine Menge Teilnehmer kosten. Nein, im Ernst, es wäre super, wenn mehr Vättern-Veteranen auch die MSR besuchen - und umgekehrt - denn das würde beiden Events gut tun, denke ich." 

Bei meinem (bisher) längsten Einsatz auf dem Rennrad – persönliche Eindrücke.


Ich hatte bis zu dem Tag des Rennens selbst erst maximal 300 Kilometer auf meinem Rennrad gesessen – beim Granfondo Milano-Sanremo. Diesen Rekord auf 322 Kilometer zu erweitern war für mich schon ein ganz schön emotionales Erlebnis. Ich möchte wissen, durch welche psychischen  Wechselbäder die Beiden während der Veranstaltung gegangen sind:

Rene Wasmund: "Ich war natürlich total aufgeregt, was sich aber etwas gelegt hatte, nachdem wir endlich das Rennen gestartet hatten. Der Stress während der Veranstaltung hat auch viele Emotionen gar nicht erst aufkommen lassen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich selbst in den Momenten am glücklichsten berührt war, als ich in diese total glücklichen Gesichter der Finisher blicken konnte. Das war schon etwas ganz besonderes. Diese Perspektive kannte ich noch gar nicht. Dies immer und immer wieder im Zielbereich erleben zu können hat mich dann auch für den ganzen Stress in den kritischen Phasen der Vorbereitung und des Rennens mehr als entschädigt."

Detlef Koepke: "Ich war zwar riesig gespannt voller Vorfreude, als es endlich losging, konnte aber auch während des Rennens kaum mal loslassen und genießen. Ich war selbst während des Rennens auf der gesamten Strecke unterwegs – Tag und Nacht – um mir persönlich ein Bild zu machen. Habe nicht geschlafen und war dementsprechend am nächsten Tag und die Tage nachdem die Anspannung des Rennens vorbei war, wirklich leer gesaugt. Erst ein, zwei Wochen nach der Sennrunde habe ich gemerkt, was das für eine große Belastung war. Am meisten war auch ich dann von der Stimmung im Zielbereich beeindruckt, das war wie Weihnachten: Die ganzen glücklichen Gesichter, die tollen Mädels bei der Medaillienausgabe, die Anteilnahme der vielen Zuschauer … und berührend auch, wie viele spontan zu mir gekommen sind und uns zum unbedingten Weitermachen ermutigt haben."

Super Wetter, super Angebot, super Location = Supervent.
Wird das 2015 ebenso? Besser?

Lousy Legs: "Was sind Eure Wünsche für die Mecklenburger Seenrunde 2015?"

Rene Wasmund: "Zu aller erst wünsche ich mir ganz eigennützig, dass mir meine Familie den hohen zeitlichen Aufwand, den ich für die MSR fahren muss, nicht allzu übel nimmt. Ich wünsche mir dann natürlich, dass wir noch mehr Teilnehmer im schönen Neubrandenburg werden begrüßen können, uns der Wettergott ein zweites Mal so wohlgesonnen sei, dass unsere Veränderungen greifen und wir eine noch bessere Veranstaltung auf die Beine bekommen und vor allem, dass ich wieder so ein tolles, engagiertes Team für die Streckenabsicherung zusammen stellen kann."

Detlef Koepke: "Ich wünsche mir, dass die tolle Arbeit, die wir 2014 abgeliefert haben, vor allem die vielen Gespräche im Landkreis und das Vertrauen, das wir bei allen Beteiligten aufbauen konnten, auch 2015 zu einer tollen, vielleicht noch tolleren Veranstaltung führen wird. Ich wünsche mir, dass wir auch nach der zweiten Auflage wieder das Signal von allen Seiten bekommen werden: Gern wieder!"

Lieber Detlef, lieber Rene – Danke für Eure Zeit und die bereitwillige Beantwortung meiner Fragen. Danke auch an Dennis Johannsson von der Vättern-Rundan.


Bringt 2015 eine gesteigerte Teilnehmeranzahl?

Ich hoffe, dass ich mit diesem Interview nicht nur mithelfen kann, die Kunde von der Mecklenburger Seenrunde als eine wirklich erlebenswerte Veranstaltung zu verbreiten, ich hoffe auch, dass Ihr in 2015 noch mehr Teilnehmer und vor allem noch zufriedenere Teilnehmer haben werdet. Ich denke, von dem, was ich gesehen und miterlebt habe aber auch von dem, was Ihr mir hier erzählt habt, seid Ihr da definitiv auf einem guten Weg. Ich bin gespannt!

Ich jedenfalls freue mich sehr auf 2015. Mir hat es in Neubrandenburg so gut gefallen, dass ich dieses Mal sicher mit meiner Familie anreisen und noch ein, zwei Tage auf „der Platte“ dran hängen werde. Ich freue mich schon jetzt wieder auf die 322 harten, abwechslungsreichen, leckeren und vor allem spannende Kilometer rund um die wunderschönen Seen dieser einzigartigen Kulturlandschaft. 

Wir sehen uns 2015.

Hier könnt Ihr Euch für die MSR 2015 anmelden.






Bildnachweis: Soweit nicht anders gekennzeichnet werden die Bilder mit freundlicher Genehmigung vom Fotograf Florian Selig (www.florianselig.com) verwendet.





Du suchst Berichte von einer bestimmten RTF, einem Rennen oder Gran Fondo? Ich bin nunmehr fast 30 dieser Events im Rahmen des German Cycling Cup, der UCI-World Cycling Tour und des italienischen Prestigio-Gran Fondo Cup gefahren. Einfach hier klicken: Vielleicht findest Du in meinen Listen genau das Rennen, für das Du Dich interessierst?

24. September 2014

Bericht vom Endura Alpentraum 2014 - ohne Trainingsplan. Ohne Training. Ohne Plan.

„Wieder nicht komplett geschafft“, muss ich am Telefon meiner Herzdame durchgeben. Auch die Tweets am Abend im Hotel hätte ich mir anders vorgestellt. Weder nur 222 km bei 4.500 Höhenmetern. Wie 2013. Und wie 2013 wieder nicht ab Laatsch in Richtung Umbrail-Pass abgebogen, sondern in Richtung Stelvio über Prad nach Sulden. Direkt ins Ziel. Ohne den Ritterschlag des Umbrail. Ich bin ziemlich genau 11 Stunden unterwegs, als ich kurz nach 18 Uhr den 12 Kilometer langen, extraschweren Endanstieg bewältige und einfach nur froh bin, als es durch den Zielbogen geht.

Endura Alpentraum – Der härteste Radmarathon in meinem Rennkalender.


Meine Rennrad-Saison 2014 ist, um es etwas milde auszudrücken, eine sehr schwierige gewesen. Noch Ende 2012 arbeite ich bis in den Frühling hinein mit meinen Teamkollegen an einem Konzept – organisatorisch wie sportlich – um 2015 das Race Across America (RAAM) im 2er-Team zu fahren. Als das dann endlich steht, springt uns mitten im angelaufenen Training der langjährige Sponsor ab: Wir stehen von einem Tag auf den anderen komplett ohne Finanzierung da. Nach dem Tief folgt der Kampf: Wochenlang sieht es so aus, als könnten wir zumindest zu großen Teilen das Budget mit anderen Sponsoren auffüllen, das RAAM-Projekt durchziehen. Letztlich gelingt uns das aber nicht. Auch deshalb nicht, weil sich zu allem Unglück die Produktion des zweiten Teils unserer Rennrad-Doku „Punchline“ über unsere Teilnahme am Race Across the Alps 2013 verzögert – und anscheinend mittlerweile irgendwie komplett still steht.

Das Glück meint es aber gut mit uns, denn mit DuraCase gewinnen wir schließlich gegen Mitte des Jahres doch noch einen Partner. Das dann allerdings in einem Rahmen, der nicht einmal ansatzweise das RAAM-Budget deckt. Doch immerhin: Eine kleine Rennsaison sollte drin sein. Vier Rennen. So kann ich für Teamkollege Heiko und mich immerhin die klangvollsten Namen der Alpen-Rennen zusammenstellen: Die Tour du Mont Blanc in Frankreich, das Alpenbrevet in der Schweiz, den Ötztaler Radmarathon in Österreich sowie eben jenen Alpen-Traum ab Sonthofen, Deutschland.
Ende August startet dann also meine Saison, zu einem Zeitpunkt, wo man schon tausende Trainings- und Rennkilometer abgespult haben sollte. Zu wenig Zeit für mich, um noch effektiv zu trainieren. Ein Crash-Trainingsplan mit 5 Wochenenden und immerhin insgesamt 15.000 Höhenmetern soll das schlimmste verhindern. Tut er auch. Kann aber natürlich kein wirkliches Radsport-Training ersetzen.

Meine Radsport-Saison 2014: Meist verregnet. Sportliche Ergebnisse ähnlich durchwachsen.

Dass zuhause ein frisch geborenes Kind und eine bis an die Grenze belastete Mutter vom Vater Engagement erwarten (und dies natürlich mehr als gerne bekommen), wirkt sich selbstverständlich auch nicht positiv auf die sportliche Vorbereitung aus.

Kurz: Ich gehe in diesen Alpentraum mit irgendwas um die 2.700 Kilometer und 28.000 Höhenmeter. Jahresleistung. Bei Heiko, dessen frisches Kind nur einige Monate Vorsprung zu dem meinem hat, sieht es ähnlich düster aus. Dass das (viel) zu wenig ist, ist uns natürlich von Anfang an bewusst. Unsere Leistungen beim Alpenbrevet (von der Platin-Runde in Gold „gefallen“) und mein Abschneiden beim Ötztaler Radmarathon 2 Wochen vor Alpen-Traum (+60 min im Vergleich zu 2012) lassen deshalb für den Endura Alpentraum zumindest keine Spitzenzeiten erwarten.

Die Alpentraum Strecke – Start in Sonthofen, Ziel im italienischen Sulden. Meine Erfahrungen aus 2013.


Dennoch bin ich auch gespannt. Sprechen Heiko und ich immer etwas scherzhaft von der NOT-Trainingsmethode, die wir anwenden (also: kein Training, dafür viel Zeit für andere Dinge), hat das ganze doch für mich in 2014 einen gewissen Experimentalcharakter: Was kann ich mit meiner – ja durchaus vorhandenen – Grundfitniss und minimalster Vorbereitung bei solchen harten Radmarathons erreichen? Also: Ist ein Alpen-Radmarathon auch ohne Training zu schaffen?


Vortag des Alpen-Traum 2014 in Sonthofen: alt. Regnerisch. Super Aussichten.

Den Endura Alpentraum mochte ich schon, als das Rennen Mitte 2013 in der Roadbike angekündigt worden ist: 252 Kilometer mit 6.070 Höhenmetern auf 6 Pässen. Darunter 4 mir bis dato völlig unbekannte Berge: Oberjoch, Gaichtpass, Hahntennjoch und die lustig klingende Pillerhöhe. Von denen werden mir allerdings besagte Ohren noch schlackern.
Der Reschenpass via Norbertshöhe nach Nauders ist mir seit meiner Teilnahme am Dreiländergiro 2012 ein Begriff, den Umbrail kenne ich zumindest als Abfahrt von ebenjenem Rennen. Den Stelvio – auch in anderer Richtung – werde ich 2014 dann zum vierten Mal befahren.
Klingt machbar? Ja klar! Angemeldet und ab geht die Post!

Die „Post“ kommt dann 2013 aber ganz schön ins Straucheln. Zwar fahre ich für meine Verhältnisse sehr stark, komme auch bequem mehr als eine Stunde vor dem Zeitlimit in Laatsch (eine organisatorische Schlüsselstelle) an, bin aber dermaßen „gekocht“, dass ich mich spontan dazu entscheide, mich nicht über den Umbrail-Pass zu prügeln, sondern via Prad einen Teil des Stelvio-Anstiegs zu machen, um dann bei Gomagoi wieder die Originalstrecke zu machen.
Halbtot kämpfe ich mich die elend langen, nicht enden wollenden 12 Kilometer bis unter den Ortler hoch, kann nur dicke Backen im Ziel machen und unter Krämpfen vom Rennrad fallen: Ab geht die Post? Bei diesem Rennen hier und heute für mich sicher nicht!

Hole ich mir 2014 zwar auch: Doch das Trikot bekommen nur "echte" Finisher.

Es ist die Kombination aus den – für mich vollkommen ungewohnten – sehr steilen Pässen Hahntennjoch und vor allem Pillerhöhe mit den 3 „Flachstücken“ zwischen den Bergen, die mich fertig macht. So richtig fertig macht. Tendenziell gehen die nämlich stetig bergauf, immer wieder gespickt mit kleinen, fiesen Wellen. Gegenwind und irre hohes Tempo ziehen zusätzlich Körner. Nichtsahnend ob dieser Hindernisse kann ich mich zwar ganz gut behaupten – muss aber in Nauders und auf dem Weg den Reschenpass hinab nach Laatsch schließlich erkennen, dass mich dieses Rennen gebrochen hat. Umbrail? Noch einmal 1.600 Höhenmeter extra? Waren 2013 nicht drin.

Nun, sagen wir so – wären vielleicht drin gewesen, wenn ich mental die Stärke besessen hätte, mich aus dem Tief hinaus zu motivieren. Ich verpasse dieses Fenster. Bin hinterher auch eine Weile todunglücklich darüber, nicht die komplette Strecke gemacht zu haben. Und nun? 2014 wieder dasselbe? Sagen wir so: Nicht ganz.

Start zum Alpentraum in Sonthofen. Wieder einmal: Wetterdesaster.


Heiko und ich reisen per Mietwagen ins schöne Allgäu an. Wir fahren Samstag um 2:30 Uhr in der Frühe in Hamburg los und erreichen Bad Hindelang – kurz bevor der Anstieg des Oberjochs beginnt – gegen 9 Uhr. Eigentlich wollen wir noch eine kleine Trainingsrunde drehen, aber es schüttet wie aus Kübeln. Auch der eilig beschlossene ersatzweise Auto-Ausflug zum nahe gelegenen Schloss Neuschwanstein kann darüber nicht hinwegtrösten. Zudem sehen die Wettervorhersagen ziemlich bescheiden aus.
Vor dem Fenster unseres Hotelzimmers zieht es Wasserfäden. Ich mag das Fenster gar nicht öffnen: Das Pladdergeräusch macht mich fertig. Im Internet surfe ich die Wetterseiten schon gar nicht mehr an. Auf Twitter tweeten sie die neuesten Schreckensmeldungen durch. Regen. Schon wieder ein Regenrennen? Bleibt uns denn 2014 nichts erspart? Kann es nicht einfach mal nur 18, 19 Grad haben, die Sonne scheinen und gut?

Rennrad und Klamotten sind bereit: Regenausrüstung inklusive.

Bei der Tour du Mont Blanc, die ich 2014 als erstes gefahren bin, muss ich mehr als 9 Stunden im Dauerregen fahren. Da geht es jedoch noch halbwegs mit den Temperaturen. Beim Alpenbrevet kommt dann die Nässe zur Abwechslung mal aus dem Nebel – und Kälte in den Abfahrten dazu. Ekelhaft. Beim Ötztaler Radmarathon kann ich von Glück sagen, nur die letzten Stunden über das Timmelsjoch nass geworden zu sein – die Vorhersage hatte früher einsetzende Nässe vorausgesagt.

Und nun beim Alpen-Traum also schon wieder Regen?



Fahrerbriefing beim Alpen-Traum. Sicherheit steht an Nummer 1.


Wir sitzen beim Fahrerbriefing am Vorabend, schaufeln lustlus Pasta in uns hinein, während vorn der Streckenchef die neuesten Wetterinfos gibt. Und dabei legt er auch noch einen speziellen Humor an den Tag: „Ich war grad auf´m Hahntennjoch. Ihr kennt das, wenn beim Auto dann so die Frost-Warnleuchte an geht … es war … frisch da oben.“ 
Und wenig später etwas ernster: „Im Ernst: Zieht Euch richtig gut warm an! Es wird sehr kalt da oben sein, 0 Grad, 1 Grad. Dazu die Nässe! Vergesst bitte nicht, die Abfahrt vom Hahntennjoch ist sehr steil und extrem gefährlich!“ 
Oh ja! Ich erinnere meine erste Abfahrt 2013 hier. Es war scheißekalt! Kurz vor mir war eine Teilnehmerin fast ungebremst in einen Traktor geknallt – ich sehe den Helikopter noch gen Innsbruck abfliegen. Horror! Die Abfahrt ist richtig schnell, hat einige sehr, sehr enge Kurven. Links geht es ohne Begrenzung hundert Meter steil einen Geröllhang bergab. Weiter unten zwingen enge Haarnadelkurven mit aufgerillter Asphaltfläche zu komplizierten Bremsmanövern.

Erstes Zwischenstück: Im Monsun zum Hahntennjoch.


Als ich kurz vor dem "Gipfel" des Oberjochs bin, erliege ich einer optischen Täuschung: Etwa 100 Meter vor mir, in einer Gruppe aus 5 bis 10 Mann, sehe ich Heiko fahren. Sehr hoher Gang, ruhiger Tritt. Bergan, wohlgemerkt. Sie entfernen sich. Ich kann es nicht fassen! Hatten wir nicht noch vor 45 Minuten am Start ausgemacht, zusammen zu fahren? Okay, wenn er schneller ist, dann soll es so sein, aber dann kann man sich doch wenigstens abmelden?!? Ich bin stinkwütend: Erster Berg, schon macht der hier Spirenzchen ... und gebe notgedrungen Gas.


Motiviert. Aber zweifelnd am Start: Wird das heute wieder ein Regendesaster?

In der Oberjoch-Abfahrt und bis in den kleinen Anstieg zum Gaichtpass kann ich mich heran arbeiten. Sauer bin ich! Es regnet Fäden, zudem setzt sich in einem mehr als gewagten Manöver der Truck mit unseren Gepäckstücken auf dem Weg nach Sulden zwischen mich und die Gruppe: Abfahrt erschwert! Mir steht die Gischt auf der Brille, ich kann kaum etwas sehen. Der LKW ist auf den geraden Passagen natürlich schneller. Doch in den Kurven kann ich mich heranbremsen - überholen vorerst aber unmöglich. Zu glatt, zu nass, zu unübersichtlich das Ganze. Und dann Heiko da vorn - entfernt sich die Gruppe etwa wieder?

In einem kleinen Ort, der LKW muss durch eine Art Stadttor oder Torbogen - kann ich mich zwischen ihm und den Steinpfeilern auf der Gegenspur hindurchzwängen: "Jetzt aber!", ich trete rein, schließe auch auf. Uuups, denke ich, als ich endlich atemlos in der Gruppe ankomme. Das ist gar nicht Heiko! Nur eine Bib mit ähnlicher Farbgebung wie die von unserem Sponsor DuraCase. Verdammt! Durch die Fog-Gläser (orange) meiner Radbrille verdrehen sich die farben aber auch ... Naja. Jetzt bin ich der, der unnötig Gas gegeben hat!

Aber was nun? Warten? Ich wäge ab: Regen. Kälte. Dazu eine etwa 25 km lange Strecke bis zum Hahntennjoch. Gegenwind, leicht aber vorhanden. Nee, ich bleibe in dieser Gruppe. Ich werde im Hahntenn auf ihn warten.
"Hey Lars!", tönt es von hinten. Ich drehe mich um: Es ist Gregor. Gut gelaunt, aber ebenso durchnässt wie ich schließt er zu mir auf. Wir fahren neben einander, eigentlich die ganze Strecke bis zum Hahntennjoch. Wir unterhalten uns, beschnacken die Wetter- und Klamottensituation. "Hast Du keine langen Handschuhe mit?", fragt er mich. Na klar habe ich die, aber so kalt es hier auch sein mag, die sind schön trocken hinten im Road One verstaut: Wenn tatsächlich auf dem dem Hahntennjoch Minusgrade herrschen sollten, dann will ich mit trockenen Handschuhen in diese Horrorabfahrt gehen!


Pünktlich zum Start fängt es schön an zu regnen.

Vorn im Wind kurvelt ein Extracooler. Freihändig. Ist seit 5 Kilometern dabei, seine Klamotten zu wechseln. Windjacke aus. Huch, Rechtskurve. Langarmtrikot aus. Regenjacke an. Handschuhe aus. Heißa, Linkskurve. Kurze Handschuhe an. Helm ab. Mütze ab. Cap auf. Helm auf. Ah, trinken. Bergauf - na, schalten geht grad nicht. Dann halt so reingetreten. Einen Riegel von hinten hervor gefummelt. Aufmachen - mit beiden Händen natürlich. Essen. Ui, nun hat er mal eine Hand am Lenker. Jetzt noch die Schuhe nachstellen ... ach, Poser. Ich seufze.
Ich mag diese "coolen" Typen nicht. So toll sie vielleicht auch ihre Rennräder beherrschen mögen: Bei Regen und Nässe, bei Windböen und unseren halbwegs hohen Geschwindigkeiten, noch dazu an der Spitze des Feldes, wo einem nur wenige Zentimeter ein ganzes Rudel folgt, sollte man beide Hände am Lenker haben. Aber unser Freizeit-Cipollini hat es halt drauf. "Ob der das Hahntennjoch auch freihändig fährt?", fragt Gregor. Ich kann nur meinen Kopf schütteln.

Der Regen lässt langsam nach. Je weiter wir durch das Tannheimer Tal kommen, desto mehr reißt über uns immer wieder die Wolkendecke auf. Kleine blaue Inseln - immer wieder durchzogen von Hochnebelfeldern - aus Blau und - da! - auch mal hin und wieder ein Sonnenstrahl kündigen besseres Wetter an. Hoffen wir.
Wenig später hört der Regen ganz auf. Es ist nur noch die Gischt der Vordermänner, die uns die Gesichter nass spritzt, sowie unserer Vorderreifen, die eiskalt gegen die völlig durchnässten Beinlinge knallt - in meinen Schuhen steht der Eistee aus Straßenwasser. Ich friere wie Espenlaub. Freue mich umso mehr auf den Anstieg, der gleich kommen sollte.


Abfahrt vom Oberjoch: Eine Stunde unterwegs. Komplett durchnässt.

"Da bist Du ja!", knallt Heiko von hinten heran. Ist er sauer? "Mmh, ja. Sorry, ich dachte, Du wärst der da vorn ...", meine ich entschuldigend und deute auf Heikos Widergänger. "Lars.", sagt er mit ruhiger Stimme: "Ich habe eine weiße Regenjacke an. Einen silbernen Helm. Der Typ da ist komplett in Schwarz!"
Ja, jetzt sehe ich das auch. "Na, dann liegen wir jetzt wenigstens ganz gut in der Zeit ...", versuche ich, die Situation zu retten. Gottseidank kommt dann jetzt auch schon das Hahntennjoch in Sicht. Ich kann das Thema wechseln.

Gregor sehe ich nach dem Hahntenn in der Labe Imst das letzte mal wieder. Er wird den Alpen-Traum komplett nach 13:03 Stunden finishen. Herzlichen Glückwunsch!

Gefährliche Abfahrt – Hahntennjoch bis Imst & Wiedergeburt.


Das Hahntennjoch mag ich. Es ist ein mir bis 2013 unbekannter Anstieg. Umso mehr freue ich mich, dass dieser auch gleich eine so harte Sau ist. Schon, als wir die erste kleine Rampe hinauffahrend, den Blick auf das, was da nach der aller ersten Harrnadelkurve auf uns zu kommt, erhaschen, muss ich grinsen: Fast senkrecht scheint die etwa 2.000 m lange Rampe in die Felswand gefräst zu sein. Und es geht gleich richtig schön steil!
9 bis 10% durchgängig. Das Feld wird schnell langsam. Ich drücke mir mein zweites Gel des Tages rein, Berggang und erstmal rechts ran. Ich gehe das langsam an. Immerhin 16 Kilometer ist dieser Anstieg lang.

Wir fahren neben einander. Werden von Massen an Rennradlern überholt. Auch der Freihändige ist schon längst vorbei. Ich sehe immer mehr überholen. Noch denke ich mir nichts dabei: Bei jedem Bergrennen ist am ersten Pass die Hölle los. Wie beim Ötztaler Radmarathon - einige von denen, die hier jetzt die Beine wirbeln lassen, prophezeie ich, werde ich beim letzten Anstieg schieben sehen. Wir ahnen noch nicht, dass es heute eher unsere Beine sind, die wirklich langsam kurbeln.


Im Anstieg zum Hahntennjoch: Zur Steilheit kommt Nebel. Zum Nebel die Kälte.

Das Hahntennjoch besteht aus drei Abschnitten. Der Erste - sehr hart und steil zu fahren - ist etwa 5 Kilometer lang. Er ist durchgängig steil und bietet vor allem auf den ersten paar Kilometern wirklich spektakuläre Ausblicke ins Tannheimer Tal. Dann erinnert er mehr an die unteren Teile des Stelvio ab Prato allo Stelvio - Wald, eine tiefe Schlucht und ein rauschender Bergbach.
Dann folgt der flachere Teil, der zum Ballern einlädt. Mit moderater Steigung kann man schon ein, zwei Gänge mehr drauflegen und 15 bis 18 km/h treten. Etwa 8 Kilometer dauert dieser Spaß, wobei die Strecke dabei immer mehr abflacht. Zum Schluss legt man dann die Kette auf das Große und kann richtig abgehen. Feeling wie am Brenner-Pass. Aufpassen! Nicht alles rausknallen, denn abrupt muss man etwa 13 Kilometer nach Beginn des Passes eine scharfe Linkskurve nehmen: Hier geht der Tanz los!

Die letzten 3, 4 Kilometer werden dann noch mal richtig hart. Davon sind vor allem die ersten 2 einfach nur Scheiße! Die Steigung wird permanent zweistellig und die Rampen richtig fies. Bei uns kommt hier noch erschwerend hinzu, dass wir mitten in eine Herde aus 200 einjährigen Jungtieren (Kühe und Bullen) geraten, die ausgerechnet heute ihren Almabtrieb haben. "Die Rindviecher habe ich lieber bergauf", sage ich einem Teilnehmer neben mir, dem das alles nicht geheuer ist. Dabei habe ich natürlich meinen Beinahe-Crash mit einer Kuh in der nebeligen Timmelsjoch-Abfahrt beim Ötztaler vor 2 Wochen im Sinn. Und nicht zuletzt den schweren Unfall eines Teilnehmers, der im Kühtai auf der Abfahrt in ein Pferd geknallt war.
Die Tiere sind ruhig, stoisch. Jederzeit berechenbar. Süße Viecher, die uns mit ihren großen Augen anstarren.

In einer Rampe steht ein Streckensicherungsfahrzeug inmitten von 20 Tieren. Es wartet, bis die vorbei sind. Direkt vor mir ein Teilnehmer, der sich am Kofferraum des Fahrzeuges ausklinkt und anscheinend ebenfalls warten will. Als ich direkt neben ihm bin - er sieht mich anscheinend nicht - schiebt er auf einmal an, klickt ein und fährt mir fast in die Seite: Ich kann mir nicht anders helfen, als plötzlich nach rechts zu ziehen. Und fahre in eine Kuh. 
Ich kippe um ... und lehne für einen Augenblick lang am warmen Fell des Nutztieres. Das wiederum zuckt kurz. Geistesgegenwärtig kann ich mich mit einem Ellenbogen abstützen und so wieder aufrichten. Da ich vor Schreck einen Wadenkrampf habe, tut das Anfahren sehr weh - aber immerhhin, ich rette die Situation.
Als mich das Sicherungsfahrzeug wenig später überholt, zeigt mir der Beifahrer "Daumen hoch."

Leider fängt kurz vor dem Gipfel der Regen wieder an. Leicht zwar nur: Stärkerer Niesel, der aus dem dichten Nebel diffundiert, würde ich sagen, aber nervig genug, um dunkle Vorahnungen ob der Abfahrt zu wecken.
Zudem wird es kalt. Richtig kalt!

Die letzten 1.000 Meter kurbele ich neben einem Teilnehmer her, der die ganze Zeit flüstert. Mit sich selbst redet, offensichtlich. Kurz, bevor ich dann später in die Abfahrt gehe, sehe ich ihn, wie er sich bekreuzigt. Hat der etwa die ganze Zeit gebetet? Na, ganz so möchte ich zwar nicht übertreiben, aber ich kann seinen Respekt vor der Hahntennjoch-Abfahrt verstehen. Schon bei guter Sicht, trockenen Straßen und höheren Temperaturen ist sie vor allem im oberen Teil sehr gefährlich.
Auf der Passhöhe halte ich an. Danke, Lars, dass Du so mitgedacht hast, Dir die ganze Zeit Deine Finger hast blau frieren lassen: Nun streife ich mir die trockenen, warmen Langhandschuhe über. Wische noch einmal über meine Brille (sinnlos) und gehe sofort in die Abfahrt.


Endlich oben. Jetzt warm einpacken und Vorsicht in der Abfahrt!

Die Abfahrt vom Hahntennjoch gen Imst ist schwierig. Im oberen Teil kann man die Straße fast immer komplett sehen - wie beim Col d´Aubisque ist diese scheinbar gerade in den Fels gehauen. Doch ich weiß: Sie ist eben nicht gerade. Was man von Weitem nicht sehen kann sind die vielen kleinen Kurven, teilweise im 90-Grad-Winkel, wenige male auch spitzer. Es sind diese Kurven, die recht schmale Fahrbahn und die fehlende Fahrbahnbegrenzung nach links hin (es geht hier 150 m in den Geröllabhang), sowie der böige, ruppige Wind, die diese Strecke so anspruchsvoll gestalten.
Bei uns kommt heute natürlich noch die Nässe hinzu.

Ich fahre wie auf rohen Eiern. Merke jedoch schnell: Es ist weit weniger kalt, als noch 2013. Zudem, weiter unten, stoppt auch wieder der Nieselregen. Stellenweise sind Abschnitte der Strecke durch den pfeifenden Wind auch sogar schon trocken - ich komme hier heute wesentlich smoother und schneller runter, als bei meiner ersten Teilnahme.
Viele kann ich hier überholen - staune aber immer wieder, wenn mich 2, 3 ganz Verwegene mit massiv höherer Speed abzocken. So viel Vertrauen in den Bremspunkt. Habe ich nicht.

Weiter unten wird die Hahntennjoch-Abfahrt noch einmal hitzig: Hier ist der Asphalt aufgerauht. Man merkt das sofort im Zittern und Grummeln des Rennrads. Ich fahre hier bewusst langsamer. Duch die Aufrauhung haben Autoreifen mit Ketten bei Schnee und Glätte besseren Halt. Unsere 23 mm-Slicks verlieren ihn hier jedoch, zumal auf feuchter Fahrbahn, umso schneller.
In einer der Steilkurven stehen fahnenschwenkende Ordner: "Langsam! Extrem rutschig!", brüllen sie einem entgegen. Und: "Achtung, ganz langsam: Ölspur!". Ich zirkele mal lieber 5 km/h um die Ecke.

Dann endlich, die letzten, lang gezogenen Rampen. Man kann schon Imst sehen. Österreich - ich komme! Endlich wieder in Tirol. Ich freue mich. 
In Imst herrscht strenges 30 km/h Speedlimit. Mehr als eindringlich haben sie beim Briefing darauf hingewiesen, dass die Polizei auch Radfahrer lasern und die durchaus happigen Strafzettel zustellen wird. "Zudem hat die Polizei die Handy-Nummer unserer Rennleitung: Sie geben dann Eure Startnummern durch. Wer geblitzt wird, wird sofort disualifiziert!" Punkt.

Als Heiko 5 Minuten nach mir bei der Labestation ankommt, erzählt er grinsend: "Haste den Polizisten da gerade gesehen? Hinter den Mülltonnen. Genüsslich mit der Laserpistole ..." Mir ist keine Disqualifikation bekannt.


Gottseidank weniger schlimm als befürchtet: Die Abfahrt vom Hahntennjoch.

Endlich Labe! In Imst haben sie bei zünftiger Livemusik eines motivierten Akkordeonspielers ("Tage wie dieser" von den Toten Hosen als Volksmusik-Interpretation. Hammer.) wieder dick belegte Wurschtsemmeln, heißen Tee (Ahh, wie der gut tut!) und alles, was Herzen und der hungrige Rennradler-Mägen begehren. Ich bleibe bestimmt 20 Minuten hier: Länger, als ich wollte. Sicher. Aber meine Knochen sind dann doch tiefer gefroren als ich dachte, der Hunger größer als angenommen.
Hier labe ich mich im wahrsten Sinne des Wortes, stopfe mich voll und heize mich von Innen auf. Eine Wohltat! Eine Wiedergeburt.

Und doch: Ich weiß, dass jetzt erst der Tanz so richtig beginnt. Das nervige Zwischenstück bis zur Pillerhöhe steht an. Und hier werden traditionell mal so richtig die Körner gezogen ...

Zweites Zwischenstück: Jagdflug bis zur Pillerhöhe.


Es werden 25 Kilometer sein, die wir treten müssen. Schon bei meiner ersten Teilnahme - und das dann auch genau hier, als wir auf die Bundesstraße einbiegen und in dem teilweise dichten (aber nie gefährlichen) Verkehr fahren - wird mir klar, dass diese Zwischenstücke die wahren Prüfungen des Alpen-Traums (für mich) sind. 
Es ist flach. Aber nie richtig. Nie so flach, wie wir das hier in Hamburg kennen. Immer wieder wechseln sich kleine Rampen mit kleinen Abfahrten ab. Mal schnell, mal wieder langsam. Unrhythmisch. Nerven aufreibend. Schwer.
In diesem, nicht mal längsten der Flachstücke, stoße ich erstmals heute an meine Grenzen. 

Anfangs sind wir zu fünft. Vorn ein Pärchen, Mann und Frau. Meist führt er. Wir hängen uns erst einmal an beide. Dann holen wir eine älteren Teilnehmer ein, den ich locker auf 60+ schätzen würde (plus Rückspiegel), der aber ganz gut mithält. Bis Landeck - von wo aus die "kleine" Alpen-Traum Runde mit 146 Kilometern und 4.300 Höhenmetern startet - wechseln wir uns ein paar mal mit dem Pärchen ab. Ich kann mitten in einem Schneetunnel sogar eine stattliche Lücke zu einer größeren Gruppe zufahren. Und sogar noch einen Firmen-Van von Cervélo, der anscheinend zu einem anderen Event hier in Tirol unterwegs war - im Tunnel links überholen.
Als Heiko den Rest der Gruppe rangefahren hat, schüttelt er nur seinen Kopf: "Was hast Du denn genommen?"
Übermut.


Beim Alpen-Traum wechselt das Wetter von nasskalt ab
Imst (gottseidank) in trocken-warm. Overdressed.

Denn ab Landeck wird es fies. Durch die Stadt selbst komme ich noch relativ gut mit. Dann aber fahren wir auf die alte Via Claudia Augusta, die sich am Bergrücken eines Berges entlang schlängelt. Hier herrscht dichter Verkehr (der kürzere Landeck-Tunnel ist mautpflichtig) und so kann ich die Bergabstücke kaum genießen, mehr und mehr schlängeln wir uns zwischen stinkenden Autos hindurch. Eine Baustelle vermiest endgültig die Laune und die IMMER deutschen hupenden Idioten in ihren Blechdosen tun das Übrige.

Ich habe Seitenstechen von der hohen Geschwindigkeit. Mehr als einmal muss ich richtig schmerzhaft reintreten, um nicht den Anschluss an Heiko zu verlieren. Mir brennen die Beine, schon knurrt wieder der Magen: Keine besonders gute Ausgangsbasis für die Pillerhöhe.

Unsere Gruppe ist jetzt rund 30 Mann stark. Vorne schlagen sie immer wieder ein übel hohes Tempo an. Als es mal wieder recht steil bergan geht, lasse ich abreißen: "Scheiß drauf! Was soll das, dranbleiben und dann die Piller nicht hochkommen?!", denke ich mir. Hinter einem Felsvorsprung sehe ich Heiko. Auch er hat abreißen lassen.
Die haben hier aber heute alle eine geile Form am Start!, denke ich mir noch so, als wir in Fließ endlich abbiegen.

"So mein Lieber ...", kündige ich das Unvermeidliche an, drehe meinen Kopf zu Heiko: "... jetzt wird es richtig krass!"

In der Pillerhöhe – beim zweiten Mal tuts nicht mehr (ganz so doll) weh.


Von der Pillerhöhe bin ich schon ein mal an der Nase herum geführt worden. 2013, als ich mich vom durch Umbrail/Stelvio dominierten Höhenprofil habe täuschen lassen, und es nicht einmal für nötig erachtet hatte, bei Quäldich.de nachzulesen, was das denn für eine Pillerhöhe sein mag, über die ich da kurbeln muss.
Und dann der Name erst: Pillerhöhe. Pillepalle. Das kann ja gar nicht schlimm werden. Wieder so ein Füllberg, den sie einbauen, damit wir nur ja auf die Höhenmeter kommen. Die Hybris des Radsportlers: Ich kenne ja schon die ganzen krassen Berge. Pillerhöhe? Nie gehört - kann deshalb gar nicht fies sein. Dann die Länge. Nur 6,5 Kilometer lang. Da werde ich ja grad mal warm ...

Von wegen.

Pillerhöhe ist purer Schmerz. Die Rampen gehen richtig schön rein. Steil, von dem ersten Meter an. Die Pillerhöhe ist kein klassischer Pass. Keine mythische Strecke. Kein Hotspot für Motorrad- und Rennrad-Junkies.
Eher ein kleiner, schmaler Wirtschaftsweg. Und daher nicht für Verkehr ausgelegt. Hier fahren eher Traktoren. Also die Fahrzeuge, die Übersetzungen (wohl eher Untersetzungen) für die steilen Berghänge haben. Ich werde hier im Anstieg - außer den Alpentraum-Autos - nicht ein Fahrzeug treffen. Viel zu steil.

Doch erstaunlicherweise bliebt dieses mal der große Schmerz aus. Liegt es daran, dass ich ruhiger fahre, als noch 2013? Oder daran, dass ich jetzt schon weiß, was auf mich zukommt? Auch Heiko scheint mit der Pillerhöhe keine größeren Schwierigkeiten zu haben - er fährt mir regelrecht davon. Hat schon in den ersten Serpentinen im unteren Teil des Anstiegs schnell einhundert, zweihundert Meter Vorsprung. Wenige Minuten später (allerdings auch, weil ich anhalte um mich auszuziehen - Sonne, Hitze!) ist er dann ganz außer Sichtweite.

Als ich endlich die ersten sieben Serpentinen hinter mir habe, ist die Hälfte geschafft. Nur 6 Kilometer Länge? Bei nicht unter 11% durchgängig eine Tortur! Hier sehe ich denn dann auch den Ersten schieben. Aha, es gibt also auch welche, denen es noch beschissener geht, als mir. Das motiviert. Macht aber irgendwie auch Angst.

Als ich nach einer Stunde (!) die 6,5 Kilometer endlich geschafft habe, die Labestation ist in Sicht, ist Heiko schon fast fertig. Krümel vom Essen im Bart: "Ich würde gern nur kurz stehen ...", meint er, als ich gerade ächzend absteige. Das ist Heiko: Als IT-Fachmann zahlengetrieben. Er weiß schon, was mir erst in einigen Stunden klar werden wird. Nämlich, dass es eng wird heute mit dem Zeitlimit. Er kalkuliert im Geiste immer mit. Koppelt die Zahlen, berechnet voraus. 
Ich bin da entspannter: Verlasse mich mehr auf meine Erfahrung mit der Strecke 2013. Damals komme ich immerhin mit über einer Stunde Vorsprung auf das Zeitlimit in Laatsch an. Das sollte doch heute auch kein Problem sein?! Aber jetzt - will ich erst mal satt werden!

Wir stehen tatsächlich im Vergleich zur Labe in Imst nur sehr kurz. Kann daran liegen, dass es hier keine Wurschtsemmel gibt, oder auch daran, dass hier keiner zünftige Mucke zum besten gibt. Nur 10 Minuten später sitzen wir auf dem Rad.
Der kleine Gegenanstieg ist schnell weggetreten, dann geht es rasant an der Flanke des Kaunerbergs bergab. Ich liebe die Abfahrt - sie ist (wenn auch wesentlich kürzer und etwas weniger rasant) vergleichbar mit der des Jaufen beim Ötzi.
Ich ergebe mich dem Rausch der Speed - die Straße ist ja trocken - und kann mich schnell von Heiko absetzen. Der geht traditionell eher etwas seichter in die Talfahrten.

In einer der Kurven erwische ich etwas zu spät den Bremspunkt - dabei allerdings keineswegs unsicher - muss mich aber in der Innenseite zwischen Kurvenscheitel und einen Mitfahrer drängeln, der durch mich etwas härter bremsen muss. Sofort entschuldige ich mich per Handzeichen. Da kommt es von hinten herangebrüllt: "ARSCHLOCH, DU!". Ich höre auf zu beschleunigen, lasse ihn rankommen und rufe: "Entschuldigung! Kann ja mal pass...." "DU DUMMER WICHSER!", brüllt er komplett aufgebracht weiter: "IN DER NÄCHSTEN KURVE SCHIESSE ICH DICH AB, DU ARSCHLOCH!" Äh. Mmh. Okay. Ein Gefrusteter. Ich schüttele den Kopf und bremse. Startnummer merken. Man weiß ja nie. 
Er zieht an mir vorbei und poltert weiter. Ich hänge mich an ihn, nicht, um ihn zu verfolgen, sondern weil ich einfach nur schnell bergab will. Aber in einer der Haarnadeln, wo wir schön langsam sind, kann ich es mir einfach nicht verkneifen: "Baue Du Dir erstmal Dein lächerliches Mountainbike-Visir ab, Du Vogel!", brülle ich ihn an. Nicht gerade die souveränste Art, ich weiß. Doch er versteht mich, glaube ich, eh nicht.


Der kleine Streit ist schon vergessen, als ich später durch
den Zielbogen fahren kann.

Ein paar Serpentinen weiter, wir kochen beide im frischen Fahrtwind etwas herunter, setze ich mich neben ihn: "Hallo?", quatsche ich ihn an. "Hallooooo?" Er guckt. "Man, tut mir Leid! Ich wollte Dich echt nicht ausbremsen - hab nur zu spät gebremst. Wirklich: Sorry." Er schüttelt den Kopf. Eine Serpentine später: "Ach komm, jetzt hör mal auf! Ist doch halb so wild. Dafür müssen wir uns hier nicht so ankacken. Okay? Okay?" Keine Reaktion. Na gut, denke ich mir. Dann schmoll mal weiter. Und beschleunige.

Als ich unten in Kauns ankomme, mache ich langsam, um auf Heiko zu warten. Als er neben mir ist, bremst er ab: "Okay, alles gut. Hab´ Dich nur nicht gesehen und mich echt erschrocken." "Ja, kann ich mir denken. Sorry nochmal." Wir wünschen uns gute Fahrt. Na bitte, geht doch. Er zieht davon. Der Pöbeler wird nach 13:02 Stunden seinen Alpen-Traum finishen. Ich stalke seine Nummer: Nicht, um ihn anzuzeigen. Herzlichen Glückwunsch natürlich auch Dir!

Nachdem ich mich durch eine weitere Kuhherde zwänge und an einem Stromhäuschen zum pinkeln anhalte, kommt Heiko angefahren. Er hält auch an und verstaut die Klamotten, die er zu viel hat in seinem Rucksack. 
"Okay, und los!", motivieren wir uns. Vor uns liegt das letzte, dennoch welligste, nervigste und mithin längste der Flachstücke. 

Drittes Zwischenstück: Martina, Norbert und Nauders. So fühlt sich also der Hummer.


Nachdem ich im zweiten Zwischenstück und später in der Pillerhöhe an meine Grenzen komme, fühle ich mich jetzt eigentlich wieder ganz gut: "Geil, Heiko!", rufe ich ihm im Gegenwind zu, "Jetzt nur noch die Norbertshöhe und dann sind wir eigentlich auch schon im Umbrail!" Ich freue mich riesig, bin motiviert und meine Beine machen wieder gut mit.

Die Wellen, die wir auf dem Weg nach Martina in der Schweiz hier neben der Motorstraße abreiten, nerven: Steile, kurze Rampen, dann wieder - leider ebenso kurze - Abfahrten. Ständig am hoch- und runterschalten. Das hatte mich damals schon angenervt. Heute macht es mit dem Cervélo S5 und vor allem der elektronischen Di2-Schaltung doch schon sehr viel mehr Spaß - wenigstens müssen meine Finger nun weniger Kraft aufwänden, um die Gänge und Blätter aufzulegen.

Wir werden hier eine Stunde und 10 Minuten kurbeln. Durch das Inn-Tal pfeift ein starker Wind. Der dreht - so fühlt sich das zumindest an - kurz hinter Ried auf Rückenwind. Wenigstens die Baustelle "Gegenwind" bleibt uns also heute erspart und so erreichen wir durchaus auch in den kurzen Abfahrten hohe Geschwindigkeiten. 
Pfunds ist deshalb gefühlt schneller hinter uns, als befürchtet, obschon mir die Zunge ganz schön aus dem Halse hängt. Einige Kilometer hinter Pfunds geht es dann auch schon links ab in den Reschenpass. Für den Radverkehr gesperrt: Wir müssen über Vinadi in die Schweiz einreisen, nur, um drei, vier Kilometer später über Martinsbruck und die Norbertshöhe wieder nach Österreich auszufahren.

Die 29 Kilometer dieses letzten Flachstückes sammle ich irgendwie wieder Energie. Ich fühle mich immer besser, kann kraftvoller treten und merke auch daran, dass Heiko immer öfter abreißen lassen muss und später auch in der Norbertshöhe eine ähnlich miese Figur macht, wie ich in der Pillerhöhe. Bis zur letzten Kehre kurbelt er weit hinter mir und flucht nur noch. Da geht es mir gerade eindeutig besser. Oder geht es Heiko einfach nur schlechter?

In der Norbertshöhe kann ich aufdrehen. Naja, sagen wir mal so: Im Vergleich zu den anderen Teilnehmern werde ich wenigstens nicht mehr (so häufig) überholt. Das Feld hat sich also konsolidiert. Die Schnellen sind schon vorn. Hier hinten fahren wir nun alle die selbe Speed. Auch beginnen wir, die ersten Teilnehmer der kleinen Alpen-Traum-Runde einzusammeln. Wir erkennen sie an den roten Startnummern. 
Als Nauders in Sicht kommt und wir die kurze, aber schnelle und angenehme Abfahrt in Angriff nehmen, fühle ich mich kurz daheim. Schon 2012 hat mir dieser Ort beim Dreiländergiro gefallen, 2013 bei meiner Teilnahme am Race Across the Alps (RATA) habe ich mich noch mehr in Nauders verliebt.

Zeit zum Sentimentalwerden bleibt freilich keine: Eine steile Rampe auf dem Radweg aus Nauders hinaus muss ich erklimmen, dann erreichen wir die Labestation Nauders. Die Letzte vor dem Umbrail. Hier entscheidet sich mein Rennen. 

Zeitlimit in Laatsch – Entscheidung am Reschenpass.


Als ich ankomme, sind wir geschlagene 8 Stunden unterwegs. Es ist 14 Uhr. Die Sonne brennt. Ich lasse mich, mit einer Schale köstlicher Pasta und drei dicken Scheiben Melone ausgestattet, ins Gras fallen. Muss husten. Erst jetzt merke ich, dass mein Eindruck von der Norbertshöhe wohl nur eine Fata Morgana war: Ich bin richtig im Eimer! Beine wie Pudding, Motivation auf dem Nullpunkt.
Neben mir stöhnt ein Anderer: "Ich kürze ab! Kein Bock mehr!" Weiter neben uns zwei, die unterhalten: "Umbrail? Schaffen wir eh nicht mehr!" Zwei Fahrer mit Trikots der Mecklenburger Seenrunde grüße ich - die sehen noch halbwegs fit aus. Heiko beugt sich über mich: "Los Lars, wenn wir im Limit bleiben, machen wir den ...!"

Im Limit? Noch 1:30 Stunde bis sie in Laatsch die Strecke über den Umbrail dicht machen. Mir ist das aber gerade mal scheißegal. Mir geht es beschissen. Absturz direkt hinter Nauders. Genauso wie 2013! Noch immer atme ich schnappend, schon die zweite Schüssel Pasta, schon eine halbe Melone gefuttert. Nüsse, Trockfrüchte und gefühlt einen Liter Pepsi schütte und schaufle ich in mich hinein.
Heiko wie auf heißen Kohlen.

"Ich mache schon mal los. Komm, Lars, lass uns den Umbrail machen!" Wieder schüttle ich den Kopf: "Ist doch egal, dann sammeln sie uns halt im Anstieg ein ...", meint er noch und fährt an.

Irgendwas hievt mich in den Sattel. Ich kann mich kaum motivieren. Heiko fast außer Sicht, die Radstraße den Reschenpass hoch nervt nur. Seicht ansteigend geht es auf der B-Straße neben uns bequem hoch - nur, die dürfen wir ja noch nicht nutzen. Statt dessen auf diesem Wellenbad ... ich könnte nur fluchen. Endlich, der Pass. Wir werden auf die große Straße gewunken. Ich klemme mich hinter Heiko. Es geht zunächst langsam, dann schneller.
Wir erreichen Resia. Südtirol. Hach. Jetzt anhalten und in einen dieser Speck-Läden. Ich liebe Tiroler Schweinereien!
Aber nein, hier hänge ich schwitzend hinter Heiko. Großes Blatt und gib ihm!


Der Reschensee. Im Hintergrund schillert das knapp 2.800 m hohe Stilfser Joch.

Rechts der Reschensee. Hinter uns eine Autoschlange. Geduldig, das Eine ums Andere, überholen sie uns. Es sind wieder nur die Piefkes, meine nervigen Landsleute, die hupen. "Määäh, meine Straße ... blöde Radfahrer!" äffe ich sie nach, wenn sie mich überholen. Noch dazu ohne ausreichenden Sicherheitsabstand. Ach, Deutsche. Ihr habt es einfach nicht drauf.
Heiko brüllt von vorn über seine Schulter: "Könnten wir ... schaffen! Ich freue ... auf Reschen ... Abfahrt! Mein ... Höhepunkt!", sagt er, und tritt noch mehr rein.

Wir ballern durch die Fischerdörfer am Reschensee auf italienischer Seite, schlängeln uns durch einen Stau und knallen in die rasante Abfahrt. Die fahre ich heute zum dritten Mal und weiß daher, dass hier fiese Abwinde vor allem auf den rechtsseitigen Abschnitten gefährlich an Rennrad und Fahrer zerren - und das mitten in schwerem Verkehr.

Dennoch kann ich sogar ein, zwei Autos überholen, an einem durch einen Traktor verursachten Mini-Stau geradezu vorbeisegeln und einen holländischen Caravan mitten in der Kurve rechts liegen lassen. Das Adrenalin, das mir aus Nase und Ohren tropft, sollte an Heikos Radbrille klatschen.
Kreisverkehr, Laatsch rechts. Rausnehmen: Here we are.

Es ist 15:31 Uhr, als wir am Ortseingangsschild von Laatsch ankommen. Heiko gibt Gas. Kann ja sein, dass meine Uhr vorgeht ... wird er sich denken.

Es ist 15:35 Uhr, als wir über eine Zeitmatte des Alpentraum-Zeitnehmers fahren, links abbiegen müssen, an Daniel Beck vom Alpecin-RoadBike-Team vorbeifahren, der gerade auf zwei Teilnehmerinnen einredet, und uns dann zwei Fahnen-Ordner an einer Einmündung die Richtung zeigen.

Wieder links abbiegen.
Es geht also nicht in den Umbrail.

Anstieg nach Sulden – endlich im Finish des Alpen-Traum!


Ich bin einerseits maßlos enttäuscht, dass wir das Limit nicht geschafft haben. Fünf Minuten nach Streckenschluss! Andererseits auch froh. Ich weiß, was im Umbrail auf uns warten würde: 16 Kilometer steiler Anstieg. Das ganze im Schatten. Kalt. Oben noch steiler. Ich konnte im Reschenpass das Stilfser Joch sehen: Es lag im Nebel. Nass?
Heiko schließt zu mir auf: "Lousy Legs wird immer besser!", scherzt er: "Wir haben die Rückstand auf das Zeitlimit im Vergleich zum Alpenbrevet halbiert!" Er kann lachen. Ich nur grinsen.

Na, egal, sage ich mir. Anscheinend waren wir heute tatsächlich richtig schlecht. Wenn ich 2013 hier noch mit einer Stunde Vorsprung angekommen war und wir heute demnach eine Stunde langsamer waren, dann kann unsere Form wirklich nicht gut sein! Kein Wunder - ohne Training, nur die paar Kilometer und Höhenmeter der Rennen in den Beinen. Andererseits: Dafür schlagen wir uns dann wiederum gar nicht so schlecht ... 

"Einhundertneunundneunzig ...", ruft Heiko. Starrt auf sein Display. Dann: "Zweihundert! Geil!", freut er sich: "Ich bin noch nie 200 Kilometer in den Alpen gefahren." Na bitte, wenigstens ein Erfolgserlebnis.
Als ich 2013 hier in diesem Abschnitt war - es war mindestens genauso heiß wie heute, habe ich kurz angehalten, eine kleine Pause gemacht, den Blick ins Tal auf die endlosen Apfelhaine genossen und meine Freundin angerufen. Das machen wir heute auch so, entscheiden wir uns, und halten an einer kleinen Bar an.
Stellen die Rennräder ab.
Setzen uns in die Sonne.
"Buon giorno!", grüße ich die Bardame. Wir bestellen uns zwei große Apfelschorle. Die machen sie hier aus frischen Äpfeln. Die Sonne scheint uns auf die Nasenspitze. Wir stöhnen - und leben.
Viele Fahrer schießen an uns vorbei. Einer dreht dann doch auch um, als er uns sieht. Setzt sich zu uns. Apfelschorle. Gesicht gen Sonne. Genuss. 

Nach 30 Minuten raffen wir uns auf. Die letzten 22 Kilometer stehen an. Endanstieg nach Sulden. Wir machen hier heute 4.500 Höhenmeter. 1.600 hm werden fehlen, um den Alpentraum zu finishen. 1.000 hm werden fehlen, um den Ötztaler zu überbieten. Und doch: Wir werden zufrieden sein, als wir oben ankommen.


Komisch: Keine 50m nach dem Ziel sind alle Schmerzen vergessen. Naja, fast alle ...

Vorher freilich wartet das "Monster nach Sulden". Es sind wenige Kilometer bei um die 7% seichte Prozent bis Gomagoi ab Prad, dann wird es fies. Der Endanstieg zieht nochmal bei bis zu 18% alles aus den Waden, was da noch so drin sein könnte. Ächzend knarzen die Knie, flehend knirschen die Tretlager. Hier leiden einfach alle. Ab Gomagoi geht es 5 Kilometer richtig steil und hart zur Sache. Hier gilt es, einige wirklich fiese Rampen hinter sich zu bringen. Heute, daheim, da ich das hier schreibe, frage ich mich wieder einmal, wie man das mit 1.600 Höhenmetern mehr in den Beinen und nach einer rasanten, kalten und mitunter nassen Abfahrt vom Stelvio meistern soll?

Richtig beeindruckend ist der steile Tunnel vor dem kleinen Örtchen Außersulden, dann eine Haarnadelkurve, die sie auf einer achterbahnartigen Straße gebaut haben, die wie eine Sprungschanze in den Abgrund ragt. Nach den ersten 5 Kilometern - mir hängt heißer Atem aus der Fresse - wird es etwas flacher für 2, 3 Kilometer. Jetzt hat es "nur" noch 7 bis 9%, ehe es dann in den 4 letzten Serpentinen nochmal so richtig schön steil geht. Heiko brüllt in die Steile, erste Zuschauer - oder Begleiter - stehen in den Haarnadeln und feuern uns an. Ich weiß, wenn wir jetzt hier hoch sind, war es das dann endlich. Dann geht es nur noch 2 Kilometer halbwegs flach nach Sulden hinein. Das wars dann.

Hier hatten die RoadBike-Redakteure 2013 einen kleinen Fotoverschlag aufgebaut, um die schlimmsten Alpen-Traum-Gesichter abzulichten. Schade, heute hätte ich mich gern auf den Fotohocker fallen lassen - meine fertige Visage hätte es sicher auf das Cover der RoadBike geschafft.

Es wird etwas flacher. Dann steht das Schild, auf das wir uns so lange gefreut haben: "Finish 1 km". Bei Heiko brennen plötzlich die Sicherungen durch. Auf einmal geht er aus dem Sattel und tritt wie ein Bekloppter an. Wie ein Mustang scheint sich das Cervélo unter ihm aufzubäumen, das Vorderrad hebt ab: Ich schüttle nur mit meinem Kopf, sehe, wie er mir auf den letzten paar hundert Metern davon knallt.
Scharf kippt die Straße nach unten ab, taucht weg. Letzte Kurve, 90 Grad, ich bremse an, gehe aus dem Sattel, wende kurz meinen Kopf: In 100 Metern Entfernung der AlpenTraum Zielbogen, reingetreten!
Ich schieße um die Kurve ... Heiko liegt neben der Straße. 

"Gestürzt?", rufe ich unnötigerweise, als ich hart bremse. Er betastet sich die Knie, zwei Ordner stehen kopfschüttelnd daneben. Es scheint nichts passiert zu sein: Anscheinend hat es ihn in seinem Speed-Wahn aus der Kurve getragen, der Bordstein hat das Rennrad abrupt gestoppt, ihn in das Gras daneben geworfen. Glück gehabt: Nur 2 Meter weiter hätte ihn wohl ein Jägerzaun aufgespießt.
Als ich sehe, dass alles in Ordnung ist, fahre ich langsam weiter und durchs Ziel: Die Uhr stoppt bei 11:05 Stunden. Heiko rollt einige Minuten nach mir durchs Ziel.

Wir sind froh und glücklich. Und am Boden zerstört. Beide zugleich, das geht heute.

Endura Alpentraum, die Zweite: Was ich gelernt habe.


Ich habe wieder das selbe Hotel, das gleiche Zimmer wie 2013 gebucht. Nachdem wir die Rennräder verpackt und abgegeben haben, können wir es gar nicht erwarten, in unsere Zimmer zu kommen. Wir duschen schnell den Schweiß und den Dreck des Tages ab - und springen sofort in die heiße Sauna. Dann lassen wir die Pastaparty aus, fleezen uns in das Restaurant und ich lasse mir die wohlverdiente Platte Tiroler Spezialitäten kommen. Den Hauptgang verputzen wir, als gäbe es kein Morgen.


Ich liebe Südtirol: Der Alpen und natürlich der
"Tiroler Schweinereien" wegen. Yummie!

222 Kilometer. 4.500 Höhenmeter. Eine Stunde Pausenzeit. 5 Minuten zu spät am Checkpoint. Bei 11 Stunden Fahrtzeit sind das 0,75%, die wir zu langsam waren. 0,75%.

Was habe ich gelernt?

1. Der Endura Alpen-Traum ist das härteste Eintages-Rennen für Jedermänner im Rennkalender. Abgesehen von der Platin-Runde des Alpenbrevet, die ich aber noch nicht einschätzen kann, bestätigt sich heute bei meinem zweiten Einsatz beim Alpentraum mein Urteil von 2013. Der Alpentraum ist wesentlich härter als der Ötztaler Radmarathon. Das liegt zum einen meiner Meinung nach an den steileren Bergen - Hahntennjoch, Pillerhöhe und Endanstieg Sulden sind einfach dermaßen harte Anstiege, dagegen machen sich Jaufen und (in Teilen) Kühtai und Timmelshjoch viel einfacher, rhythmischer aus. Zum anderen die Flachstücke - fast 3 der 11 Stunden Gesamtzeit verbringe ich in den insgesamt 75 Kilometern Wellenbad.

2. Der Endura Alpentraum fordert den kompletten Radfahrer. Für mich gestaltet sich der Alpen-Traum auch deshalb so schwierig, weil er einen kompletteren Radsportler fordert. Einen, der nicht nur stark (und schnell) bergauf ist, sondern vor allem einen, der auch Distanz kraftvoll wegtreten kann. Und genau diese Fähigkeit fehlt mir, aufgrund des Nicht-Trainings. Anders, als beim Ötztaler, der fast komplett ohne Flachstücke auskommt, und daher nur aus Bergauf und Bergab besteht, verausgabt man sich hier beim Endura-Rennen in den Flachstücken unendlich - nur, um dann unmittelbar nach diesen Etappen in extrem steilen Abhängen zu stecken. Kraft-Ausdauer ist bei diesem Rennen beiweitem die wertvollste Währung!

3. Ohne Training nicht zu schaffen. Gut, das klingt jetzt vielleicht komisch. Aber: Während ich den Ötztaler Radmarathon noch 2 Wochen vor dem Alpentraum in ähnlich trainingsloser Verfassung komplett ohne Krämpfe oder psychische Tiefs in relativ fitter Gesamtverfassung finishen kann (zwar 60 min langsamer als 2012, aber weit vor dem Limit und niemals in der Gefahr, vom Besenwagen eingeholt zu werden); und kann ich zudem die immerhin noch 5.200 hm umfassende Gold-Runde des Alpenbrevet in ebenso (halbwegs) guter Gesamtverfassung finishen, bricht mir dieser Alpen-Traum mal wieder das Genick: Dieses Rennen ist einfach eine richtig fette harte Nummer! 

Der Alpen-Traum ist mit nichts im Rennkalender zu vergleichen.


Wenn man diesen Berg sieht, hat man es geschafft: Tirols 
höchster Gipfel, der Ortler.

Heiko ist noch einen Tag später ziemlich niedergeschlagen. Für ihn zählt die ganze Rückfahrt, die wir fast schweigend verbringen, scheinbar nur der Umstand, wieder an einem Zeitlimit gescheitert zu sein. Ich sehe das anders: Wir haben in diesem Jahr, das nun weißtgott nicht zu den radsportlich besten unserer Saisons zählt, das Beste gemacht, was wir erreichen konnten. Haben all den Schwierigkeiten und Hindernissen zum Trotz die Herausforderungen der Alpen angenommen - und, das finde ich, uns den Umständen entsprechend wacker geschlagen haben. Zudem haben wir wieder tolle Rennrad-Abenteuer erlebt, den Rausch der Abfahrten, den Lockruf der Berge und die Kameradschaft im Peloton gespürt. Wir haben Geschichten geschrieben, haben Teamgeist gelebt, viel gelacht und daher keinen einzigen dieser Kilometer vergeudet. Im Gegenteil.

Ich schalte nach dem Finish mein DuraCase ab - es hat sich in 4 Stunden Regen, der Kälte und später der Hitze Südtirols wieder wacker geschlagen - und weiß, dass diese Saison 2014 nun vorbei ist.
Ich verspreche mir, in 2015 mehr zu trainieren. Nachdem der RAAM-Traum nun (vorerst) ausgeträumt ist, mein Kind in ein Alter kommt, in dem man nicht mehr 24/7 rund um die Uhr Wache halten muss, werde ich wieder etwas mehr Zeit haben, um mich dem systematischen Aufbau von Grundlage und Leistungsbereich zu widmen.

Denn im nächsten Jahr werde ich wieder einen attraktiven, durchgeplanten und auf einander aufbauenden Rennkalender zusammenstellen, der nicht aus der Not und in aller Eile geboren, sondern mit System erdacht worden ist.
Der Endura Alpen-Traum wird hierin sicher wieder seinen Platz finden. Und wie sagt man so schön? Aller guten Dinge sind drei. 2015 werde ich mir endlich das Finisher-Trikot für die lange Strecke verdienen. Wirklich.

Nachtrag, für die Statistik. 2014, die zweite Ausgabe des Endura Alpentraum. Es sind laut Starterliste 563 Teilnehmer für die lange Strecke gemeldet. Laut Ergebnislisten gehen 447 Starter am Morgen in Sonthofen auf die Strecke.
375 Teilnehmer werden als offizielle Finisher auf der Strecke Sonthofen-Sulden gewertet: Sieger Roberto Cunico mit 8:31 Stunden, als letzter wird Sven Hutter mit unfassbaren 13:46 Stunden in der Nacht den Zielbogen durchfahren. 


Vor allem habe ich Respekt vor all den Finishern, die
sich nahe des Zeitlimits durch die Nacht nach Sulden kämpfen. Wow!

37 Starter sind als DNF gelistet - das sind die, die während des Rennens an den Limits rausgenommen werden oder, am schlimmsten, oben auf dem Umbrail-Pass aus der Zeit fallen.
64 Teilnehmer - darunter Heiko und ich - werden nach Streckenschluss über Prad nach Sulden geleitet (oder tun dies freiwillig). 
Damit sind 101 der 447 Starter DNF. Das ist eine Quote von 22 Prozent.


Fotos von Sportograf.com und Lars Reisberg.














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